Die große Zeit des Industriekapitalismus ist vorbei. Das mit ihm verbundene Versprechen schien bis in die 1970er Jahre hinein erfüllbar: Bis dahin bildeten Wachstum und Wohlstand 30 goldene Nachkriegsjahre lang eine Einheit. Dann aber kam der Abstieg, die Selbstverwertung des Kapitals setzte ein und treibt bis heute als – vorläufig – letztes Stadium in der Finanzökonomie ihr selbstzerstörerisches Unwesen. Nach dieser forcierten Selbstverwertung sollte eigentlich nichts mehr übrig sein. Oder kommt jetzt noch etwas hinterher?
Aber ja doch! In seinem neuen Buch „Die Krise der Arbeit“ spricht der französische Soziologe Robert Castel von einem „Systemwandel des Kapitalismus“ und versucht sich an einer ersten Richtungsbestimmung: Nach der totalen Entkollektivierung und Entsolidarisierung der Gesellschaft wird ein „hypermodernes Individuum“ auf der Bildfläche erscheinen, ein neues Leitbild menschlichen Lebens, das ohne das schützende Kollektiv des Staates zu leben hat – prekär, riskant, asozial, kriminell, vagabundierend.
Castel versteht seinen Befund nicht als neuen Lifestyle für Trendbewusste. Das Individuum ist vielmehr Symptom und Produkt einer tief greifenden Desintegration, es ist nicht länger das bürgerliche Subjekt. Denn das erlebte seine letzen glücklichen Stunden in den Hochzeiten des Kapitalismus. Wobei dieses Glück, da beugt der Franzose etwaigen Missverständnissen vor, nichts mit der Abwesenheit von Armut, Ausbeutung und Unterdrückung zu hatte, sondern damit, dass Ungleichheit überhaupt bekämpft werden konnte.
Keine komfortable Position
In der ständischen Gesellschaft vor der Durchsetzung bürgerlich-kapitalistischer Marktprinzipien nämlich waren „die Positionen von Herren und Sklaven oder von Grundbesitzern und Leibeigenen ... nicht eigentlich ungleich, sondern nicht zu vergleichen. Diese Ungleichheiten [waren] so gewaltig, dass sie als unabänderliche Naturgewalten erscheinen“. Eine „Regulation der Ungleichheit“ entstand erst mit der Industrialisierung und wurde damit zum „Kern der sozialen Frage“ – und der sozialen Kämpfe.
Vor diesem Hintergrund erweist sich das moderne Individuum als ein stets bedrohtes Wesen. Einerseits wird ihm vorenthalten, was ihm von seiner „Natur“ her zusteht, nämlich seine Würde, seine Teilhabe an gesellschaftliche Fortschritt und Wohlstand, zum anderen ist es integraler Bestandteil der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, nämlich effizienter Produktionsfaktor und Adressat eines großen Versprechens: seiner Freiheit. Nicht unbedingt eine komfortable Position, aber eine veränder-, wenn nicht verbesserbare.
Das moderne Individuum entfaltet sich im Medium von Verteilungs- und Aufstiegskämpfen, es ist über einen prinzipiellen Mangel definiert, den es in der Gesellschaft auszugleichen sucht: So entstehen die großen Gleichheits- und Umverteilungsregime. Nüchtern konstatiert Castel allerdings das Scheitern der Klassenfrage – zuerst die Sozialgesetzgebungen, dann aber vor allem die Verwandlung der proletarischen in Angestelltenmilieus haben die Antagonismen zwischen den Klassen in die Konkurrenz um Aufstiegschancen umgebogen.
Mit anderen Worten, der Angestellte liebt seinen Chef und fürchtet seine Nachbarn. Aber auch diese Zurichtung des Individuums, das sich den eigenen Erfolg am liebsten ganz allein zuschreibt und das Soziale nur noch als Hindernis empfindet, bleibt an die durch staatliche Institutionen gesicherten Transfers gebunden. Das Leben in den Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften, sie mögen mehr oder weniger demokratisch sein, ist einfach zu riskant: Leben, Gesundheit, Beruf, Reisen, Alter – all das will beschützt und versichert sein.
