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Die "deutsche Sappho": Busen voll Tumult und Gram

Moses Mendelssohn war begeistert, Goethe durchaus angetan, und der anakreontische Lyriker Gleim mutmaßte, was sie antiken Klassikern ähneln ließ: Die "deutsche Sappho" Anna Louisa Karsch.

Anna Louisa Karsch, gemalt von Karl Christian Kehrer, 1791.
Anna Louisa Karsch, gemalt von Karl Christian Kehrer, 1791.
Foto: Gleimhaus Halberstadt

Moses Mendelssohn war begeistert von ihr, Goethe durchaus angetan, und der anakreontische Lyriker Johann Wilhelm Ludwig Gleim mutmaßte in einem Brief an den Freund Johann Peter Uz, was die Dichterin, die "schon in den Jahren ist, in welchen wir anderen Dichter aufhören Musen und Mädchen zu haben", den antiken Klassikern ähneln ließ.

Sie sei, so Gleim, "mehr von der Natur gebildet, als von der Kunst. Sie samleten ihre Bilder aus Betrachtung der Welt, wir samlen sie aus Büchern; ein Mahler, der immer copirt, wird nie ein Raphael werden, und ein Dichter, der Hirten und Helden nur im Virgil gesehen hat, nie ein Homer".

Heute mag es vorkommen, dass man Anna Louisa Karsch, auch die Karschin genannt, in manchem einschlägigen Lexikon und in mancher Anthologie vergeblich sucht - im Berlin des Rokoko aber war sie eine Sensation, umso mehr, als nichts in ihrer Biographie auf eine solch rasante Karriere hingedeutet hätte. Geboren wurde sie 1722 in Schlesien in einfachen Verhältnissen; ihre Eltern, die Gastwirte waren, verlor sie schon früh. Sie lernte Handarbeiten, als sie zwölf war, hütete Kühe, arbeitete als Magd für eine Müllersfrau.

Im Alter von sechzehn Jahren ging sie die Ehe mit einem Tuchweber ein, die so unglücklich verlief wie eine zweite mit einem Schneider; auch von ihm trennte sie sich, behielt aber seinen Namen. 1760 endlich halfen einige einflussreiche Förderer der mehrfachen Mutter, die mit ihren Gedichten bereits zum Lebensunterhalt der Familie beigetragen hatte, nach Berlin zu ziehen.

Dort sorgte sie in den literarisch interessierten Kreisen augenblicklich für Aufsehen, insbesondere mit ihrer improvisierten Stegreifdichtung, die ihr den Ruf eines Naturtalents einbrachte - und dazu führte, dass man in ihr eine legitime Nachfahrin der berühmtesten aller antiken Dichterinnen sah: "Eine Sapho ward ich. Unterm kalten/ Klima, hab ich diesen Geist erhalten/ Von den Göttern, deinem Geiste gleich!/ Horche nur, auf meiner Lieder Menge! Sanfte, süße, flammigte Gesänge/ Sind es, und sie machen Herzen weich!"

Freilich war es neben den Göttern nicht zuletzt auch der Dichter Gleim, der diesem Geist sich zu entfalten verhalf: Von ihm stammt die markante Bezeichnung "deutsche Sappho", und aufgrund der Beziehung zu ihm entstand der Hauptstrang des Karschen Werks.

