Czeslaw Milosz (1911–2004) ist für ein größeres Publikum in Deutschland ein Unbekannter. Das verwundert – schließlich hat er 1980 den Nobelpreis bekommen, den er gewiss nicht nur seiner hervorragenden Dichtung, sondern auch dem Geist seiner Epoche zu verdanken hat. Die Werftarbeiter der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc haben ihn mit ihren friedlichen Streiks für Brot und Freiheit mehr oder weniger aus seinem Exil befreit, in dem er sich seit Januar 1951 befand. Dreißig lange Jahre hatte er im kommunistischen Polen nicht publizieren dürfen. Seine auf Polnisch verfassten Texte erschienen bis 1980 ausschließlich im Pariser Exilverlag Kultura, den sein Freund Jerzy Giedroyc leitete.
In Deutschland wird Milosz meistens mit seinem Buch „Verführtes Denken“ in Verbindung gebracht, dem von Karl Jaspers gelobten Essayband über die zerstörerische Beherrschung des menschlichen Intellekts durch das kommunistische Regime aus dem Jahre 1953. Eingeweihtere kennen noch seinen Kindheitsroman „Das Tal der Issa“ und das Gedicht „Campo di Fiori“, das jedwede Art von Inquisition anprangert, hier am Beispiel der Hinrichtung Giordano Brunos im Jahre 1600. 1943 geschrieben, ist es ein subtiler und verzweifelter Kommentar zu den schrecklichen Ereignissen während des Aufstandes im jüdi-schen Getto in Warschau.
Aus Anlass des 100. Geburtstags von Czeslaw Milosz erinnert Halma, das Netzwerk europäischer Literaturinstitutionen, im Rahmen des internationalen Projektes „Letters to Milosz“ an sein Buch „West und -Östliches Gelände“ (Köln 1980). Weitere Informationen unter www.letterstomilosz.eu
Artur Becker, 1968 in Bartoszyce (Masuren) geboren, veröffentlichte zuletzt den Roman „Der Lippenstift meiner Mutter“, weissbooks.w 2010.
Das war’s dann aber auch schon. Der deutsche Leser muss ins Englische wechseln, will er die ganze kulturgeschichtliche Bandbreite des Werkes von Milosz kennen lernen. Neuauflagen bereits übersetzter Werke sind rar.
Seine eigene Religion
Der Essayband „Das Land Ulro“ zum Beispiel, 1982 in Köln erschienen, ist nur antiquarisch erhältlich, obwohl gerade dieses Buch eine tragende Rolle im religiös-transzendenten Denken des polnischen Dichters spielt. William Blake, Emanuel Swedenborg, Dostojewski, Gombrowicz, Simone Weil, Beckett und Oscar V. Milosz, der französisch-litauische Dichter, ein entfernter Verwandter, sind hier die Hauptfiguren: Ihre Werke werden in den Dienst des Synkretismus – quasi Milosz’ private Religion – gestellt.
Man kann all die erwähnten Autoren mit Ausnahme von Beckett als Milosz’ Verbündete im Kampf gegen den Agnostizismus, Atheismus und Nihilismus ansehen, aber auch gegen einen übermächtigen Biologismus, der Swedenborgs Jenseitsreisen belächelt oder Dostojewskis Frage nach dem Ursprung des Bösen in der Welt eindeutig zu erklären versucht. Den Namen Ulro leiht sich der polnische Dichter von der symbolischen Poetik Blakes aus, der einen traurigen Ort, an dem Einsamkeit und Entfremdung herrschen, so bezeichnet. Blake meint aber nicht bloß die Hölle, sondern unsere Zivilisation.
Nach dem Zweiten Weltkrieg geht Milosz, der die moderne Zivilisation in seinen Texten von Anfang an scharf kritisiert, ausgerechnet in die USA. Und während seiner Anfangsjahre in Washington, als er im diplomatischen Dienst der Volksrepublik Polen arbeitet, liest er aufmerksam die moderne amerikanische Dichtung, etwa W. H. Auden oder Karl Shapiro. Er entwickelt sich zu einem großen Erneuerer der Dichtung, nicht im Sinne der Avantgarde, die er skeptisch betrachtet hat, sondern im Sinne der Ontologie und der Wertefindung. Nicht umsonst fragt er in seinem Gedicht „Vorwort“ von 1945: „Was ist Poesie, wenn sie weder Völker / Noch Menschen rettet?“
Nur wenige Dichter haben ihre Lyrik so als geeignetes Instrument im Kampf gegen die Überbetonung des Rationalen begriffen wie Milosz. Der kalte Verstand, der sich gegen unsichtbare Welten wie zum Beispiel das Jenseits und die Ewigkeit standhaft wehre, dürfe nicht Gesellschaft und Kultur beherrschen, so Milosz. Ihn beschäftigt außerdem die Möglichkeit einer Rettung vor dem schmerzlichen Dualismus unserer vergänglichen Existenz.
In seinem umfangreichen poetischen Werk geht es also hauptsächlich um die uralte eschatologische Frage nach der Ursache für die Vertreibung aus dem Paradies und dem Fall der Seele in den Kreislauf der Geburt und des Todes. Milosz muss man deshalb unbedingt als einen religiösen Dichter bezeichnen. Seine Gedichte sind philosophische, theologische und metaphysische Mini-Traktate und Betrachtungen. Sie wirken auf die Imagination des Lesers derart ein, dass man beginnt, die historischen, kulturgeschichtlichen und kausalen Bausteine unserer Zivilisation als eine faszinierende und apokalyptisch wirkende Ganzheit zu sehen.
