Wenn Verlage sagen wollen, dass ein Autor die Schilderung von Verbrechen mit hohem sprachlichen Anspruch verbindet, schreiben sie den "literarischen Thriller" in den Werbetext. So etwa Luchterhand nun bei Gerard Donovans Roman "Winter in Maine", der im Original nach seiner Hauptfigur, die auch der Erzähler ist, "Julius Winsome" heißt. Winsome ist ein Serienkiller, es dauert gar nicht lang in diesem schmalen Band, da erschießt er sein erstes Opfer. Aber er ist bestimmt einer der am zartesten beschriebenen Serienkiller der Literaturgeschichte. Und zumindest diese Rezensentin mochte ihn.
Donovan, ein Ire, der für seinen Schauplatz nordamerikanische Kälte und Weite brauchte, weiß zu berichten, dass sich ein israelischer Lesekreis wegen seines Buches zerstritten habe. Dabei muss der Leser nicht moralisch Stellung beziehen, wozu denn? Er muss sich nur beunruhigen lassen: Darüber, wie federleicht der Mensch ins Verhängnis rutscht, wenn ein Haltestöckchen bricht.
In dem nicht mehr jungen, eigenbrötlerischen, blumen- und literaturliebenden Julius Winsome braut sich die (erste) Tat schnell zusammen, nachdem ein unbekannter Jäger seinen Hund und einzigen Gefährten erschossen hat. Donovan erzählt das einerseits behutsam, andererseits mit kühlem Understatement. Winsome hängt ein Plakat auf, mit dem er um Hinweise bittet. Es wird nur beschmiert. Der erste Spätherbst-Sturm tobt um seine Hütte im Wald, und er glaubt, seinen Hund kratzen zu hören. Er steht vor dem Grab, weil er von Menschen gelesen hat, die nur scheintot waren. "Die Nacht ließ mich zu einem Stock gefrieren und schwang mich drohend gegen die Welt".
Die Welt, das sind in diesem Fall Jäger, die seiner Hütte nahe kommen. Er nimmt in Kauf, dass nur einer von ihnen der Hundekiller gewesen sein kann. Kollateralschaden würden andere das nennen. Nicht aber Winsome, er liebt schließlich Shakespeare. Er sagt zu einem seiner Opfer: "Und dein Geleit ist ein Galgenstrick."