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Literatur

24. Februar 2007

Der große Kondom-Klau

 Von OLIVER PFOHLMANN
Julius Fromm um 1922 mit seinen drei Söhnen Max, Edgar und Herbert im Garten der Villa in Berlin-Schlachtensee.Foto: S. Fischer Verlag

Volksgenossen als Schnäppchenjäger: Götz Aly und Michael Sontheimer über die Ausplünderung des jüdischen Gummifabrikanten Julius Fromm.

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Über den Kondomfabrikanten Julius Fromm und sein prominentes Produkt kursierten im Berlin der zwanziger Jahre viele Witze. Einer ging so: Stehen zwei am Alex. Sagt der eine: "Kiek mal, da steht die Frau vom Strumpffabrikanten Ergee mit ihren Töchtern, die haben ganz zerrissene Strümpfe an." Sagt der andere: "Na und? Da drüben looft Julius Fromm mit seinen drei Söhnen."

Der Spott hatte einen wahren Kern: Seit Fromm 1906 seine schwangere Verlobte überstürzt heiraten musste, war er in Sachen Verhütung sensibilisiert. Im Übrigen stellte der Witz die Realität jedoch auf den Kopf; denn es war gerade der 1883 geborene Sohn armer ostjüdischer Migranten aus dem Ghetto von Konin (nahe Posen), der nach 1912 als erster aus einer bis dahin höchst zweifelhaften, halb legalen "Bückware" ein sorgfältig geprüftes Massenprodukt entwickelt hatte. Für dessen Qualität bürgte der Unternehmer stolz mit seinem Namen - bis dahin hatten sich dubiose Hersteller hinter fantasievollen brand names wie "Ramses" oder "Venus" versteckt.

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Die kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Autodidakten und Selfmademans kann kaum hoch genug geschätzt werden. In der sich nach 1900 modernisierenden Gesellschaft war das Bedürfnis nach Familienplanung enorm, dem Widerstand konservativer, um die schwindende "Volkskraft" bangender Kreise zum Trotz. Und Ärzte schlugen Alarm, als sich mit dem Ersten Weltkrieg Geschlechtskrankheiten rasant ausbreiteten. Wirkungsvollen, praktikablen Schutz konnte erst Julius Fromm anbieten. Nicht zufällig begann der rasante Aufstieg seiner Manufaktur in den Kriegsjahren, als in den Soldatenbordellen die Kondompflicht eingeführt wurde. In den Roaring Twenties, als Großstädte wie Berlin eine erste Sexwelle erlebten, produzierte die Gummifabrik 24 Millionen Kondome jährlich. Kabarettisten flachsten: "Fromms zieht der Edelmann beim Mädel an", und der Markenname wurde wie "Tempo" zum Synonym für alle artgleichen Produkte.

Wenig bekannt ist, dass die Geschichte der Firma "Fromms Act" auch ein Beispiel dafür ist, wie jüdische Unternehmen im Dritten Reich von Staat und Volk ausgeplündert wurden. Die Markengeschichte des heutigen Herstellers im Internet etwa springt nach Fromms technischer Innovation von 1912, dem Tauchverfahren, gleich ins 21. Jahrhundert. Götz Aly und Michael Sontheimer haben in den Archiven recherchiert, mit den noch lebenden Familienangehörigen gesprochen und eine vorzüglich lesbare, spannende Unternehmensgeschichte vorgelegt. Dem multiperspektivischen Bild der NS-Zeit, an dem Aly, der innovativste Kopf unter den Holocaust-Forschern, seit Jahrzehnten arbeitet, fügt dieses Buch eine weitere faszinierende Facette hinzu. Aus ihrer Sympathie, wenn nicht gar Bewunderung für den fortschrittlichen, "sanften Patriarchen" Fromm, diese "Jahrhundertfigur", machen die Autoren keinen Hehl. Dessen Weg vom ungebildeten Zigarettenverkäufer ohne Kapital, der in Abendkursen Chemie studierte, zum verantwortungsbewussten Lenker eines internationalen Unternehmens ist erstaunlich. Ebenso seine Begeisterung für die Moderne, wie sie sich etwa in dem 1929 / 30 ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit erbauten Fabrikgebäude in Berlin-Köpenick manifestierte: Die durchgehenden Fensterfronten hoben die Trennung von Innen und Außen so weit wie möglich auf - wie es Fromms hauchdünne Gummis versprachen.

