Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall und sechzig Jahre nach der Gründung der DDR gibt es für manchen ostdeutschen Buchliebhaber einiges zu beklagen. Das Ende der DDR bedauern wohl nur wenige. Aber dass das "Leseland" und die "Buchstadt Leipzig" gleich mitverschwunden sind, ist ein harter Schlag für das kulturelle Selbstbewusstsein der Ostdeutschen. Das darf sich zwar jedes Jahr für einige Tage an der Leipziger Buchmesse laben. Doch dieses Jahr mussten gleichzeitig einige neue Hiobsbotschaften zu Brockhaus, Insel und der Traditionsauslieferung LKG verdrängt werden. Mehr denn je gleicht die ostdeutsche Verlagslandschaft heute einer Verlagstrümmerlandschaft. Aus dem "Auferstanden aus Ruinen", womit die Hymne Johannes R. Bechers den sozialistischen Staat feierte, ist ein "Untergegangen in Ruinen" geworden.
Statt jährlich etwa 4500 Buchtitel zu DDR-Zeiten werden heute in den fünf neuen Bundesländern nur noch 2098 Titel verlegt - die übrigen 93 000 kommen aus den alten Ländern sowie (Ganz-) Berlin. Die ostdeutschen Verlage erwirtschaften 0,9 Prozent des 10,7 Milliarden Euro starken Gesamtumsatzes der Branche. Gewachsen ist nur die Zahl der Buchhandlungen. Der Osten Deutschlands hat seine Produktionskapazitäten verloren, er ist zum Vertriebsgebiet geworden.
Christoph Links hat diese Zahlen und Fakten zusammengetragen und war vom Ausmaß der Verwerfungen selbst überrascht: "Ich hatte nicht erwartet, dass von 78 Verlagen der DDR aus eigener Kraft und ohne mehrere Konkurse nur acht Verlage erhalten bleiben." Links, geboren 1954, ist einer der besten Kenner der alten und neuen Buchszene. Nach einigen Jahren als Redakteur der Berliner Zeitung war er von 1986 bis 1989 Assistent der Geschäftsleitung im Aufbau-Verlag. Mit seinem Plan, auch Sachbücher zu publizieren, stieß er bei Aufbau jedoch auf taube Ohren. Als dann Ende 1989 die Zensur aufgehoben wurde, war Links immerhin vorbereitet: Anfang Dezember gründete er den Ch. Links Verlag. Dort hat er nun "Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen" (350 S., 24,90 Euro) vorgelegt. Es ist eine sinistre Gabe zu den Jubiläumsfeierlichkeiten dieses Jahres.
Links weiß natürlich, dass die DDR ein "Leseland" war, weil Bücher Aufgaben der zensierten Presse übernahmen, weil sie die Welt ersetzten und zur erwünschten und geförderten Weiterbildung dienten. Er weiß auch, dass der Verlag für Agitations- und Anschauungsmittel des ZK der SED im gesamtdeutschen Markt keine Nische gefunden hätte. Doch die Treuhand habe, sagt er, nur fünf Verlage und damit prozentual viel weniger Betriebe liquidiert als in anderen Wirtschaftsbereichen der DDR. Und sie habe für die übrigen Unternehmen Käufer gefunden. Warum vermochten dann trotzdem nur acht Verlage zu überleben?
1990 befanden sich die DDR-Verlage in einer schwierigen Lage. Weil ihre Kunden zu den lange entbehrten Westbüchern griffen, wurden die DDR-Bücher wertlos. Die von Westverlagen für die DDR erteilten Lizenzen verfielen, weil es das Lizenzgebiet, die DDR, nicht mehr gab. Aber Lizenzen aus der DDR an Westverlage verfielen nicht, so dass diese die DDR-Titel nun im Osten verkaufen konnten und die früheren DDR-Verlage ihre Rechte nicht zurück erhielten.
Zudem litten die Ostverlage unter einer zu großen Angestelltenzahl, doch konnten sich Autoren, Illustratoren und Übersetzer auf Zusagen aus der fünfjährigen Planung berufen; Kündigungen waren schwierig. Schließlich mussten die Ostverlage vor der Währungsreform ihre Gewinne abführen, Rücklagen hatten sie nicht nie bilden dürfen. Und natürlich fehlten Erfahrungen mit der Marktwirtschaft. Ein kaufmännisches Horrorkabinett: Aus der alten Zeit fast nur Nachteile, aus der neuen - auch.
Trotz der schwierigen ökonomischen Lage der Unternehmen fand die Treuhand Käufer. Nicht einmal die schwierigen Eigentumsverhältnisse konnten sie hindern: Den Aufbau-Verlag verkaufte sie an Investoren um den Frankfurter Immobilienhändler Bernd F. Lunkewitz, ohne ihn zu besitzen. Der Bundesgerichtshof stellte nach 14 Jahren juristischer Auseinandersetzungen erst im März 2008 fest, dass der "Suhrkamp der DDR" (Lunkewitz) dem Kulturbund gehörte und von der Treuhand nicht hätte verkauft werden dürfen.
Die meisten Verlagskäufer waren bundesdeutsche Konkurrenten, einige Branchenfremde. Fünf Verlage gingen an Parteien, kirchliche Organisationen und Vereine, und nur diese fünf, staunt Links, sind eine Erfolgsgeschichte: "Sie produzieren heute mehr Titel als jene 50, die von Branchenprofis erworben wurden."
Denn offenbar hatte mancher Profi anderes im Sinn. Einige erwiesen sich als Hasardeure: Der Greifenverlag zu Rudolstadt, zu dessen Autoren Paul Zech gehört, wurde gleich zweimal um seine Geldmittel gebracht. Andere Käufer nutzten die Gelegenheit, die Konkurrenz zu schließen und Rechte und Autoren zu übernehmen. Weil auch die Treuhand nach vier Jahren geschlossen wurde, schritt niemand gegen den Bruch der Zusagen zur Erhaltung der Arbeitsplätze ein.
Links hält auch fest, dass die Treuhand gut zehn ausländische Interessenten abwimmelte. Nur der Dresdner Verlag der Kunst ging (nicht dauerhaft) an einen kanadischen Investor. "Der Grundfehler der Privatisierung aber war die fehlende Strukturpolitik", ärgert sich der sonst so besonnene Links. "Man hat den Osten als Absatzgebiet für Westwaren betrachtet und die Produzenten aufgegeben. Die Konsequenz: Ein Drittel der ostdeutschen Kommunen kann sich nicht aus eigener Kraft finanzieren, weil es nicht genügend steuerzahlende Unternehmen gibt."