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Literatur

05. Januar 2016

Daniel Anselme "Adieu Paris" : Urlaub vom Sterben

 Von Cornelia Geissler
Eine Tuareg-Einheit der französischen Armee im Jahr 1954 auf Dromedaren durch Paris reitend.  Foto: picture alliance / akg-images

Aus der Zeit gefallen: Daniel Anselmes leidenschaftlicher Antikriegsroman „Adieu Paris“ wurde zu Unrecht vergessen.

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Dieses Buch kommt verspätet und auf einem Umweg zu uns. Die Schriftstellerin Julia Schoch hat es aus dem Französischen übersetzt und ihm ein ausführliches Nachwort beigegeben. 1957 erschienen, wurde das Buch in Frankreich beschwiegen, erlebte keine Neuauflagen, ist heute auf Französisch nicht lieferbar. Das liegt an seinem Erzählanlass, dem Algerienkrieg.

Zwei Millionen französische Männer wurden von 1954 bis 1962 nach Algerien geschickt, um die Kolonie zu „befrieden“, doch endete das mit der Unabhängigkeit Algeriens. Es ist eine nie ganz geschlossene Wunde in der Geschichte Frankreichs. Erst seit 1999 wird offiziell vom Algerienkrieg gesprochen – während er tobte, wurde er verdrängt. Wie er verdrängt wurde, was das für ein merkwürdig ausgelagerter Krieg war, davon erzählt Daniel Anselme in „Adieu Paris“ anhand von drei Soldaten auf Urlaub. Es ist ein Antikriegsroman, in dem man nichts von Kampfhandlungen liest. Doch der Krieg ist gegenwärtig, er hat die Seelen der Protagonisten beschädigt.

Drei Romane hat Daniel Anselme verfasst, „Adieu Paris“ war sein erster, er schrieb ihn mit 30. Ein zweiter folgte zehn Jahre später, ein weiterer nicht lange vor seinem Tod 1989. Anselme hieß eigentlich Daniel Rabinovitch, seine Mutter war Niederländerin, sein Vater war Russe, den Namen gab er sich während der Résistance, und wegen dieser Zeit im Widerstand war er später vom Militärdienst befreit. Er arbeitete als Journalist, kommunistischer Gewerkschafter, war bekannt als Kneipengänger.

In „Adieu Paris“ erzählt Anselme von zehn Tagen, vornehmlich den Nächten, im Leben seiner drei Männer Lachaume, Lasteyrie und Valette. Der Roman durchläuft einen Bogen von ausgelassener Stimmung am Anfang – wie Schuljungs necken sie einander im Zug – bis zu schierer Verzweiflung gegen Ende. Der Krieg ist für die Pariser weit weg. „Die Leute achten nicht auf die Gesichter von Soldaten; sie nehmen bloß die Uniformen wahr, und auch das nur nebenbei.“ Anselme erzählt anschaulich, wie gut es den Parisern geht; diese Schilderungen bilden den Hintergrund für die Seelenqualen seiner Helden: Die Leute ziehen sich nett an und gehen ins Kino oder Theater und nachher noch ins Café, sie tragen James-Dean-Frisuren, Lederjacken, haben schnelle Autos. Für die drei Kriegsurlauber erscheint das alles ohne Sinn. Sie wissen, dass sie wieder weg müssen.

Das Buch

Daniel Anselme: Adieu Paris. Roman. Aus dem Französischen von Julia Schoch. Arche, Hamburg 2015. 208 Seiten, 18 Euro.

Der eine, Unteroffizier Lachaume, ist in der Zwischenzeit verlassen worden, er hält die Trennung für verständlich, weil er nicht weiß, wie er seiner Freundin begreiflich machen sollte, was ihm „da unten“ passiert ist. 21 Monate hat er von seiner Zivilkleidung geträumt, zu Hause fühlt er sich nun als Eindringling. Der zweite, Lasteyrie, sucht Anschluss an andere, probiert, ein toller Kerl zu sein, scheitert dabei, und es gibt eine Vorahnung, dass er diesen Krieg nicht überleben wird. Der dritte, Valette, kommt aus dem Arbeitermilieu, seine Familie hält zu ihm; für den Autor sind seine Verwandten Funktionsträger der Antikriegsbotschaft.

