herrscht beim Poetry Slam. Hier treten Autorinnen und Autoren in den Wettstreit und mit eigenen Texten vor ein Publikum, das sich gar nicht mal unbedingt für Bücher interessieren muss, aber trotzdem nach dem Vortrag den Daumen heben oder senken darf. Nein, mit einer Lesung hat das nichts gemein - das ist "orale Kulturvermittlung", so nennt es mein FR-Kollege Christian Schlüter. Und: eine anarchische Form von Kritik am etablierten Literaturbetrieb. Denn hier darf jeder. Man muss sich nur bei einer der rund 90 Poetry-Slam-Veranstaltungen anmelden, die jeden Monat in Deutschland stattfinden, und schon gehts rein in die Kneipe und raus auf die Bühne. So gerät Literatur ans Tageslicht, die ansonsten ungelesen, ungehört, unrezensiert geblieben wäre.
Dichtende Rebellen? Julius Fischer sieht gar nicht so aus, aber wenn der Leipziger mit zerfleddertem Papier in der Hand zu slammen beginnt, fliegt bald die blonde Mähne, ein Trommelfeuer aus Worten kommt aus seinem Mund, und fast ist man versucht, mitzuklatschen. Wieso tut der das? "Es ist eine Kombination aus Selbstdarstellungssucht und der Möglichkeit, unmittelbar Reaktionen zu bekommen", sagt Fischer.
Die Wertung durch das Publikum ist ein wichtiges Element. Wolfgang Hogekamp, der das Slammen nach Deutschland brachte, weiß zwar: "Poesie ist nicht bewertbar." Aber man könne die Leute viel eher an solche Veranstaltungen binden, wenn man sie zur Jury macht.
"In den Literaturhäusern herrschte Anfang der 90er Jahren Totentanz", erinnert sich Hogekamp an die Anfänge des Poetry Slam in Deutschland, "wir hatten Lust auf populäre Texte. Spannend wurde das erst, wenn man dahin geht, wo die Leute sind - in Bars und Kneipen."
Texte einfach nur vorlesen, das ist nichts fürs Slammer und deren Publikum. "Erst wenn man Sprache rhythmisiert, wird sie slamtauglich", erklärt Hogekamp und glaubt, dass das Gangster-Image des Rap viele in den Slam getrieben hat: "Bushido ist doof". Fischer hat eine eigene Erklärung - das Zeitlimit nämlich, an das sich jeder Slammer halten muss. "Ich hab halt mehr Gedanken, als in fünf Minuten reinpassen."
Auch auf der Buchmesse ging ein Poetry Slam über die Bühne, unter anderem mit dem zweifachen Slam-Champion Marc-Uwe Kling. Am Ende wurde der Berliner Zweiter - nach Sebastian23 aus Bochum.
Im Video: Marc-Uwe Kling beim Poetry Slam im Lesezelt
Poetry Slam im Netz statt in der Kneipe - Arte machts möglich Termine und Infos für einheimische Rampensäue: Poetry Slam in Frankfurt
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