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Kriminalliteratur: Der gewissenhafte Träumer

Der amerikanische Autor Jedediah Berry hatte eigentlich nicht die Absicht einen Detektivroman zu schreiben. Er wollte lediglich seine Hauptfigur – Charles Unwin – in ein neues Leben stoßen. Herausgekommen ist ein „Handbuch für Detektive“. Ein Buch ohne Genre-Grenzen.

        

Der Genregrenzen-Verwischer:  Autor  Jedediah Berry.
Der Genregrenzen-Verwischer: Autor Jedediah Berry.
Foto: Alex Kraus

Als Charles Unwin zum Detektiv befördert wird, obwohl er sich fast verzweifelt darum bemüht, einfacher Schreiber bleiben zu dürfen, erhält er auch gleich das „Handbuch für Detektive“ – Standardausgabe. Das ist die ohne das Kapitel 18, „Über Traumüberwachung“, denn das ist sozusagen Top Secret. Wie man in den Träumen anderer herumspaziert, um Verbrechen aufzuklären, das puzzelt sich Unwin – Schirmträger, Radfahrer, Pedant – aber zuletzt selbst zusammen.

Erfinder des reizend beamtischen Charles Unwin ist der junge amerikanische Autor Jedediah Berry, und er ist selbst auch ein anderen dienender Schreiber: Er arbeitet, und das offenbar mit Hingabe, als Lektor für die in Massachusetts beheimatete Small Beer Press. Kann sein, dass sein Erstlingsroman „Handbuch für Detektive“ ihn aber so berühmt macht, dass er bald nicht mehr viel Zeit hat für seinen bisherigen Beruf. Den Dashiell-Hammett-Preis und hymnische Kritiken hat er schon, er schreibt am nächsten Buch und denkt – sehr sehr vorsichtig, wie er sagt – auch über eine „Handbuch“-Fortsetzung nach, jedenfalls über neue Abenteuer für einen Teil der Figuren.

Das „Manual of Detection“, wie es im Original heißt, scheint sich seinem Autor ein wenig aufgedrängt zu haben. Jedediah Berry hatte keine Absicht, einen Detektivroman zu schreiben, versichert er im Gespräch. Er wollte einfach eine unscheinbare Hauptfigur – Charles Unwin – in ein neues Leben stoßen, ihn antreten lassen gegen eine riesige, unheimliche, kafkasche „Agentur“. Dann kam es, dass dieses Überwachungsmonstrum nun aus Detektiven besteht, aus Schreibern und Archivaren. Von der Agentur werden so brenzlige Fälle gelöst wie das Verschwinden des 12. Novembers.

Eifrig und klug gemischt

Man merkt schon, im „Handbuch für Detektive“ wird eifrig – und klug – gemischt: Kriminalroman mit Fantasy, Kafka mit Chandler, Parodie mit Märchen, eine Handbuch-Form wie bei Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ mit britisch anmutendem Detektivgeschichten-Charme. Es passiert eine Menge, aber es bleibt auch Zeit für liebevolle Charakterzeichnung, vielleicht, weil es in Berrys Roman keine Handys und andere Beschleunigungsinstrumente gibt.

Dafür gibt es einen mysteriösen Zirkus – Jedediah Berry erinnert sich an einen, der in seiner Kindheit regelmäßig in die Stadt kam –, eine energische junge Dame, die dem Helden zur Seite steht, einen Helden, der immer Rad und Schirm dabei hat. Im „Handbuch“ – gleichsam ein Buch im Buch – findet er durchaus vernünftige Tipps wie: „Viele Fälle beginnen mit einem Toten – das kann beunruhigend sein, doch wenigstens weiß man dann, woran man ist.“

Bei Jedediah Berrys Roman weiß man als Leser nicht genau, woran man ist – das macht zu einem beträchtlichen Teil seinen Reiz aus. Er habe so getan, schreibt Berry in einem Blog, „als existierten die Genre-Grenzen nicht“. Und in der Tat ist es zur Zeit vor allem die Kriminalliteratur, die eine erfrischende Respektlosigkeit gegenüber Lesererwartungen zeigt: Erlaubt ist, was Spaß macht.

Charles Unwin, der Detektiv wider Willen, fügt sich dann doch in seine Beförderung und macht sich auf die Suche nach dem verschwundenen Star-Schnüffler Travis Sivart, dessen Schreiber er war. Dass er immer ein sorgfältiger Mensch war, der vermutlich beste Schreiber, den die Agentur je hatte, zahlt sich nun aus: „Ich bin ein gewissenhafter Träumer, Sir“, kann er dem Täter sagen, als er ihn dann gestellt hat. Da hat er etwas gemeinsam mit seinem Erfinder.

Autor:  Sylvia Staude
Datum:  29 | 7 | 2010
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