Wir erfahren, dass die Pille nicht primär zur Befreiung der Frau erfunden wurde, sondern vor allem zur Verhinderung der Überbevölkerung der Erde, eine Bedrohung, die unter dem Sensationsbegriff "Bevölkerungsbombe" kursierte und Angst vor Hungerkatastrophen und Kriegen suggerierte. Die allmähliche Durchsetzung der "Antibabypille" als ein Verhütungsmittel, das Frauen die Kontrolle über die Geburtenregelung ermöglichte, war begleitet von Machtkämpfen verschiedenster Interessengruppen. Wie in einem Kaleidoskop wird beleuchtet, was zu den Veränderungen unserer sexuellen Zivilisation und damit der Sexualmoral seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts beigetragen hat, und welche Widerstände der Durchsetzung der Pille entgegen wirkten.
Es ist hochspannend zu erfahren, wie sich die Dispute über die neue Erfindung gesellschaftlich niederschlugen, was Männer und Frauen der verschiedenen Schichten dazu meinten, wie sie in der Protestbewegung von 1968 einflossen und wie allmählich eine Sprache über Sexualität gefunden wurde. Wer diese Jahre erlebt hat, wird Teile seiner eigenen Geschichte in diesem Buch wiederfinden mitsamt den kollektiven Auseinandersetzungen der Zeit.
Etwa darüber, dass die Pille anfangs nur verheirateten Frauen verschrieben werden durfte, über die Sorge, mit der Pille vorehelichen Geschlechtsverkehr zu begünstigen, über die Furcht vor hemmungslosem Triebleben, über den blühenden Schwarzmarkt, auf dem immer wieder Placebos gehandelt wurden, über die Kämpfe um Preissenkungen. Und er wird sich an gängige Schlagworte erinnern, wie "dem Schicksal ins Handwerk pfuschen", oder "ein Geschenk für den Mann", womit die durch die Pille angstlos und willig gewordene Frau gemeint war.
Die etablierten Hierarchien zwischen den Geschlechtern gerieten ins Wanken, aber nicht alle Konsequenzen, die sich daraus ergaben, waren zum Vorteil der Frauen. Das kann man etwa an dem Phänomen sehen, dass eine Zeitschrift wie "Konkret" früh die Ausgabe der Pille an Mädchen propagierte und zugleich eine der ersten war, die nackte Frauen auf dem Titelbild zeigten.
Die in den siebziger Jahren beginnende Frauenbewegung brachte denn auch kämpferisch die kritischen Gesichtspunkte der Pille zur Sprache, medizinische (wie Thrombosegefahr) oder gesellschaftliche (wie die erhöhten sexuellen Erwartungen der Männer an Frauen, die ja jetzt keine Ausrede mehr hatten). Unter diesem Aspekt ist es verständlich, dass es Frauen gab, die die Pille als Symbol der Unterdrückung und Fremdbestimmung empfanden. Es war die Zeit der großen feministischen Aktionen, etwa gegen den Abtreibungsparagraphen, und die Pille geriet von neuem ins ideologische Kreuzfeuer.
Für ältere Leser vielleicht überraschend, vertritt die Autorin die These, dass die Pille "nicht Auslöser oder Ursache einer ,sexuellen Revolution´" war. Eher spiegelten sich in ihr Silies zufolge die Ambivalenzen der modernen Zeit mit ihren komplexen Entwicklungen auf allen Ebenen wider. Die Belege, die sie dafür anführt, sind überzeugend.
Was aber bei aller Widersprüchlichkeit der kontroversen Einschätzungen als Fazit von Silies hervorgehoben wird, ist, dass die Pille ein "Element im Subjektivierungsprozess der Individuen" sei - "manchmal eine Last, häufig aber auch ein Weg zu Lust und Liebe." Es wäre spannend, eine vergleichbare Studie über die damalige DDR zu lesen.
Ulrike Kolb, Jg. 1942, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr letzter Roman "Yoram" erschien im vergangenen Jahr.