Die Herausgeberin Regina Nörtemann, der wir schon die dreibändige Ausgabe des lyrischen Werks Gertud Kolmars verdanken, hat sich nun dieser Liebesgedichte der "deutschen Sappho" angenommen, sie den Archiven entrissen und erstmals in einem sorgfältig komponierten und kommentierten Band zusammengefasst. Es sind originelle Texte darunter, etwa jener Gesang "an die Spatzen" ("Ihr schweigt noch nicht mit dem Geschwätze?/ Auf, eilt, daß sich ein ganzes Chor/ Von Euch, vor Thyrsis fenster setze;/ Da schwatzt ihm Liebe vor!"), und es finden sich Passagen von großer Kraft und Sinnlichkeit: "Deinen Anblick kann ich nicht ertragen,/ Wie den Blitz, in heißen Erntetagen,/ Fühl´ ich ihn mir durch die Seele gehen!" Natürlich taucht daneben das gesamte lyrische Repertoire jener Epoche auf, allerlei Ingredienzen, die man heute allzu schnell als Rokokokoketterien, ja als Rokokokokolores abzutun bereit ist: Beschwörungen der alten Götter Zeus, Venus und Amor fehlen ebensowenig wie Nachtigallen und Seufzer, Rosenlippen und schmerzende Busen, Schäfer und "ganze Ströme Zähren".

All das lässt aber nicht den durchaus eigenen Ton überhören, erst recht nicht die unbändigen Wendungen, auf die man immer wieder stößt; einmal ist vom "sich turteltäubisch grämen" die Rede, anderswo heißt es "ich knirschte vor Verdrusse": Das ist so einprägsam, dass man als Leser selber mit den Zähnen zu mahlen beginnt. Aufregender als so manche Verse ist trotzdem die Geschichte ihrer Entstehung - und die ihrer Redaktion durch Gleim, die in diesem Buch dokumentiert wird.

Anna Louisa Karsch trifft den wenig älteren Dichter Gleim in Berlin; während sie sich in ihn verliebt, schätzt er sie als Schwester im Geiste, als Dichterfreundin, und so ermuntert er sie, ihm nicht nur Briefe zu schicken, die sie fortan mit "Sapho" unterschreibt, sondern auch Gedichte an und für ihn zu verfassen. Ein lyrisches Masken- und Rollenspiel in der Manier jener Ära beginnt: Sie ist "Sapho" und die Schäferin "Lalage", er ist mal "Thyrsis", ein Schäfer, mal der sapphische "Phaon" - selten jedoch der Gleim, dem sie sich leidenschaftlich anvertrauen will, der sich seinerseits immer wieder zurückzieht und, wird die Nähe zu bedrohlich, mit dem Abbruch der Beziehung droht. Hingebungsvoll ist er allein beim Redigieren ihrer Texte, und da beide Versionen der Gedichte erhalten blieben, Handschrift und Bearbeitung, bietet sich dem Leser die aufschlussreiche Doppellektüre: Links die interpunktionslosen Originalzeilen Karschs, rechts die Fassungen Gleims, der nicht nur korrigiert und vereinheitlicht, sondern zum Teil massiv in die Gestalt der Gedichte eingreift: Das schöne Adjektiv "dumpficht" weicht dem matteren "mat", manche Zeile wird geglättet allzu glatt, gleitet allzu gleimsch, ganze Strophen verschwinden und aus dem Gedicht "Klagen wegen Reiseverhinderung" wird gleich das von grundauf veränderte Gedicht "Klagen an einen Freund".

Gleim blieb ein treuer Verehrer ihrer Gedichte, trug sie in privatem Kreise gern und oft vor und brachte 1764 sogar eine Auswahl ihrer Werke heraus. Anna Louisa Karsch hingegen, die in einigen Gedichten das Rokoko bereits zu verlassen, mit einem "Busen voll Tumult und Gram" schon beinahe zu stürmen und zu drängen scheint, verdanken wir eines der einfallsreichsten Heilmittel gegen die Liebe, das ihr allerdings nichts nützte, weder in den beiden Ehen, noch in ihrer unglücklichen Romanze mit Gleim: Ein Buch mit den Werken Alexander Popes, rät sie, solle man sich wie einen Schild vor die Brust legen; das schütze nicht nur gegen die Pfeile Amors, es verführe den Sohn der Venus auch zum Lesen - bis er beim Blättern vergisst, weshalb er gekommen war, und, "des Dichtens voll", schlicht und einfach davonfliegt.

Autor:  Jan Wagner
Datum:  26 | 8 | 2009
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