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Oksana Sabuschko: Der längere Atem

Mit ihrem Roman „Museum der vergessenen Geheimnisse“ verfolgt Oksana Sabuschko nichts Geringeres als die Arbeit an einem neuen ukrainischen Nationalmythos. So sehr Sabuschko als Autorin beeindrucken mag, diesem esoterisch-mythisierendem Ansatz mag man nicht unkritisch folgen.

Ukrainerinnen legen zum Fest von  Ivana Kupala, Ivan der Badende, Kränze ins Wasser.
Ukrainerinnen legen zum Fest von Ivana Kupala, Ivan der Badende, Kränze ins Wasser.
Foto: REUTERS

"Geheimnisse“ heißt ein Spiel, das Oksana Sabuschko in einer Szene ihres monumentalen Romans beschreibt. Die Fernsehjournalistin Daryna, die weibliche Hauptfigur, interviewt die mit ihr befreundete Malerin Wladislawa Matusewytsch. Das Gespräch dreht sich um den neuen Werkzyklus der Künstlerin, der den Titel „Geheimnisse“ trägt. Wladislawa, genannt Wlada, erklärt dessen Herkunft aus einem alten Kinderspiel, das „in den 60er und 70er Jahren“ vor allem Mädchen spielten, „die Jungs durften nicht mitmachen“.

Dabei wird, so erfährt man, ein flaches Loch ins Erdreich gegraben und mit Glitzerfolie ausgelegt. „Auf den blitzenden, silbernen oder goldenen Hintergrund wurden Verzierungen aus Steinchen und Stückchen von allem möglichen Krimskrams angebracht“, Bonbonpapier, Glasperlen, Blüten. Dann wird eine Glasscheibe darauf gelegt und das Ganze zugeschüttet. Die Herkunft des Spiels, erklärt Wlada, rührt aus der Zeit, als die Frauen, traditionell die Hüterinnen der Ikonen, diese aus Angst vor den Kommunisten in der Erde vergruben.

Dieses Interview, eine Schlüsselszene, vielleicht sogar die Urszene des Romans, ist zu dem Zeitpunkt, da wir davon lesen, selbst schon eine Art „Geheimnis“, hinter Glas für die Nachwelt aufbewahrt. Denn es wird uns lediglich als Video vorgeführt, gesehen durch die Augen der Journalistin Daryna, die kritisch ihre eigene Arbeit begutachtet und dabei nach einem Anhaltspunkt sucht, um Wladas letztes Geheimnis zu ergründen. Wladislawa Matusewytsch nämlich ist bereits tot, sie betritt dieses Buch nur noch als ihre eigene Projektion. Bei einem Autounfall ist sie ums Leben gekommen; ihr letzter Bilderzyklus, eben jene „Geheimnisse“, der im Kofferraum des Wagens lag, ist seitdem verschwunden.

Ein altes Foto weist den Weg

Die „Geheimnisse“ der Malerin bilden einen metaphorischen Rahmen für den Roman, der sich aufgemacht hat, vergessene, vergrabene Mythen der ukrainischen Geschichte ans Licht zu holen. Über ein altes Foto, das Daryna zufällig in die Hände gerät, kommt sie auf die Spur einer Frau, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs in einer nationalistischen Guerillaeinheit kämpfte und getötet wurde. Bei der Recherche für einen Film, den sie darüber machen will, trifft sie auf den Großneffen der Frau, den Antiquitätenhändler Adrian, und verliebt sich.

Die erfüllte Beziehung zwischen den beiden bildet das erzählerische Zentrum des Romans, doch kommt ihr eine Bedeutung zu, die über die Liebesgeschichte weit hinausweist. Eine schicksalhafte Verbindung besteht zwischen Daryna und Adrian, die auch noch Namen tragen, von denen jeder ein Akronym des jeweils anderen ist. Es ist gleichsam, wie Daryna erkennt, als seien sie dazu bestimmt, eine Liebe mit Leben zu füllen, die in der Vergangenheit nicht gelebt werden konnte.

