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Ein Buch von und eins über Jan Karski: Das Schweigen des Westens

Er ließ sich mehrfach ins Wahrschauer Ghetto einschleusen und in das Todeslager Isbica Lubelska: Jan Karskis erschütternder „Bericht an die Welt“ von 1944 liegt nun auf deutsch vor. Das macht die Lektüre des Romans "Das Schweigen des Jan Karski" noch überflüssiger, als sie ohnehin wäre.

        

Jan Karski im Sommer 1943 in Washington.  Er trägt  die Narben der Gestapo-Folter.
Jan Karski im Sommer 1943 in Washington. Er trägt die Narben der Gestapo-Folter.
Foto: Verlag Antje Kunstmann

Wer Claude Lanzmanns neuneinhalbstündigen Film „Shoah“ gesehen hat, kennt Jan Karski, den legendären Kurier der polnischen Exilregierung. Als Lanzmann Ende der siebziger Jahre erfuhr, dass der „große Karski“, wie er ihn in seinen „Erinnerungen“ nennt, noch lebte, bat er ihn um ein Film-Interview. Von dessen acht Stunden verwendete er 40 Minuten für „Shoah“. Um seine Meinung zu dem 1985 fertiggewordenen Film gebeten, äußerte Karski seine tiefe Bewunderung für dieses streng komponierte monumentale Meisterwerk. Doch bedauerte er, dass das, was ihn am meisten peinigte, nicht vorkam: das Schweigen und die Tatenlosigkeit des Westens, nachdem er die verzweifelten Hilfsappelle der Juden aus dem Warschauer Ghetto übermittelt hatte.

Denn neben seiner offiziellen Mission als Kurier des polnischen Widerstands hatte Karski sich im Herbst 1942 auf Bitten zweier jüdischer Untergrundkämpfer wiederholt ins Warschauer Ghetto begeben, um als Augenzeuge der Welt darüber berichten zu können. Aus dem gleichen Grund hatte er sich auch in der Uniform eines ukrainischen KZ-Wärters unter Lebensgefahr in das Todeslager Isbica Lubelska, ein Nebenlager des KZ Belzec, einschleusen lassen. Als er Anfang 1943 mit dem britischen Außenminister Anthony Eden und mit dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt sprach, informierte er sie über seine Beobachtungen und Erfahrungen. Sie hörten aufmerksam zu, stellten interessierte Fragen. Doch auf Karskis Frage, welche Botschaft er mit nach Polen nehmen könne, antwortete Roosevelt nur: „Sagen Sie ihnen, wir werden den Krieg gewinnen.“

Die Bücher

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt. Aus dem englischen Originaltext und der französischen Neuausgabe von 2010 übersetzt von Franka Reinhart und Ursel Schäfer. Hrsg. von Céline Gervais-Francelle. Verlag Antje Kunstmann, München 2011, 620 Seiten, 28 Euro.


Yannick Haenel: Das Schweigen des Jan Karski. Roman. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011, 188 Seiten, 18,95 Euro.

Gedemütigt und misshandelt

Festgehalten und mitgeteilt hat Karski all das in einem Buch, das bereits 1944 in den USA erschien. „Story of a Secret State“ entstand im Auftrag der polnischen Botschaft in New York, nachdem Reisen nach Polen für Karski zu gefährlich geworden waren, weil die Gestapo ihn enttarnt hatte und nach ihm fahndete. Die 400.000 Exemplare der Erstauflage waren rasch vergriffen. Übersetzungen in verschiedene europäische Sprachen folgten noch in den vierziger Jahren. 1999 erschien das Buch auf Polnisch, und nun liegt dieser bewegende Bericht mit einem instruktiven Vorwort und erhellenden Anmerkungen der Historikerin Céline Gervais-Francelle erstmals auch auf Deutsch vor.

Jan Kozielewski – so Karskis Geburtsname – wurde 1914 als achtes und letztes Kind eines polnischen Sattlermeisters in Lodz geboren. Als Schüler, Student, Kadett der berittenen Artillerie war er mehrfach Bester seines Jahrgangs. Er wollte Diplomat werden. Am 24. August 1939 – und mit diesem Datum setzt Karskis Bericht ein – wurde er nach Oswiecim (Auschwitz) nahe der deutschen Grenze einberufen. Am frühen Morgen des ersten September erlebte seine im Schlaf überraschte Einheit den deutschen Überfall, den Teppich aus Brandbomben, Hunderte moderner Panzer, die Granaten in die schwelenden Ruinen schossen. „Das Ausmaß von Tod, Zerstörung und Chaos, das die Angriffe in diesen drei kurzen Stunden verursachten, war unvorstellbar.“

Auf dem Rückzug geriet Karski mit Zehntausenden polnischer Soldaten in die Gefangenschaft der von Osten her einrückenden Roten Armee. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt hatte den polnisch-russischen von 1932 hinfällig werden lassen. Nach einem Gefangenenaustausch kam Karski in ein deutsches Lager, in dem polnische Soldaten nach einem „unerhörten brutalen Verhaltenskodex“ gedemütigt und misshandelt wurden. Auf dem Weitertransport konnte er fliehen. Er ging sofort in den Untergrund.

