Thomas Lehr hat für seinen neuen Roman eine so nahe liegende Konstruktion gewählt, dass daran höchstens verblüfft, wieso das noch keiner vorher probiert hat. Vielleicht weil das Naheliegende so leicht missglückt. Nicht aber hier.
„September. Fata Morgana“ gibt vier Figuren Stimmen im Zeitraum von Anfang September 2001 bis zum Sommer 2004: Martin, einem deutschen Goethe-Spezialisten, der in den USA lehrt; seiner Tochter Sabrina, einer Studentin, die am 11. September 2001 bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben kommt; Tarik, einem irakischen Arzt, der in Bagdad arbeitet; seiner Tochter Muna, einer Studentin, die 2004 Opfer eines Bombenanschlags wird. Mit dieser west-östlichen Spiegelung eröffnet Lehr sich ein Erzählfeld sondergleichen, und er weiß es zu nutzen (dafür hat er sich umfassend informiert, wie der Danksagung am Ende zu entnehmen ist). Lehrs Figuren reflektieren, sinnieren, debattieren, hadern, aber nicht als Konstrukte, sondern als lebhafte Intellektuelle.
Alles Opulente, Epenhafte, das zu erwarten wäre bei einem solchen Stoff (Weltgesellschaft und Familie), hält Lehr zudem fern, indem er sich für eine rigorose Art zu erzählen entschieden hat. Einerseits zeigt das weitgehende Fehlen von Satzzeichen einen inneren Monolog an, andererseits geben die vielen Absätze (hier in der Zeitung platzsparend durch Diagonalstriche ersetzt) einen eigenwilligen Rhythmus vor.
Es ist ein zugleich nach innen und außen gewendetes Überlegen und Sprechen, der Gedankenstrom stockt an den Absätzen, um dann wieder zu gleiten. Es ist nicht kryptisch, aber es irritiert. Der Leser muss auf Draht sein. Manchmal entwickelt sich daraus eine antikische Wucht, als wär’s eine Sprechanweisung für einen Chor. „dieses Mal gehörten wir nicht zu den Glücklichen deren Freunde Verwandte / Frauen / Kinder / entkommen waren es / gab heftig aufflackernde Hoffnungen die abwegige Idee etwa Sabrina könne sich … etwas ganz anderes überlegt haben …“.
Martins Ex-Frau arbeitet im WTC. Ihre Tochter will sie an diesem Morgen besuchen. So banal geht das Schicksal vor. Eine sympathische Genügsamkeit, die er mit Tarik teilt, lässt Martin am 11. September an seinem Projekt „Goethe und die Frauen“ arbeiten, ohne dass er auch nur das Radio oder das Handy angestellt hätte. Tarik hat im Ausland studiert. Eine ältere Tochter war ebenfalls in Paris, wo sie zur irakischen Patriotin wurde. Jetzt wird sie verhaftet und gefoltert. Sein Sohn driftet zu den Fundamentalisten ab. Mit der jüngeren Tochter Muna versteht Tarik sich besonders gut.
Das ist alles kompliziert, verschlungen und darum so natürlich. Martin und Tarik sind beide zu klug, um in der Verzweiflung blind zu werden. Ihrer politischen Ohnmacht gibt Lehr mit einer kleinen Frechheit etwas Gemeinsames: Beide denken ihren PRÄSIDENTEN in Großbuchstaben, Saddam Hussein und George W. Bush, die nicht gleichgemacht werden, aber beide katastrophal wirken auf viele Menschenleben.
Bitter ist Tariks Blick auf den „Weltsicherheitsrat dessen Mitgliedsstaaten drei Viertel des Waffenbestandes des gesamten nahen Ostens geliefert haben und wohl deshalb so genau wissen was uns / SCHURKEN / zusteht / nämlich Hunderttausende unnötig an Infektionskrankheiten Unterernährung und Sepsis gestorbene Kinder die selbstverständlich allesamt nur dem zynischen Spiel unseres PRÄSIDENTEN zum Opfer fielen …“ Als aber das Regime angesichts der Anschläge auftrumpft, empfiehlt Tarik, Muna solle sich vorstellen, sie kenne ein Mädchen in ihrem Alter, das in den Türmen stirbt.
