Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

19. Dezember 2014

DDR-Schriftsteller Fries : Der Schriftsteller Fritz Rudolf Fries ist tot

 Von Cornelia Geissler
Fritz Rudolf Fries ist tot. Hier ist er im Jahre 1994 bei einer Veranstaltung in Berlin zu sehen.  Foto: imago stock&people

Zum Tod von Fritz Rudolf Fries, der nie so viel gelesen wurde, wie er es unbedingt verdient gehabt hätte. In der DDR schrieb er bei weitem nicht realsozialistisch genug. Und nach der Wende wurde er das Verdikt "Einmal Stasi, immer Stasi" nach der Wende nicht mehr los.

Drucken per Mail

Berühmt ist er nie geworden. Das hat mit der DDR zu tun, der Zensur, dem Verlangen des Staates nach Anpassung, mit dem System des Verrats. Das hat auch damit zu tun, wie im vereinten Deutschland mit dem Erbe der DDR umgegangen wurde. Auf die Berühmtheit hätte er vermutlich gepfiffen, Fritz Rudolf Fries war wegen einer Knochenkrankheit, die ihn früh in der Beweglichkeit hemmte, nicht darauf erpicht, herumgereicht zu werden und Autogramme zu schreiben. Aber dass seine Bücher so viel gelesen worden wären, wie sie es verdient hätten, das hätte ihm schon gefallen. Am Mittwoch ist er in Petershagen bei Berlin gestorben.

Sein Erstling konnte in der DDR erst erscheinen, als der Staat bröckelte, im Oktober 1989. „Der Weg nach Ooobliadooh“ ist die Geschichte zweier Freunde, die im Leipzig, Dresden und Ost- wie Westberlin der späten Fünfziger sich zwar auch dem Studium der Romanistik und der Zahnmedizin widmen, vor allem aber dem Jazz. Ihr Bohemien-Leben und die Musik passten nicht zum Aufbaupathos des Staates.

Der Stil des Romans hatte mit einem sozialistischen Realismus nichts zu tun, er war so frei und kraftvoll wie der Jazz. Das „Ooobliadooh“ hatten seine Helden bei Dizzie Gillespie gehört. Und der Autor war als Leser geprägt von der Moderne, Proust, James Joyce, Julio Cortázar. Es gab 1966 keine Druckgenehmigung in der DDR. Uwe Johnson empfahl Fries zu seinem Verlag, zu Suhrkamp. Johnson selbst war sieben Jahre zuvor in den Westen gegangen.

Für Fries war die Ausreise keine Alternative, doch das Erscheinen im Westen 1966 kostete ihn die Arbeitsstelle als Romanist an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Zu dieser Zeit trat die Stasi erstmals an ihn heran, zunächst erfolglos. Irgendwann gab Fries nach, weil er in das Land seiner Geburt reisen wollte, aus dessen Sprache er Dichter wie Neruda, García Lorca, Borges übersetzte.

Am 19. Mai 1935 ist er in Bilbao als Sohn eines deutschen Kaufmanns zur Welt gekommen, seine Großmutter war Spanierin. 1942 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Davon erzählt Fries in einem seiner letzten Bücher, „Alles eines Irrsinns Spiel“, 2010: von einer Jugend in drei Sprachen. Da war das Spanische, das von der Großmutter in Leipzig weiter gepflegt wurde, das Deutsche, wie es frei zu Hause gesprochen wurde und das offizielle Deutsch, von den Nazis verkleistert und später erneut politisch benutzt.

Fries ließ sich also in der DDR ein mit der Stasi, konnte wieder veröffentlichen, wirkte dabei zunächst kompromissbereit, etwa in dem Erzählungsband „Der Fernsehkrieg“. Doch schon wer die folgenden Romane „Das Luft-Schiff“ (1974) und „Alexanders neue Welten“ (1982) las, konnte entdecken, wie er durch das Wörtlich-Nehmen der Propaganda diese verlachte, wie er durch das Hinterfragen den Weg zu einer zweiten Leseebene wies. Den sichtbar Stalinismus-kritischen Roman „Verlegung eines mittleren Reiches“ hielt er zurück, bis er es 1984 dem Verlag und damit der Prüfung durch die Behörden übergab. Zu schmerzlich die Erfahrung mit dem Erstling.

Das Verdikt: „Einmal Stasi ...“

Nach dem Mauerfall tauchten auch die Stasi-Akten auf, die mit Auskünften von Fries gefüllt wurden. Als er 1996 gebeten wurde, dazu Stellung zu nehmen, reagierte er bockig. Die Stimmung, als ein Großteil der in der DDR entstandenen Literatur in Misskredit geriet, ließ ihn heftig reagieren. Fries aber setzte sich einige Monate später im Literaturhaus Berlin vor das Publikum und erklärte, warum er verführbar war, Auskünfte gegen Reisefreiheit zu tauschen.

Doch damals schaute kaum jemand genau hin. Das Verdikt: „Einmal Stasi, immer Stasi“ versperrte Lektoren und Kritikern den Blick. Fries schrieb weiter, zunächst spürbar unter der Last, sich behaupten zu müssen. Er fand er zu seiner literarischen Kraft, vor allem zu seiner Verspieltheit zurück. Der kleine Roman „Blaubarts Besitz“ von 2005 ist Beleg dafür, „Alles eines Irrsinns Spiel“ umso mehr.

Zu seiner Methode sei hier aus der Danksagung zitiert: „Der Autor versichert, seine historischen wie zeitgenössischen Figuren vor allem im Sinne ihrer nicht gelebten Möglichkeiten beschrieben zu haben.“ Sein erster und immer noch schönster Roman „Der Weg nach Oobliadooh“ ist vor zwei Jahren noch einmal in der Anderen Bibliothek erschienen. Auch so eine nicht gelebte Möglichkeit.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Serie
Polizeiabsperrung, kaum eine Kriminalgeschichte kommt ohne sie aus.

In der Sommerpause von „Tatort“ und „Polizeiruf“ schreibt die FR-Redaktion ihre Krimis wieder selbst. Ähnlichkeiten mit Fernsehermittlern sind aber rein zufällig.

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige