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David Wagners Roman "Vier Äpfel": Hamlet geht einkaufen

In David Wagners Roman "Vier Äpfel" taumelt der Held durch die Vorhölle Supermarkt - und zwar von der Fischtheke Gang auf Gang ab bis er schließlich vor seiner Lieblingkassiererin steht. Sinn und Liebe sind nicht im Angebot.

Im Supermarkt: Glück und Liebe sind nicht im Angebot.
Im Supermarkt: Glück und Liebe sind nicht im Angebot.
Foto: Alex Kraus

Beim Schieben des Einkaufswagens überfällt ihn "eine Ahnung vom Alter und ein Vorgeschmack auf den Rollator". Angesichts einer Fisch-Auslage denkt er über die so ganz andere Präsentation von Fleischwaren nach, außerdem über Geruchs-, Sounddesign und die freundlich distanzierte Verkäuferin ohne Unterleib hinter der Theke. Die Waren strahlen etwas aus: "Eine Tiefkühlpizza ist, ... ich kann mir nicht helfen, ein tieftrauriges Produkt. "David Wagners Held kauft eigentlich nur ein, doch den Alltagsort Supermarkt verwandelt der Roman "Vier Äpfel" in eine Mischung aus paradiesischer Vorhölle und Assoziationsskatalysator.

Der Protagonist beschreibt detailgenau, manchmal geradezu umständlich, ob es die Kleidung der Kunden betrifft, die Darbietungsstrategien der Firmen oder die Waren: Milch, Eier, Äpfel, Zahnpasta, Zeitschriften. Jedes der Dinge, zu denen in gewisser Weise die Menschen gehören, lässt einen Strom von Ideen, Kenntnissen und Szenen aus der Vergangenheit fließen.

So erfährt der Leser, dass er es mit einem mittelalten Mann zu tun hat, den seine Frau namens L. nach kurzer Ehe verlassen hat. Er war "nie zahnpastatreu", hat eine gute Beobachtungsgabe, ist pfandflaschenrückgabefaul, unentschlossen und vor allem unsicher. Einen unzuverlässigen Erzähler schickt Wagner durch die Gänge des Supermarkts. Zweifel und Misstrauen - auch sich selbst gegenüber - begleiten ihn, außerdem die quälende Liebe zu L., an die er durch Parfums, Frisuren, selbst Pfandflaschen erinnert wird.

Wagner wagt nicht wenig, wenn er 150 Seiten lang einen Einkäufer seine Wirrwege durch die Warengänge wandern lässt, bis er erst ganz am Ende des Buches ins Freie findet. Das ist für den Ich-Erzähler keine Kleinigkeit, denn er verliert zwischenzeitlich mehrmals die Orientierung und den gesunden Menschenverstand, so dass sich mal erschreckende, mal verlockende Visionen einstellen.

Jeder Leser kennt den Handlungsort gut, Leserinnen sogar sehr gut. Auch sehr viele Überlegungen des Helden, der eher einem mittelmäßigen Hamlet im Schlaraffenland als einem Dante im Konsuminferno gleicht, bewegen sich im bekannten Bereich kindlichen Staunens und akademisch grundierter Alltagsphilosophie: Warum gibt es Packungen mit 13 Fischstäbchen? Warum werden Tiefkühltruhen nachts zugedeckt, als frören die Produkte? Wieso sehen sich die Kunden eines Supermarktes so selten an, "als hätte jeder von ihnen seine eigene Zeit dabei, die sie wie eine halbtransparente Schutzfolie umhüllt."

Anfangs lähmt der bemühte Stil "einer sogenannten Vorgangsbeschreibung". Dazu kommt der herabgestimmte Ton leichter bis mittelschwerer Depressivität. Doch erstens besitzt Wagner Humor, ja wagt zuweilen Kalauer, und zweitens besteht ja Kunst eigentlich erst darin, Altbekanntes neu erscheinen zu lassen. Man fühlt sich mehr als einmal ertappt, fast empört, wenn man peinlichen oder lächerlichen Eigenheiten begegnet, die man für individuell hielt; beispielsweise Aufgaben auf To-do-Listen notieren, die schon erledigt sind, um sie dann streichen zu können.

Die leicht paranoide Art des Erzählers, an allem zu zweifeln, von den meisten Dingen verunsichert zu werden und Täuschung zu wittern, kennt man ebenfalls. Die tausend Strategien, den Kaufreiz auszulösen und Bedenken zu zerstreuen, sind nichts anderes als Betrug. Es wird der Anschein erweckt, als sei, wie Woody Allen einmal sagte, "die ganze Welt ein Feinkostladen"; natürlich nur für uns Westler und soweit wir Geld haben. Der Held denkt: "So viel zu essen, und ich habe gar keinen Hunger, so viel zu trinken, und ich habe gar keinen Durst."

Das schlechte Gewissen kauft im Falle des Ich-Erzählers mit ein, ohne eine große Wirkung zu haben. Er weiß viel. Beispielsweise berichtet er vom Granatbarsch, der als Kaiserbarsch vertrieben wird. Bis zu hundertfünfzig Jahre alte Exemplare werden gefangen und verkauft. So ein Fisch ist "demnach älter als die Groß- und Urgroßmütter ihrer Esser, lange vor dem Ersten Weltkrieg ist er Fischlaich gewesen." Eine konsequente Haltung oder Handlungsweise bewirken die Kenntnisse nicht - wie bei den meisten. Die Menschen sind, gerade im Supermarkt, von aufdringlichen Glücksversprechen belagert und können nicht einmal unbedingt Bedürfnisbefriedigung erreichen. Sinn und Liebe sind nicht im Angebot.

Wenn der Held vier Äpfel kauft und erstaunt feststellt, dass sie zusammen exakt 1000 Gramm wiegen, ist das kein magisches Zeichen für einen besonderen Tag. Einen bloß konsumkritischen Roman zu schreiben, interessierte Wagner offensichtlich nicht. Vielmehr bewirkt schon die Darbietung der Handlung in 144 kurzen, nicht hierarchisch oder dramaturgisch gereihten Abschnitten - mehr Gedanken- als Warengänge - Komplexität. Der Held sorgt selbst für den Widerspruch und unterkellert die Abschnitte mit 53 Anmerkungen, die für zusätzliche historische, persönliche oder sachliche Informationen sorgen.

Alternative Lebensentwürfe und Tagträume machen noch deutlicher, wie zufällig unser Leben ist. Das alles präsentiert Wagner mit spielerischem Ernst, den er schon in seinem Roman "Meine nachtblaue Hose" bot. Dazu kommt eine kindliche Haltung, die nichts für ausgemacht hält, die - Wagner hat es in "Spricht das Kind" beschrieben - Staunen, Träumen, Empörung, Trauer umstandslos verknüpft.

So hat der Leser, wenn er am Ende mit dem Ich-Erzähler endlich die Lieblingskassiererin sieht, einen langen, verwirrenden Weg hinter sich gebracht, auf dem er viel über den modernen Menschen, seine Lebenswelt und damit über sich selbst erfahren hat.

Autor:  Rolf-Bernhard Essig
Datum:  27 | 10 | 2009
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