Tarik weiß, dass es Krieg geben wird. Auf der anderen Seite der Welt weiß Martin es auch. Aber „nicht trösteten die Bomben nicht im Geringsten ich wollte nur eine erbarmungslose (nein: effektive) Verbrecherjagd das schon / und etwas das dem / PRÄSIDENTEN / scheinbar ferner lag als der Mond auf dem seine Nation doch gelandet war / schamerfülltes skeptisches Nachdenken…“
Die Väter sind leichter zu verstehen als ihre Töchter. Beide haben ihre Geheimnisse, Liebe spielt eine Rolle, Lebensfreude auf eine herzzerreißende Art. Der Eindruck, dass sie ihrer Väter würdig sind, kann nur in einer Welt aufkommen, in der die Würdelosigkeit der Gewalt herrscht. Jenseits seiner literarischen Qualitäten ist „September“ eine Kampagne für den Respekt gegenüber Menschen. Lehr muss das nicht beabsichtigt haben, seine Figuren machen das. Und führen auch den seltenen Nachweis, dass Bildung Menschen tatsächlich daran hindern kann, Blödsinn zu reden.
Die „Fata Morgana“ aus dem Untertitel wird vielfach sichtbar. Sabrina schaut sich im Pergamonmuseum das Ischtar-Tor an, Muna unternimmt eine Besichtigungstour nach Babylon. Ohne Zahl die Anspielungen auf Goethe und Hafis. Sabrina erinnert sich ihres Kindertraums von einer „arabischen Prinzessin“, Muna wird das Mädchen im WTC nicht mehr los. Mythologische und reale Orte verschlingen sich, die antike Ausgrabungsstätte und die US-Kleinstadt Babylon. Das jenseitige Paradies und das Einkaufsparadies Macy’s. „unser Paradies“, denkt Martin, „ist nur noch / nicht zu wissen / was kommt“. In der Hafeneinfahrt von Boston mit dem Rose-Wharf-Gebäude erkennt Martin endlich Böcklins Toteninsel (zu Recht!).
Der aus Sicht Martins satirisch geschilderte 19. März 2003, an dem Bush (Gott ist auch dabei, ein Hündchen) den Angriff auf Irak befiehlt, ist sieben Jahre, Tausende Tote und einen Abzug später ein Fanal der Dummheit, aber auch des Horrors. Muna berichtet aus dem Krieg: „wir kramten das Fitness-Video eines amerikanischen Super-Modells heraus das in Manhattan aufgenommen worden war … man sah all die Hochhäuser in ihrer maßlosen Staffelung und dazwischen immer wieder die beiden noch unversehrten Türme des World Trade Centers wir drei knapp zwanzigjährige Frauen versuchten in dem engen Zimmer dessen Tür wir verrammelten wenigstens einige der platzsparenderen Übungen nachzumachen um nicht vollkommen steif und ungelenk / zu Tode gebombt zu werden ...“
Sprachlich und gedanklich ist „September“ eine kunstvolle und grundsätzliche Gegenwehr gegen das Leichtgängige, gefährlich Banale in Form und Inhalt. Auch in diesem guten Bücherherbst steht der Roman damit einzig da.
Lehr, 1957 in Speyer geboren, stand schon 2005 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, mit „42“. Auch da erwies er sich als Meister in der Kunst, fremde Lebenslagen völlig zu erfassen. In den Irak-Passagen von „September“ wird man auf die Vorderseite schauen, um sich zu vergewissern, dass das ein deutscher Roman ist. Auf der von den Lebenswelten der Autoren bestimmten Shortlist 2010 macht auch das Lehr zum Ausnahmekandidaten.
Thomas Lehr: Andernorts. Carl Hanser Verlag, München 2010, 477 Seiten, 24,90 Euro