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Dichters Nebentätigkeit: Der kritzelnde Poet

Langweilen, konzentrieren, weitermachen: Drei Ausstellungen im Literaturmuseum Marbach befassen sich mit einer Randerscheinung der Literatur: Zeichnungen auf Manuskriptblättern. Von Judith von Sternburg

Ein Manuskriptblatt von Hermann Hesse - nebst Geklritzel.
Ein Manuskriptblatt von Hermann Hesse - nebst Geklritzel.
Foto: DLA

Der Schriftsteller krakelt nicht geistreicher als der gelangweilte Angestellte, wenn die Konferenz die 30-Minuten-Schwelle überschreitet. Humorvolle Profile, großbusige Damen, allzumenschliche Tiere, Pflanzenwerk und Ornamentales, das sich den Gegebenheiten auf dem Papier anpasst und das geschriebene Wort umkreist, oder das sich um nichts schert und alles überwuchert. Trotz des Einsatzes von Experten ist es bisher nicht gelungen zu entziffern, was unter dem Spinnennetz steht, das Alfred Döblin über eine handschriftliche Notiz gespannt hat. Und welches Gedicht Ludwig Uhland so entschieden zugekringelt hat, dass es auf keinen Fall mehr zu lesen ist, würde man recht gerne wissen. Aber so gerne auch wieder nicht.

Die Schau "Randzeichnungen" im Literaturmuseum Marbach lässt ebenso wenig erbeben wie die beiden gleichzeitig eröffneten ineinander verschachtelten Ausstellungen. Stattdessen laden sie zum Spaziergang auf Nebenpfaden der Literaturproduktion ein. "Es ist eigentlich erstaunlich, wie unoriginell viele dieser Zeichnungen sind", sagt Kuratorin Heike Gfrereis.

Zur Sache

Die drei Ausstellungen unter dem gemeinsamen Titel "Randzeichen" sind im Literatur-museum der Moderne auf der Schillerhöhe in Marbach am Neckar bis zum 18. April zu sehen.

Drei Marbacher "Magazine" sind anlässlich der Eröffnung erschienen: "Randzeichnungen. Nebenwege des Schreibens" (mit Texten von Heinrich Steinfest, Ulrich Raulff, Heike Gfrereis und Ellen Strittmatter), "Das Theatrum Mundi des Justinus Kerner. Klebealbum, Bilderatlas, Collagenwerk" (mit Texten von Andrea Fix und Heike Gfrereis) und "Illustrationen" von Martin Mosebach (mit unveröffent-lichten Texten und Bildern von Mosebach).

Die Hefte kosten 10 beziehungsweise 9 Euro. www.dla-marbach.de

Gehängt wurde das in einer durchaus effektvollen Steigerung. Zu Beginn findet sich unter Jakob van Hoddis´ Zeilen "Wir glänzen, wir streben / Und Tod hüllt uns ein" das zarteste rötliche Gespinst. Zum Abschluss ist auf Gertrud von le Forts Löschblatt kein Millimeter mehr Platz. Dazwischen ahnt man, wie sich Friedrich Theodor Vischer in der Paulskirchenversammlung gelangweilt hat. Oder Erich Kästner im Mathematikunterricht, und später hat sich dennoch niemand getraut, das Blatt wegzuwerfen.

Rainer Maria Rilke machte sich Notizen zu seinen Duineser Elegien und kritzelte auf dem Blättchen, auf dem er die achte Elegie erwähnt, ein unbestimmtes Flugobjekt hin. In der achten Elegie heißt es: "Und wie bestürzt ist eins, das fliegen muss/und stammt aus einem Schoß. Wie vor sich selbst/erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung/durch eine Tasse geht. So reißt die Spur/der Fledermaus durchs Porzellan des Abends." Wie man sieht, geht es hier nicht um Doppelbegabungen.

Alpträumchen, Bilderfetzen

Dennoch sind die Bildchen keine Leichtgewichte. Vielmehr geben sie Gelegenheit, die großen (und nicht so großen) Dichter einmal im Moment der Unkonzentration (oder Konzentration) zu erleben, als dürften wir ihnen über die Schulter blicken. Das verdeutlicht noch die zweite Ausstellung, etliche Quadratmeter erstmals gezeigter "Illustrationen" von Martin Mosebach. Er zeichne, gibt er zu Protokoll "vor und auch während des Schreibens, ich betätige einfach immer weiter den Füller und habe das Gefühl, dass das Schreiben weiter geht, wenn es in Wirklichkeit stockt". Es wäre das bunte Gewirr eines Gelangweilten und Stockenden, wenn es nicht ein Teil des Schreibprozesses eines Büchner-Preisträgers wäre, Monsterszenarien, Alpträumchen, Bilderfetzen aller Art.

Sind die Zeichnungen nun im Grunde genommen ein Bestandteil des Textes? Nein. Mosebach erinnern sie an Wasserspeier an Kathedralen. "Auf eine eigentümliche Weise können sie nicht ins Innere hinein, da haben sie nichts verloren, aber sie kleben außen daran oder wachsen aus ihm heraus." Natürlich ist das ein lustiger Vergleich: Mosebachs Männchen und die Wasserspeier, sagen wir, von Notre Dame. Auch Mosebach: ein Schriftsteller, kein verkannter Zeichenkünstler.

Die dritte Ausstellung, die von der Decke herab in der Mitte der schicken Säle hängt, ist ein reizendes Fundstück aus den Tiefen des Marbacher Literaturarchivs: ein von dem Dichter Justinus Kerner (1786-1862) und später seinem Sohn geführtes wunderbar sinn- und zweckloses Album. Komische Tiere, schaurige Szenarien, antike Stätten und Situationen, Porträts, die mit Öhrchen, Tintenfleck-Monster-Gesichtern oder Äffchen auf der Schulter verspöttelt, aber auch in die Sphäre des Unheimlichen transportiert werden. Vor sich selbst macht Kerner dabei nicht Halt. Mit dem "Randzeichen"-Motto hängt das lose zusammen - auch hier ist der Dichter bei einer privaten Nebenbeschäftigung mit Bildern zu beobachten.

Wer zu denen gehört, die Justinus Kerner bisher heillos unterschätzt haben, wird im übrigen aufmerksam. Kerner, man denkt ja nicht jeden Tag daran, gehörte zu den von Franz Kafka hoch geschätzten deutschen Dichtern. Besonders mochte Kafka das Gedicht "Der Wanderer in der Sägmühle", in dem sich eine Tanne, während sie zersägt wird, jammernd an den Besucher wendet. "Vier Bretter sah ich fallen,/Mir ward´s ums Herze schwer", berichtet der Besucher. Das surreale Potenzial solcher Dichtung ist vielleicht doch noch nicht endgültig ausgelotet worden.

Justinus Kerners Album ist ein nebensächliches, aber geeignetes Beispiel für ein ganz anderes 19. Jahrhundert, eines, in dem das 19. Jahrhundert sozusagen übersprungen wird. Sein Hauptakteur richtet sich entweder aufs 18. und dessen Vergnügen am Unfertigen, Auflistenden, Kuriosen oder überhaupt gleich aufs 20. Jahrhundert. Das Blatt, das eine Cranach-Dame zwischen zwei ebenso großen und entsprechend grausigen Insekten zeigt (lange vor der Erfindung des Fotokopierers), sieht aus, als wär´s bereits ein Stück von Ror Wolf.

Autor:  Judith von Sternburg
Datum:  2 | 2 | 2010
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