Als Lachaume bei Valette zu Besuch ist, kommt er in eine andere Welt. Anselme wechselt erzählend ins Kammerspiel: Es gibt die fürsorgliche Schwester, die schwerhörige Oma, den treuen Vater, den wieder in die Rolle des Kindes zurückgefallenen Valette und den kommunistischen Nachbarn. Im Tischgespräch wird der Krieg ernst genommen. Doch der Nachbar redet wie ein Prediger. Und was schlägt er vor, als er aufruft, aktiv zu werden? Seinen Namen auf eine Unterschriftenliste zu setzen. Das wirkt so hilflos, dass auch Valette sich entfremdet sieht. Und seinem Freund Lachaume scheint es, „als seien Valette und er selbst tot, und zwar seit langem schon, getötet durch einen Kopfschuss in irgendeinem entlegenen Wadi, und dass die anderen es jeden Moment bemerken und schreiend den Tisch verlassen würden“. Das Gespenst der Krieges hat den Raum betreten. Die anderen sehen es nicht.

Ausgerechnet eine Deutsche, Lena, eine Gestrandete wie die Kriegsurlauber, die in der Stadt geduldet ist nur mit befristeter Aufenthaltserlaubnis, bringt Verständnis auf. Sie wird als Partnerin, als eine Art Kumpel akzeptiert. Sie trinkt mit den Soldaten, zieht mit ihnen durch die Nacht.

Anselme schreibt kraftvoll, mitreißend. Er verwendet sehr deutliche Vergleiche: Die Wut kondensiert auf einem Gesicht wie Wasserdampf auf einer Glasscheibe. Der Algerienkrieg war den unter Dreißigjährigen vorbehalten wie die Staublunge den Bergleuten. Er streut auch tragikomische Elemente ein, etwa wenn Lachaume in seinem Hotel beim Portier eine Großfamilie Algerienfranzosen auffindet, illegal eingewandert. Wie aus einer russischen Puppe springt ein Familienmitglied nach dem anderen hervor.

Der Roman bewegt sich kontinuierlich zu dem Punkt, da allen klar ist, wie sehr sie des Krieges überdrüssig sind. Der Urlaub ist ein Einschnitt, der ihnen das Aus-der-Zeit-gefallen-Sein deutlich vor Augen führt. Was diese jungen Männer mit sich herumschleppen, nennt man heute posttraumatische Belastungsstörung. Die Stadt, nach der die Soldaten sich zu Beginn ihres Urlaubs sehnten, ist nicht mehr die ihre. Weil sie nicht mehr dazugehören. „Das ach so elegante Paris schämt sich für seine schlecht gekleideten Soldaten, verschleißt sie aber permanent – ganze Jahrgänge gehen dabei drauf“, schreibt Anselme aus dem Blickwinkel seines Lachaume. „Tag und Nacht besudelt es sich mit ihrem Blut, wie eine Kokotte Rouge aufträgt.“

Dass dieses Buch zum Zeitpunkt seines Erscheinens nicht weiter diskutiert wurde, kann man sich erklären. Man konnte sich, als dieser Krieg aktuell war, nur auf zweierlei Weise zu ihm verhalten: den Roman ernst nehmen und damit nicht nur über die Handlung und die eindringliche Erzählweise nachdenken – oder ihn verschweigen. Es war nicht möglich, das Buch außerhalb der gesellschaftlichen Zusammenhänge zu lesen.

Der Roman hat seine Atmosphäre bis heute bewahrt. Er erzählt von Freundschaft und enttäuschter Liebe. Als antimilitaristisches Buch ist er genauso sinnvoll wie damals. Denn wer nach Afghanistan in den Einsatz zieht, kommt ebenfalls verändert wieder. Und wer spricht von diesen Soldaten? Auch sie bringen den Krieg in ihren Köpfen mit zurück nach Europa.

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