Die Geschichte der Literatur aber ist eine Geschichte der Verweigerung." Ein doppeldeutiger Satz. Als Wolfgang Hilbig ihn 1995 in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen sagte, klang beides mit: die Verweigerung der Dichtung, sich Erwartungen und Vorgaben unterzuordnen, und die Weigerung, Widerspenstige wie Hilbig in die Hallen des literarischen Kanons einzulassen, durch die einsam Thomas Mann west.
Für die sogenannte DDR-Literatur sind die Tore zu diesen Hallen seit 1989 verschlossen. Einst als literarisch vitalisierende Blutzufuhr im Westen begrüßt, gilt nun für "DDR-Autoren" (quasi postum): politisch feige und realitätsfern, ästhetisch wertlos. Dahinter steckt, dass die Literaturgeschichtsschreibung bis heute nicht von ihrem Ost-West-, also Links-Rechts-Schema lassen mag. Jüngst konnte man in der Literarischen Welt einem Spiegelgefecht zuschauen, das getreulicher denn je in den Stellungen des Kalten Kriegs verharrt: "Was bleibt von der Literatur der DDR?", fragten sich Uwe Wittstock und Tilman Krause, riefen die Schriftsteller vor den Richter und bezogen Position in Pro und Contra.
"Natürlich", schrieb Wittstock, habe es unter den Autoren der DDR wie überall Opportunisten gegeben. Mut sei "bekanntlich" in jedem Berufsstand die Ausnahme. Das ist der Gestus, in dem diese Debatte alle Jahre wieder geführt wird; Selbstgewissheit temperiert den Tonfall. Fraglos schaut man auf ein abgeschlossenes Kapitel der Literaturgeschichte zurück. Selbstverständlich muss der "nicht-sozialistisch interessierte Leser" rasend enttäuscht sein ob der mangelnden "Potenz", wenn er die einstigen Lieblinge der Westleser aufblättert und in die auffliegenden Staubwolken hustet.
"Wahrheit" und "Mut" markieren die Messlatte für DDR-Autoren. Der moralische Maßstab verschwistert sich mit dem Widerspiegelungspostulat: "Gute DDR-Literatur" erschüttere durch einzigartige Beschreibung des diktatorischen Unterdrückungsapparates. Logisch folgt die Frage: Arme DDR-Autoren, an welchen Mauern wollt ihr euch nach 1989 "die Stirnen wund stoßen"? Wie die stumpfsinnig kollabierende Konsumgesellschaft, die verzwickten Zusammenhänge von globalisierter Wirtschafts-, Politik- und Medienmacht ähnlich ergreifend abbilden? "Unverständlich" wird euer ganzer Text, ihr könnt nur noch "Geschichten aus einem versunkenen Land" erzählen, ihr seid abgeschlossen!
Ja, die Funktion von Literatur in der öffentlichen Kommunikation hat sich 1989 geändert - und zwar in Ost und West. Aber kann Literatur jemals abgeschlossen sein? Sie lebt doch durch Leser. Wenn zum 20-jährigen Jubiläum der "friedlichen Revolution" (und 19 Jahre nach dem sogenannten "deutsch-deutschen Literaturstreit") nun die alten Debatten mit bewährter Rhetorik angestoßen werden, dann möchte man dagegen setzen: Zeit für weitere Blicke. Müssten nicht endlich die Lektüreweisen auf den Prüfstand?
Was ist das überhaupt: "DDR-Literatur"? Diese Debatte ist alt. Schon 1982 forderte der Literaturwissenschaftler Bernhard Greiner, sie zu beenden und stattdessen die literarischen Texte in ihrer Zeit, aber unabhängig von politischer Schematisierung zu untersuchen. Das traut man sich bis heute selten.
"DDR-Literatur" wird häufig immer noch in den Kategorien des Kalten Kriegs abgewehrt
Mit "DDR-Literatur" ist meist die geographisch-politische oder die literatursoziologische Kategorie gemeint. Als DDR-Autoren gelten solche, die in den Grenzen des "ehemaligen" deutschen Staates geboren und/oder sozialisiert wurden. Dieses Verständnis legt auch das Lexikon der DDR-Literatur zugrunde, das im Herbst im Metzler Verlag erscheinen wird.
Ähnlich begründet Wolfgang Emmerich in seinem Standardwerk "Kleine Geschichte der DDR-Literatur" die Notwendigkeit des Begriffs: mit dem spezifischen "Literatursystem", den kulturpolitischen Bedingungen, unter denen Autoren im Osten geschrieben haben (Zensur, Bitterfelder Weg, Ersatzöffentlichkeit). Dabei benennt er selbst sein Dilemma: Durch die Engführung von Literatur und kulturpolitischer Entwicklung bleiben die individuellen Schreibweisen der Autoren unterbelichtet.
Eine Konsequenz dieser dominierenden Perspektive ist, dass die Etikettierung "DDR-Literatur" inzwischen einer Abwertung gleichkommt. Ihre Autoren wirken unmündig wie Pawlows Hunde, ihr Schreiben abhängig von den Eingaben der Politik, sie selbst nur auf ein einziges Thema geeicht, ob sie nun Brigitte Reimann, Günter Kunert, Irmtraud Morgner oder Volker Braun heißen: Vater Staat. Ein Beispiel: "Vor den Vätern sterben die Söhne" (1977), Thomas Braschs gefeiertes Debüt im Westen, wurde sprichwörtlich. Für ihn fatal.
Denn von der Kritik einseitig als Dissidenten-Literatur gelesen, legte das die Wahrnehmung aller folgenden Werke fest und band den Schriftsteller an die Sohnesrolle. Seine spezifischen Schreibweisen, die harte Arbeit an der Form, geriet aus dem Blick. Im Nachwort zur Neuausgabe zeigt Katja Lange-Müller allein durch eine genaue Lektüre des Titels die Fehlleistung der Rezeption auf. Auch das ist vielsagend: Eine Autorin muss den professionellen Lesern die Augen für den Poeten öffnen.
Was also tun? Vielleicht einmal probehalber auf die Festlegung "DDR-Literatur" verzichten. Brasch und Brinkmann, Wolf und Weiss, Hilbig und Hildesheimer, Jirgl und Jandl als die lesen, die sie auch und vor allem sind: Schriftsteller, Sprachspieler. Ihr Material ist die deutsche Sprache, sie verbindet der Versuch, diese aus der Floskel zu befreien - in unterschiedlichsten Formen und vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts.
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