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Literatur

03. Februar 2016

Cormac McCarthy „Der Feldhüter“: Wo sogar das Holz schreit

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Wen soll man in seinem Auto mitnehmen im unfreundlichen Land? Cormac McCarthy übt noch in seinem Debütroman "Der Feldhüter".  Foto: Reuters

Grausames Land: Cormac McCarthys Erstlingsroman „Der Feldhüter“ von 1965 liegt erst jetzt auf Deutsch vor. McCarthy kann schon viel, aber noch nicht alles.

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Nicht einmal eine Katze darf sich sicher fühlen in diesem unheilschwangeren, todgesättigten Land. Anderthalb Seiten folgt man ihrer „gemächlichen Anmut“, dann breitet sich „in der Dunkelheit ein Schatten um sie wie eine auseinanderlaufende Tintenpfütze, ein leise zischendes, federiges Geräusch“. Und weil sie eine Katze in einem Roman Cormac McCarthys ist, endet ihr Leben nicht mit dem Zugriff der Eule: „Am Briefkasten brachte ihn das hohe, dünne Wimmern einer Katze zum Stehen, das offenbar von direkt über ihm kam.“ Und noch einmal hört man sie, von ferner.

Die Gefühllosigkeit der Natur, ihr Kreislauf aus Fressen und Gefressenwerden, wird ausführlich in Dienst genommen im ersten Roman des 1933 geborenen US-amerikanischen Autors, dem vor allem die blutige Verfilmung von „No Country For Old Men“ zu Berühmtheit verhalf. McCarthys Debüt „The Orchard Keeper“ erschien 1965; die deutsche Erstausgabe in diesen Tagen unter dem Titel „Der Feldhüter“, fein übersetzt von Nikolaus Stingl.

Es passiert nicht sehr viel in diesem Roman, der zwischen den beiden Weltkriegen spielt, aber dafür spart McCarthy nicht an immer neuen Bildern des Elends, der Hässlichkeit, des Verfalls. Schlamm kriecht Wände hoch, man hört „leise Schreie gequälten Holzes“, Menschen sind abgezehrt, hohläugig, sitzen und starren „ohne Hoffnung, Staunen oder Verzweiflung auf das heruntergekommene Land“. Und wer sich seinem Schicksal nicht ergibt, ernährt sich eher nicht rechtmäßig.

Menschen wie Scherenschnitte

Drei Männer unterschiedlichen Alters werden zufällig miteinander verbunden – Frauen spielen so gut wie keine Rolle. Marion Sylder, Alkoholschmuggler, tötet in Notwehr Kenneth Rattner, bei dem er sich zwar gleich sicher war, „dass er sich in Gegenwart des Bösen befand“, dieses Böse aber trotzdem im Auto mitnahm. Später stürzt Sylder auf der Flucht vor der Polizei mit seinem Auto in den Fluss und wird von John Wesley, Rattners Sohn, rausgezogen. Weder weiß der Junge, warum sein Vater nicht wiederkommt, noch weiß Sylder, dass er den Vater des Jungen getötet hat. Eine leise Freundschaft entsteht. Das Dreieck wird vervollständigt durch einen alten Mann, Arthur Ownby, mit räudigem Hund. Jahrelang hütet er die in einen Tank gekippte Leiche, jedes Jahr wirft er wie ein Zeremonienmeister eine frisch geschlagene Zeder drüber. John Wesley wird ihn als „Onkel Ather“ kennenlernen.

Cormac McCarthys Figuren sind wie Scherenschnitte. Sie frieren, wenn sie im kalten Wasser waren, aber über ihre Gefühle erfährt der Leser nichts. Sie stapfen durch ihr Leben, als hätten sie keine Wahl, nirgends, und ohnehin kein Interesse, sie zu nutzen. Ihr Gesicht ist eine „in Schwarz und Orange geätzte Harlekinmaske“, oder sie zeigen das „Desinteresse eines professionellen Meuchelmörders“. Seltsam, wie sie im Verlauf des Romans immer nur vorbeizuhuschen scheinen. Nicht seltsam, wie man sich also bis zuletzt kaum für sie interessiert.

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Sie leben auf einem roterdigen, armseligen, grausamen Land rund um Red Branch, Tennessee. Die Jagd – auf Waschbären, Stinktiere sogar – ist so ziemlich ihr einziges Vergnügen. Und wenn frierende Jungs in einer Höhle ein Feuer machen, müssen sie sich schon bald wieder nach draußen retten, um nicht zu ersticken. Und wenn Männer auf einer Kneipenveranda saufen, stürzen sie schon bald in den Abgrund. Und wenn sie dann da liegen, verletzt oder tot, werden sie von Kenneth Rattner beklaut.

Das Buch

Cormac McCarty: Der Feldhüter. Roman. A. d. Engl. v. Nikolaus Stingl. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2016. 288 S., 14,99 Euro.

Cormac McCarthys Erstling ist bereits voll atmosphärischer Wucht und metaphorischer Kraft, vor allem in den Naturschilderungen. Aber „Der Feldhüter“ ist auch ein Roman, der zu viel links liegen lässt und sich zu sehr aufs Raunen verlegt. Dinge deuten sich an – und werden nie wieder erwähnt. Geschichten brechen ab, als hätte der Autor das Interesse an ihnen verloren. Motive werden seitenlang aufgebaut – etwa, dass der Junge sein Bett auf der Veranda, an der Luft haben will – und spielen plötzlich nicht mehr die geringste Rolle.

Ein dichter Text, einerseits, prall an Wörtern (Trauben von Adjektiven!) und Stimmung. Ein in seiner Sprunghaftigkeit irritierender, unausgereifter Roman andererseits. Cormac McCarthy muss damals noch geübt haben.

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