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Neues Buch über Adorno: Das Schlaraffenland gleich um die Ecke

Adorno und der Fetischcharakter von Musik, Film und den übrigen Kulturgütern: Dirk Braunstein beleuchtet in einer eindrucksvollen Studie Adornos Ökonomiekritik und vermag dabei einige Ungereimtheiten zutage zu fördern.

Theodor W. Adorno hat seine Aussage später relativiert.
Theodor W. Adorno hat seine Aussage später relativiert.
Foto: dapd

Der Frankfurter Philosoph und Sozialforscher Theodor W. Adorno gilt nicht gerade als Fachmann für Wirtschaftstheorie. Bekannt geworden ist er eher durch seine Schriften zur Kulturindustrie oder zur „autoritären Persönlichkeit. Und doch, so die These des Soziologen Dirk Braunstein, sind es ökonomische Kategorien, die das heimliche Zentrum von Adornos Kritischer Theorie bilden. Braunstein zeigt in seiner lesenswerten Studie, wie sich der Philosoph zeit seines Lebens darum bemüht, moderne Kulturphänomene mit den Mitteln der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie zu verstehen.

Schon in den 30er Jahren gelangt Adorno zu der Überzeugung, dass Jazz und Radiomusik nichts als gewöhnliche „Waren“ seien. Als Waren haben sich Musik, Film und andere Ausdrucksformen vom „Fetischcharakter“ der übrigen Warenwelt anstecken lassen. Dieser verleitet die Konsumenten dazu, von Firmen in die Welt gesetzte Dinge maßlos zu verehren und sich über den Charakter der Gesellschaft zu täuschen. Kulturelle Güter werden ihres Gehalts beraubt und wie beliebige andere Industrieprodukte in den Kreislauf von Produktion und Massenkonsum eingespeist.

Braunstein folgt Adorno Schritt für Schritt bei diesen Gedankengängen, die oft alles andere als zwingend sind. So wird etwa die fragwürdige These, dass Kulturgüter heute ganz genauso produziert und konsumiert werden wie Dosensuppen oder Autos, noch fragwürdiger, wenn man Adornos Idee ernst nimmt, dass der moderne Konsument gar nicht mehr am Gebrauchswert der Ware interessiert ist, sondern sich am Akt des Kaufens selbst berauscht. Das sei so, schreibt Adorno, wie bei manchen Frauen, denen in intimen Situationen „die Erhaltung von Frisur und Schminke“ wichtiger sei als „die Situation, der Frisur und Schminke zubestimmt sind“.

Solche sorglos gewählten Beispiele sind es, die Braunstein stutzig werden lassen. Das Schminke-Beispiel illustriert, abgesehen von seiner leicht frauenfeindlichen Tendenz, die Verwechslung von Mittel und Zweck, nicht aber den Verlust des Sinns für den Gebrauchswert von Gütern. Unter Fetischismus scheint Adorno häufig eher ein sozialpsychologisches als ein ökonomisches Phänomen zu verstehen. Hinzu kommt, dass er nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil den Fetischismus gelegentlich positiv umwertet und in die Nähe von Autonomie, Luxus und Glück jenseits des Marktes rückt. Adorno zeigt also erhebliche „Unsicherheiten“ in der Verwendung seiner ökonomiekritischen Schlüsselbegriffe Ware und Fetischismus, deren Bedeutung er zudem „verwässert“.

In den 50er und 60er Jahren unternimmt Adorno noch einmal eine Wiederaneignung von Marx mit dem Ziel, das Verhältnis von Tausch und Herrschaft, Wirtschaft und Gesellschaft neu zu bestimmen. Dabei tendiert er zu der Einschätzung, dass nicht die Wirtschaft den Rest der Gesellschaft dominiert, sondern dass beide in eins fallen. Alles ist käuflich, jeder ist ersetzbar, und alle leiden an diesem Zustand, ohne dafür eine angemessene Sprache zu finden.

Fluch der Ökonomie

Adorno ist außerdem davon überzeugt, dass die Gesellschaft nur scheinbar immer undurchschaubarer werde; in Wirklichkeit werde sie in ihrem Wesen immer einfacher. Ein kleiner Schritt genüge, um dieses Wesen zu erkennen und das Konzept einer endlich gerechten Tauschgesellschaft zu erfassen. Kein Wunder, dass Adorno und Horkheimer nach dem Krieg eine Zeit lang mit dem Gedanken gespielt haben, ein neues revolutionäres Manifest zu verfassen. Das „Schlaraffenland“, so ahnte Adorno schon in Amerika, liegt gleich um die Ecke, während noch immer der Fluch der Ökonomie auf uns lastet.

Braunstein gelingt es, das hartnäckige Vorurteil zu zerstreuen, dass sich Adorno nicht ernsthaft mit Fragen der Ökonomie beschäftigt habe. Daraus wiederum schließt er nicht, dass die Früchte dieser kontinuierlichen Beschäftigung immer überzeugend sind. Bei der Lektüre des Buchs, das zu einem guten Teil auf der akribischen Auswertung von noch unveröffentlichtem Archivmaterial beruht, gewinnt man den Eindruck, dem prominenten Theoretiker gleichsam bei der Verfertigung seiner Gedanken zuhören zu können. Man spürt, wie sich Adorno vortastet, dann wieder seiner Neigung zu schrillen Thesen nachgibt, um später rückblickend diese Thesen als allzu „unbekümmert“ abzuschwächen.

Dirk Braunstein: Adornos Kritik der politischen Ökonomie. transcript Verlag, Bielefeld 2011, 444 Seiten, 36,80 Euro.

Autor:  Volker Heins
Datum:  27 | 5 | 2011
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