"Aber Herr Fromm, Sie meinen wir doch nicht. Sie sind eine Ausnahme", tönten nach 1933 noch seine Direktoren Berthold Viert und Karl Lewis, beides Parteimitglieder. "Die Hitlers kommen und gehen", beruhigte der Zweckoptimist Fromm zunächst seine Familie und versuchte, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren: Er schaltete Anzeigen für seine "Deutschen Edel-Erzeugnisse" und ließ in der Kantine die Hakenkreuzfahne aufhängen. Bei den Olympischen Spielen 1936 versorgte er die ausländischen Gäste sinnigerweise mit einem "Nahverkehrsplan" von Berlin. Daran, dass auch er gemeint war, erinnerte ihn jedoch der Stürmer, der immer lauter gegen die unzuchtfördernde "Judenfirma" hetzte.

Nun mochten die Nazis Juden für "Volksschädlinge" halten, die volkshygienische Bedeutung von Fromms Produkt war ihnen jedoch wohlbewusst. Tatsächlich produzierte die Firma unter dem bekannten Namen mit der Hilfe von Zwangsarbeitern und trotz Rohstoffmangels bis Kriegsende! Die Nazis befürchteten die "wehrkraftzersetzende" Wirkung der Syphilis und ließen in den Kasernen sogar die andernorts verbotenen Kondomautomaten aufstellen. Julius Fromm gehörte das Unternehmen freilich längst nicht mehr: 1938 wurde "Fromms Act" arisiert; Hermann Göring persönlich schanzte das Unternehmen für einen Spottpreis seiner Patentante Elisabeth von Epenstein zu, die ihm dafür zwei Burgen schenkte. Julius Fromm rettete sich und die meisten Angehörigen seiner Familie ins Exil nach London, wo der Krieg den rastlosen Unternehmer zur Untätigkeit verdammte.

Akribisch rekonstruieren Aly und Sontheimer die nun folgende "Sozialisierung" der zurückgelassenen Vermögenswerte Fromms. Seine Bankguthaben verschwanden als Zwangsanleihen, um den Krieg zu finanzieren. Für seine Berliner Villa Rolandstraße 4 erhielt 1943 ein Ritterkreuzträger den Zuschlag. Der Hausrat wurde öffentlich versteigert, von den Ölbildern bis zur Sitzecke: der Volksgenosse als Schnäppchenjäger. Die Plünderung Fromms ist ein Exempel dafür, wie Hitlers "Gefälligkeitsdiktatur" (Aly) funktionierte. "Julius Fromm war unter die Räuber gefallen. Doch fiel er nicht einem Haufen von Banditen anheim, sondern einem Staat und dessen Bürgern", resümieren die Autoren und schätzen, dass die deutsche Volksgemeinschaft im "Enteignungsfall Fromm" nach heutiger Kaufkraft 30 Millionen Euro einstrich.

Julius Fromm starb am 12. Mai 1945, drei Tage nach den Siegesfeiern. Bis zuletzt hatte er davon geträumt, nach dem Krieg sein Unternehmen wiederzugründen, natürlich in Berlin. Sein Herz hatte die Freude nicht verkraftet, sagt die Familienlegende. Dass die DDR ihn nicht als Opfer des NS-Regimes, sondern als "kapitalistischen Ausbeutertyp" sehen wollte, um aus seinem Unternehmen einen volkseigenen Betrieb machen zu können, musste er nicht mehr erleben.

Götz Aly / Michael Sontheimer: Fromms - Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2007, 220 Seiten, 19,90 Euro.

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