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Literatur

09. März 2011

Der Papst als Autor: Benedikts Jesus hat es nie gegeben

 Von Gerd Lüdemann
Historische Szene: Schauspieler in Los Angeles, Kalifornien stellen 1922 das letzte Abendmahl dar.  Foto: Getty Images

Auf dem Goldgrund des Dogmas: Der Papst legt den zweiten Band seines Buches "Jesus von Nazareth" vor. Darin gaukelt er dem Leser Heilstatsachen vor, deren Geschichtlichkeit von der historischen Kritik widerlegt worden ist. Die Gestalt Jesu, die Benedikt zeichnet, hat es auf dieser Erde nie gegeben.

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Vor knapp vier Jahren veröffentlichte Benedikt XVI. (im Folgenden B.) den ersten Teil seines Buches „Jesus von Nazareth“, der einen Grundriss des Lebens Jesu „von der Taufe bis zur Verklärung“ enthält. Jetzt liegt der zweite Teil vor, der die Stationen des Weges Jesu „vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung“ behandelt und zumeist in Erzählform Ausschnitte dessen präsentiert, was Jesus an den verschiedenen Orten gepredigt und getan haben soll. Ebenso wie der erste Teil setzt der zweite – so der Verfasser – die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese voraus, will diese Methode aber auf eine theologische Auslegung hin überschreiten.

Alleinige Quellen der Darstellung sind die vier Evangelien des Neuen Testaments. Zwar deutet B. vorsichtig an, dass die von ihnen übermittelten Worte Jesu nicht immer genau mit dem übereinstimmen, was dieser gesagt habe. Doch bescheinigt er allen eine große Treue und betont, man dürfe sich wegen der Geschichtsbezogenheit des christlichen Glaubens von der Frage der wirklichen Historizität der wesentlichen Ereignisse nicht dispensieren. „Wenn die Geschichtlichkeit der wesentlichen Worte und Ereignisse wirklich wissenschaftlich als unmöglich erwiesen werden könnten, hätte der Glaube seinen Boden verloren.“

B. ist jedoch zuversichtlich, dass christlicher Glaube geschichtlich möglich ist, zumal historische Vernunft im Glauben selbst notwendig enthalten sei. Indes behauptet in seinem Buch der Glaube ein starkes Übergewicht über die historische Vernunft. So wird Jesus ohne Sinn für Empirie auf dem Goldgrund des Dogmas gezeichnet. Deswegen B.s Vorliebe für das Johannesevangelium, in dem Jesus wie ein auf Erden wandelnder Gott agiert. B. attestiert dessen Verfasser auch dort eine große historische Treue, wo Jesus das so genannte hohepriesterliche Gebet (Kap. 17) spricht. Doch ist dieses Gebet gemäß dem Konsens der Forschung ein Schreibtischprodukt, das ein spätes Stadium der nachösterlichen Lehre von Christus reflektiert.

Einzeldeutungen stoßen übel auf

Aber auch sonst ist Jesus in der Darstellung B.s durchweg der Sohn Gottes, der alles im Voraus weiß, der erkennt, was sein himmlischer Vater will – ja, an dem sich angeblich „das eigentliche Entscheidungsdrama der menschlichen Geschichte“ vollzieht. Entsprechend stoßen die meisten Einzeldeutungen, die B. als historisch reklamiert, übel auf. Ich nenne hier nur drei:

a) Das Alte Testament habe im Buch Jesaja, Kapitel 52–53 („Fürwahr, er trug unsere Krankheit …“) prophezeit, dass Jesus als Gottesknecht stellvertretend für die vielen leiden und sterben werde. Jesaja habe Zug um Zug den Weg Jesu „vorhergesagt“, der Prophet spreche als „Evangelist“. Diese These scheitert an Kontext und Inhalt des genannten Textes. Er schließt einen Zyklus von insgesamt vier Gottesknechtsliedern ab, die sich als relativ selbstständige Größe aus dem zweiten Teil des Jesajabuches (Kapitel 40–55) abheben. Ihnen zufolge hat der Gottesknecht die Aufgabe, die Zerstreuten Israels, die sich seit 587 v. Chr. im babylonischen Exil befinden, aufzurichten, sie nach Palästina zurückzubringen und einen Kult zu gründen. Zweifellos haben diese Lieder nicht Jesus im Blick, sondern eine Gestalt aus vorchristlicher Zeit.

b) Jesus habe beim letzten Abendmahl seinen Jüngern Brot und Wein als seinen Leib gereicht; vgl. die Einsetzungsworte: „Dies ist mein Leib – dies ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele.“ Die Einsetzungsworte sind schon deswegen nicht geschichtlich, weil Juden einen Abscheu vor Blutgenuss hatten. Außerdem konnten die Jünger zum Zeitpunkt des letzten Abendmahls aus dem Tod Jesu, der für sie geschah („mein Blut vergossen für viele“), noch keinen religiösen Nutzen ziehen, denn Jesus war noch nicht gestorben.

c) Die Auferstehung Jesu gehört B. zufolge der Geschichte ein Stück weit zu. Jesus sei „keine wiederbelebte Leiche, sondern ein von Gott her neu und für immer Lebender“. Die Begegnungen der Jünger mit dem „Auferstandenen“ seien wirkliche Begegnungen mit ihm, „der auf neue Weise Leib hat und leibhaft bleibt“. Daher müsse das Grab leer gewesen sein. Die Verkündigung der Auferstehung wäre damals in Jerusalem unmöglich gewesen, wenn man auf den im Grab liegenden Jesus hätte verweisen können.

Nicht stichhaltig

Das zuletzt genannte Argument ist nicht stichhaltig: 1. Wir wissen nicht, ab wann die Jünger in Jerusalem öffentlich auftraten. Sollte ihre Verkündigung, wie die Apostelgeschichte voraussetzt, erst fünfzig Tage nach der Kreuzigung begonnen haben, wäre eine Identifizierung von Jesu Leichnam schon aus klimatischen Gründen nicht mehr möglich gewesen. 2. Der Ort des Begräbnisses war unbekannt; das Grab wurde erst im 4. Jahrhundert unter einem Tempel der Venus wieder „aufgefunden“.

Ferner sprechen die ältesten Ostertraditionen gar nicht von einer leibhaftigen Begegnung mit Jesus auf der Erde, sondern davon, dass Petrus und andere ihn als in den Himmel erhöht gesehen haben. B.s These orientiert sich an den allgemein als sekundär eingestuften Erzählungen der vier Evangelien, die den auferstandenen Jesus auf dieser Erde wandeln lassen.

Unter dem Strich ist dieses Buch inhaltlich zu dürftig, um die gut begründeten Voraussetzungen und Ergebnisse der historischen Kritik zu erschüttern. B. gaukelt dem Leser Heilstatsachen vor, deren Geschichtlichkeit von der historischen Kritik widerlegt worden ist. Die Gestalt Jesu, die B. zeichnet, hat es auf dieser Erde nie gegeben.

Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth. Zweiter Teil: Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung. Herder, Freiburg 2011, 370 S., 22 Euro.

Gerd Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen und Autor des Buches „Das Jesusbild des Papstes“, Verlag zu Klampen 2007.

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