Im Gedicht „Was groß war“ von 1959 schreibt er: „Was groß war, hat sich als klein erwiesen. / Reiche verblassten wie verschneites Kupfer.“ Der Dichter misstraut der Welt und der poetischen Form, obwohl er sie meisterlich beherrscht, genauso wie seine polnische Muttersprache; er ist ihr im Exil immer treu geblieben.
Milosz wird 1911 in Litauen geboren, einem Land, das zu jener Zeit von heidnischen Mythen und Legenden geprägt ist. Die Natur seines Geburtsdorfes Szetejnie wird zu seiner Lehrmeisterin im Guten wie im Bösen. Er erkennt früh die dualistisch-manichäischen Charakterzüge der Natur, deren Erbarmungslosigkeit und Schönheit zugleich unbegreiflich sind. Der Fluss seiner Kindheit, Niewiaza, bringt Milosz die Philosophie des Heraklit näher, er ist fasziniert von der Vergänglichkeit der Reiche, Staaten, Kulturen, Sprachen und Menschen.
All diese kosmologische Energie der litauischen Landschaft mit ihren magischen Wäldern und Seen begleitet Milosz nach Vilnius, wo er Jura studiert: in der Stadt von Adam Mickiewicz, dem polnischen Nationaldichter und Romantiker, aber auch in einer Stadt, in der der Nationalismus der Polen, Litauer und Russen blüht, in der der Antisemitismus und die Apostasie der jungen Juden, die mit dem Kommunismus flirten, aufeinanderstoßen.
In Vilnius trifft er Dichterkollegen und wird zum Mitbegründer von „Zagary“ (litauisch für Brenngestrüpp), einer Gruppe gleichgesinnter Lyriker, die sich Katastrophisten nennen. Mit 25 veröffentlicht er „Drei Winter“, seinen zweiten Gedichtband: In der literarischen Landschaft Polens ist er damit auf Anhieb so berühmt wie umstritten. Man fragt sich, woher der pessimistische Ton dieser Gedichte kommen mag. Woher dieser Drang nach Unverfälschtem, Unaussprechlichem und Unvergänglichem? Der Mensch erscheint hier wie göttlich-teuflisches Beiwerk: Die Welt selbst ist die Hauptfigur, die ständig ihre Identitäten ändert, weil sie vergeht und wieder neu entsteht. Der Onkel Oscar Milosz, ein in Frankreich hoch geschätzter Intellektueller und Diplomat im Dienste des jungen litauischen Staates, übt auf den wilden jungen Mann starken Einfluss aus. Ein Stipendium in Paris Mitte der Dreißiger besiegelt die literarische Freundschaft zwischen den beiden Männern.
Der Nein-Sager
Erst viele Jahre später kehrt Milosz wieder nach Paris zurück, an die alte Wirkungsstätte seines Onkels, dessen Prophezeiung, 1939 werde der Zweite Weltkrieg beginnen, schreckliche Erfüllung gefunden hat. Diese Rückkehr ist aber keine gewöhnliche: Milosz verlässt im Januar 1951 den diplomatischen Dienst und entscheidet sich für das Exil. Ausschlaggebend ist sein Verzicht, 1950 an der Neujahrsfeier des Polnischen Schriftstellerverbandes teilzunehmen. Der Stalinismus hat auch in Polen sein wahres Gesicht gezeigt, und die Teilnahme an der offiziellen Feier hätte für den späteren Autor von „Verführtes Denken“ politisch-moralischen Bankrott bedeutet. Der Emigrant lässt sich mit seiner Frau und den beiden Söhnen im Pariser Vorort Brie-Comte-Robert nieder. Er bleibt bis 1960, bis zu seiner Berufung als Professor für Slawistik an die Universität in Berkeley.
In Polen wird er rasch zum Renegaten und Verräter erklärt. Aber Milosz’ „Nein“, 1951 in der Kultura veröffentlicht, ist nicht nur ein Aufschrei des Protestes gegen die Versklavung im Namen der kommunistischen Ideologie, er kann auch den folkloristischen Nationalismus, Katholizismus und Opportunismus nicht akzeptieren: ähnlich wie sein Pendant Witold Gombrowicz, der zweite große Emigrant. Wer übrigens Milosz’ Buch „West- und Östliches Gelände“ von 1958 in die Hand nimmt, wird sich sofort über den scharfen Ton, in dem Milosz seine Landsleute kritisiert, mächtig wundern – als hätte ihm Gombro-wicz beim Schreiben mit Rat und Tat zur Seite gestanden.
Eine Rückkehr nach Polen schloss er immer aus. Doch nach der Wende 1989 sucht er sich eine Wohnung in Krakau. Seine letzten Dichtungen, der Band „Hündchen am Wegesrand“ oder die Gedichtsammlung „Das“ etwa, lesen sich wie universelle philosophisch-theologische Ratgeber, Traktate und Parabeln für jedermann.
Die letzte Frage wäre: Ist er glücklich gewesen? Das ganze 20. Jahrhundert hat er gelebt: 93 Jahre! Sicher ist nur eines: Er war ein unermüdlicher Zeitzeuge, und er schrieb das Gedicht „Das Lied vom Weltende“ – eines der schönsten überhaupt!
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