Unter wechselnden Decknamen

Dank seines phänomenalen Gedächtnisses, seiner analytischen Denkschärfe und seiner patriotischen Opferbereitschaft wurde Karski der wichtigste Kurier der polnischen Exilregierung, die ihren Sitz bis zum deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommen in Paris, danach in Angers und schließlich in London hatte. Karski schildert seine gefährlichen Reisen als Bote zwischen den verschiedenen Widerstandsgruppen. Es sind oft atemberaubende Geschichten und Eindrücke. Das liegt zum einen an den Ereignissen: eine Flucht kopfüber aus der Luke eines fahrenden Zuges; eine nächtliche Grenzüberquerung auf Skiern in verschneitem Gebirge; Übernachtungen in Höhlen; Täuschungsmanöver gegenüber Wachpersonal an Bahnhöfen und Kontrollpunkten; das konspirative Agieren in Tarnkleidung unter wechselnden Decknamen.

Zur Intensität trägt aber auch die literarische Qualität des Berichts bei: eindringliche Landschaftsbeschreibungen oder die Verwendung von Dialogformen, um das Erzählte zu verdichten und zu veranschaulichen. Im Juni 1940 wurde Karski denunziert, der Gestapo übergeben und so schwer misshandelt, dass er aus Angst, seine Mission bei neuerlicher Tortur zu verraten, sich das Leben zu nehmen versuchte. An ein Wunder grenzte seine Rettung durch andere Widerstandskämpfer.

Thematisch ist Karskis Bericht über die Jahre vom Sommer 1939 bis zum Sommer 1943, von seiner Einberufung bis zum Besuch im Weißen Haus, um drei Schwerpunkte zentriert. Außer den Ereignissen in Zusammenhang mit seiner jüdischen Mission sind es Verbrechen der deutschen Wehrmacht und der Gestapo und die detailreiche Schilderung des polnischen Untergrundstaates: seine Strukturen und seine klandestine parlamentarische Arbeit, seine Presse und seine Sabotageakte.

Unstatthaft und geschichtsverfälschend

Gleichzeitig mit Karskis großartigem Buch ist ein als Roman firmierender Band des französischen Schriftstellers Yannick Haenel erschienen. „Das Schweigen des Jan Karski“ besteht aus drei Teilen. Im ersten erzählt Haenel die Filmsequenz aus „Shoah“ mit Lanzmanns Karski-Interview nach. Das geschieht mit gelegentlich blumigen Mitteln. So heißt es etwa: Karskis Bericht „zerfällt, als würde im Innern seiner Worte allmählich die Wüste aufsteigen“. Als zweiter Teil folgt eine achtzig Seiten lange zitatreiche Nacherzählung von Karskis Buch in einem oft unmotiviert saloppen Ton. Im dritten Teil bemächtigt sich Haenel der Figur Karskis auf eine geradezu unstatthafte und geschichtsverfälschende Weise. Er schlüpft in ihn hinein und lässt ihn larmoyant monologisieren.

Bei Karski selbst heißt es: „Präsident Roosevelt schien [...] keine Müdigkeit zu kennen [...] Seine Fragen stellte er gezielt, präzise und auf die entscheidenden Aspekte bezogen.“ Daraus macht Haenel: „Noch heute höre ich, wie Roosevelt ein Gähnen unterdrückt, während ich über das Schicksal [ ...] der Juden spreche, die man in Lager deportiert [...] Roosevelt kaute noch ein bisschen, wischte sich den Mund ab [...] Ich glaube, er verdaute [...] er ist dabei, die Vernichtung der Juden zu verdauen.“ Dann lässt Haenel Roosevelt auf die Beine einer Frau starren, er lässt ihn weitere siebenmal gähnen und er lässt seinen Karski denken: „Im Grunde äußerte sich Roosevelt durch sein Gähnen.“

Eine Lektüre erübrigt sich angesichts des Vorliegens des authentischen „Berichts“ von Karski, der nach dieser Niederschrift in den USA promovierte, während drei Jahrzehnten an der Georgetown University in Washington Politikwissenschaft lehrte und im Jahre 2000 starb.

Autor:  Renate Wiggershaus
Datum:  10 | 3 | 2011
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