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DDR-Literatur: Die Kritik auf den Prüfstand

Fragt man danach, wie Schriftsteller nach 1945 biographische, historische und politische Ereignisse in Schreibweisen überführt haben, zeigt sich ihre Literatur unabhängig von der Existenz eines Staates. Ein solcher Blickwinkel hebelt auch die törichte Suche nach "reiner Ästhetik" aus. Die unstrittige Qualität von Jurek Beckers Roman "Jakob der Lügner" oder Christa Wolfs Erzählung "Kein Ort. Nirgend" gründet nicht darin, dass sie außerhalb ihrer Zeit stehen.

Gerade diese beiden Texte, die stets als leuchtende Ausnahmen der trüben Literaturlandschaft "drüben" angeführt werden, sind auf das Engste mit ihrer Zeit verbunden. Aber nicht, indem Becker und Wolf "über" sie berichten, sondern weil sie in ihrem Bewusstsein schreiben. Weil die Bedingungen ihrer Entstehungszeit - das Schweigen über den Holocaust, die Repressionen gegen die Schriftsteller 1979 - ins Schreiben eingegangen sind und als Fragen ("Vielleicht hast du schlecht erzählt?"; "Wer spricht?") ins Heute reichen.

Warum die Literatur nicht als "Konstellation" in einem größeren Raum betrachten?

Grenzübergreifend haben sich Autoren schon immer dem Prinzip von Nationalliteraturen widersetzt, fanden in der Weltliteratur Wahlverwandte, ihre Texte zeugen davon. Warum Literaturgeschichte also nicht auch im Sinne David Wellberys ( "Eine Neue Geschichte der deutschen Literatur", Berlin University Press 2007) als "Konstellation" in einem größeren Raum, einer weiteren Zeit denken, anstatt mit postideologisch-ideologischen Scheuklappen nur in eine Richtung zu traben? Dann könnte man darüber nachdenken, in welchen Traditionen Jürgen Fuchs schreibt. Wieso man sich dem Sog seiner "Vernehmungsprotokolle" (der Jaron Verlag legt sie im April neu auf) nicht entziehen kann, auch ohne Fixierung auf die Stasi. Man könnte sich erinnern, dass die "Hamlet-Maschine" Heiner Müllers auch auf die Selbstmorde in Stammheim antwortet. Dass Wolfgang Hilbig sein "schreiendes Amt" von Dichtern übernahm, die ihn, den Vorzeige-Proletenpoeten, dem "ästhetischen Anspruch des fin de siècle" (Uwe Kolbe) näher zeigen als dem einer "Dissidenten"-Literatur. Dann wäre möglich, die "Stille Post" (hrsg. v. Roland Berbig, Ch. Links Verlag 2005) zu lesen, die zum Beispiel zwischen Nicolas Born und Günter Kunert hin und her ging und von der Borns Briefwechsel erzählt.

DDR-Literatur nicht zwangsläufig als "die andere" Literatur zu begreifen und von oben herab über sie zu richten, bedeutet einen Gewinn: den einer reichen deutschen Literatur, die Wissen über Brüche und Brüchigkeit unserer Zeit formuliert. Eine solche Perspektivverschiebung setzt allerdings den Willen voraus, den "Zwirnsfaden der Geschichte" (Peter Härtling) nicht abreißen zu lassen - um die Brüche unserer Zeit zu durchdenken und zu schreiben.

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Autor:  INSA WILKE
Datum:  27 | 3 | 2009
Seiten:  1 2
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