Ohne den Staat geht es nicht
Mag also das neoliberale Mantra gegen bürokratische und staatliche Zwänge immer noch ertönen, mag man im Sozialen also zunehmend eine Bedrohung des eigenen Status oder aber nur noch ein lockendes, für die Reproduktion unabdingbares Freizeitangebot sehen: Ohne den Staat und seine Institutionen, in denen die „Regulation der Ungleichheit“ abgesichert ist, geht es nicht. Jedenfalls solange nicht, wie wir von selbstbestimmten, eben modernen Individuen sprechen wollen. Was aber, wenn der Staat sich in Zeiten knapper Kassen aus seiner „regulatorischen Verantwortung“ immer mehr zurückzieht?
Dann verschwindet der öffentliche Raum und gibt die Bühne für das „hypermoderne Individuum“ frei. Das bedeutet zweierlei: Einerseits fällt es in seinen historisch gewordenen Entfaltungsmöglichkeiten hinter die mit der Industrialisierung eröffneten Horizonte zurück, denn es fällt durch alle Raster und ist nicht mehr Objekt der bürokratischen und staatlichen Regulation. Das von Castel „bloßes Individuum“ genannte Wesen lebt zumeist unterhalb gesellschaftlicher Wahrnehmungsschwellen, sein Elend wird bestenfalls noch verwaltet, aber gewiss nicht mehr bekämpft.
Auf der anderen Seite sieht Castel das „Individuum im Übermaß“ mit seinem unerschöpflichen Narzissmus: So wie es, nur noch ein Schatten seiner alten bürgerlichen Herrlichkeit, in endlosen Therapiesitzungen oder im einschlägigen Psychoselbstmotivations- und Ratgeberjargon sein Inneres als Sinnressource immer effektiver auszubeuten lernt, so sehr sollen und wollen wir offenbar verlernen, in Gesellschaft, das heißt, soziale Wesen zu sein. Mit anderen Worten, Glück ist zur Privatsache herabgesunken.
Das nicht bewusste Individuum
Castels Befund lässt ihn von einem Individuum sprechen, das „das erste ist, das lebt, ohne sich dessen bewusst zu sein, in Gesellschaft zu leben, das erste Individuum, das sich durch die Entwicklung der Gesellschaft nicht dessen bewusst zu sein braucht, dass es in Gesellschaft lebt“. Vor diesem Hintergrund bleibt dem Soziologen nur zu hoffen, die globale Hegemonie „selbstregulierter Märkte“ habe mit der letzten Banken- und Finanzkrise so sehr an Glaubwürdigkeit verloren, dass andere, sozialere Ideologien wieder zum Zuge kommen.
Den Kapitalismus plagt gerade ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem, doch schafft er sich mit dem „hypermodernen Individuum“ schon wieder die Voraussetzungen für seine Fortexistenz. Ob uns demgegenüber die, wie Castel meint, „Quadratur des Kreises“ gelingt und wir die „Sozialsysteme in den Binnenräumen der Gesellschaften rekonstruieren“ können? Der Angestellte von heute ist der prekär Beschäftigte von morgen, doch lässt er sich nur zu gern von der Hoffnung trügen, ihn – ausgerechnet ihn! – wird es schon nicht so schlimm erwischen.
Wir müssen also mit der Dummheit der Menschen rechnen. Und auch damit, dass sie ihr wohlverstandenes Eigeninteresse nicht mehr zu verstehen in der Lage sind, weil ihnen jeder Begriff des Gesellschaftlichen abhanden gekommen ist oder „Gesellschaft“ nur noch als Störung wahrgenommen wird. Die nächste Katastrophe wird also kommen, auch Castel scheint das zu spüren: Das Problem der Linken wie Castel ist seit jeher, dass sie offenbar immer nur auf Katastrophen reagieren können, über die Defensive aber nicht hinauskommen.
Robert Castel: Die Krise der Arbeit. Neue Unsicherheiten und die Zukunft des Individuums. A. d. Frz. v. Thomas Laugstien, Hamburger Edition 2011, 388 Seiten, 32 Euro.