Je tiefer Daryna bei der Recherche in die abenteuerliche Lebensgeschichte von Adrians Partisanengroßtante Helzja eintaucht, desto intensiver werden die eigenartig lebendigen Träume, die Adrian hat. In diesen Träumen lebt er das Leben eines anderen Adrian nach, eines Partisanen, der Helzja liebte, jedoch von ihr zugunsten eines anderen fallen gelassen wurde.

Kühne Manipulation des Unbewussten

Was nach einer reichlich kühnen Manipulation des Unbewussten der Protagonisten klingt, gelingt Oksana Sabuschko völlig selbstverständlich. Fast hat man den Eindruck, der ganze Roman sei in einem einzigen, wenngleich perspektivisch variablen, Bewusstseinsstrom verfasst. Ein einziger langer Erzählatem durchzieht die immerhin fast 800 Seiten des Buches. Die reale, erzählte Zeit wird dabei praktisch unwirksam. Gespräche, die aus nur wenigen Dialogzeilen bestehen, können gut und gern auf zwanzig, dreißig Seiten wiedergegeben werden, denn was Sabuschko interessiert, ist nicht das, was gesagt wird, sondern das, was darunter liegt, das Geheimnis hinter den Worten.

Durch dieses Fließenlassen der Gedanken werden Sabuschkos Figuren zu idealen Medien. Auch im Bewusstsein der Leserin – denn auch beim Lesen gewinnt man, sich anpassend, zunehmend an langem Atem – geht der eine Bewusstseinsstrom in dem anderen auf, geht das heutige Denken und Fühlen in das Denken und Fühlen jener über, die schon lange tot sind. Es ist, als existiere unter der alltäglichen Oberfläche des heutigen Daseins ein ungeteiltes, ein kollektives Bewusstsein, das sich aus vielen Quellen speist und das weit zurückweist durch die Jahrzehnte.

Natürlich arbeitet Oksana Sabuschko damit an nichts Geringerem als an einem neuen nationalen Mythos. Ihr Roman überspringt quasi die (russifizierte) Sowjetzeit, tilgt sie aus dem nationalen Museum der Erinnerungen, will bruchlos anknüpfen an das „eigene“, das Ukrainische, und scheint sich dabei aus tieferen Schichten des Bewusstseins zu speisen.

Ein sehr politischer Anspruch. Aus westlicher, zumal deutscher Sicht ist es nicht einfach, sich dazu zu verhalten. So sehr Sabuschko als Autorin beeindrucken mag und so sehr ein gewisser postkolonialer Überschwang in der Ukraine nachvollziehbar ist, so widerstrebt es einem doch, diesem esoterisch-mythisierenden Ansatz bei der Konstituierung eines neuen Nationalbewusstseins unkritisch zu folgen. Man erinnert sich dunkel, wohin dergleichen führen kann.

Auch der unverhohlene Biologismus, der Sabuschkos Genderdiskurs prägt, berührt eigenartig. Die Schriftstellerin ist überzeugte Feministin osteuropäischer Prägung; ihre Männchen-Weibchen-Dialektik konstituiert die Geschlechter als zwei sich im gelingenden Fall zwar ergänzende, doch einander als das jeweils gänzlich Andere gegenüberstehende Pole.

Wenn Sabuschko mit ihren „Geheimnissen“ der Ausgrabung des verschütteten Nationalgedächtnisses auf der Spur ist, so verfolgt sie damit die Idee der nationalen Wiedergeburt im Geiste einer mythischen weiblichen Kraft. Das alte Mädchenspiel soll das Macholand in eine bessere Welt aus dem Geiste der alten verwandeln. An sich eine schöne Idee, aber wahrscheinlich doch wenig zukunftsweisend. Denn solange die Mädchen ihre „Geheimnisse“ nur unter sich spielen, spielen die Jungs wohl auch ihre Machospiele ganz allein weiter.

Autor:  Katharina Granzin
Datum:  26 | 10 | 2010
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