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Die Pille: Mehr als eine Befreiung

Der Natur erfolgreich ins Handwerk gepfuscht: Die Pille hat unser Leben von Grund auf verändert. Das zeigt auch eine Studie zu ihrem 50. Geburtstag. Von Ulrike Kolb

Eine Engländerin  in praktischem  Doppel-Rock: nicht nur ein modisches Diktat in den 1960ern, sondern auch Textil gewordenes Freiheitsversprechen. Freiheit und Selbstverwirklichung versprach die Pille  auch.
Eine Engländerin in praktischem Doppel-Rock: nicht nur ein modisches Diktat in den 1960ern, sondern auch Textil gewordenes Freiheitsversprechen. Freiheit und Selbstverwirklichung versprach die Pille auch.
Foto: dpa

Keine Frau, die heute jung ist, kann sich vorstellen, wie das Leben vor der Erfindung "der Pille" war. Die Dramen, die Ängste, die Schrecken, wenn man ins geschlechtsreife Alter kam. Ein "uneheliches Kind" zu erwarten, galt als gesellschaftliche Schande. Jeder kannte Geschichten von Verstoßenen, die im Kloster oder als Dienstmädchen irgendwo versteckt lebten. Besonders schlimm erging es denen, die von farbigen Besatzungssoldaten Kinder hatten, sie waren stigmatisiert, "Flittchen" auf Lebenszeit.

Bis zu den eigenen ersten sexuellen Erfahrungen wussten wir nicht, wie ein Geschlechtsverkehr funktioniert. Unsere groteske Unwissenheit machte das erste Erlebnis in der Regel zu einer so peinlichen Veranstaltung, dass man es am liebsten sofort wieder vergessen wollte. Wer Glück hatte, wurde von einem älteren Mann in die Liebe eingeführt. Damit bekam nicht selten das, was man heute Missbrauch nennt, einen positiven Nebeneffekt. Ich hatte drei Freundinnen, die von ihren Stiefvätern geschwängert wurden. Eine bekam ihr Kind, die Mutter sprach nie wieder mit ihr. Die andere starb bei einem Abtreibungsversuch. Die dritte hatte es extrem schwer, sie konnte keine Ausbildung machen.

Zum Buch

Eva-Maria Silies: Liebe, Lust und Last. Die Pille als weibliche Generationserfahrung in der Bundesrepublik 1960-1980. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, 488 Seiten, 39,90 Euro.

Abtreibung war tabu, kriminell und teuer. "Vergnügungssteuer" nannte ein Arzt die aberwitzigen Kosten, die er bar auf die Hand haben wollte. Preiswerter fand der Abbruch auf Küchentischen statt, bei so genannten Engelmacherinnen. Ließ man sich mit einem Mann ein, ohne zu heiraten, bangte man jeden Monat mit unvorstellbaren Ängsten, ob "nichts passiert" sei. Heiratete man, ohne dem Mann zu gestehen, dass man keine Jungfrau mehr war, konnte dies ein Scheidungsgrund sein.

Über all diese Dinge zu sprechen, war tabuisiert. Die Gynäkologen waren durchweg Männer, und jeder Gang dorthin war eine bizarre, wortarme Erniedrigung. Wer auf dem Land aufwuchs, war durch den Umgang mit Tieren noch am aufgeklärtesten. Alles, was mit Liebe zu tun hatte, war unheimlich geheimnisvoll, aber es war durch die Angst vor Schwangerschaft mit so vielen Nöten verbunden, dass die Romantik bald verschwunden war.

Für meine Generation war die Pille mehr als eine Befreiung. Sie hat unser Leben von Grund auf verändert. Jetzt, fünfzig Jahre nach ihrer Erfindung, ist ein Buch über sie erschienen. Die Studie von Eva-Maria Silies liest sich wie eine spannende Reportage zur Revolutionierung des weiblichen Lebens, wie sie bis dahin kaum vorstellbar war - dazu informativ und anregend. Sie beschränkt sich auf die Zeit zwischen 1960 und 1980 in Westdeutschland.

Die Motive zur Entwicklung der Pille, die gesellschaftlichen Folgen, die Reaktionen der Kirchen, der Ärzteverbände, der Medien, der Frauen selbst, kurz, der ganze komplexe Vorgang bis zu ihrer Durchsetzung und bald auch kritischen Beurteilung durch die, die sie nutzen, wird aufgezeigt.

Der Arbeit liegen Interviews mit Frauen der Geburtsjahrgänge von 1934 bis 1954 zugrunde. Die Fragen wurden im Kontext einer enormen Vielfalt von sozialwissenschaftlichen und medizinischen Studien entwickelt. Quellen aus den Archiven der Firma Schering, die als erstes Pharmazeutisches Unternehmen "die Pille" auf den westdeutschen Markt brachte, aus dem Bundesarchiv des Gesundheitsministeriums, aus den Veröffentlichungen der Protestbewegung von 1968 wie auch der Frauenbewegung und eine Fülle andere historische Materialien werden verarbeitet. Sorgfältige Angaben machen die Lektüre auch für nicht-akademische Leser interessant. Die einzelnen Kapitel schließen jeweils mit einem kurzen Fazit ab - eine erfreuliche Hilfe zum Verständnis des nicht nur an Menge sondern auch an gedanklicher Komplexität reichen Stoffs.

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Autor:  Ulrike Kolb
Datum:  25 | 6 | 2010
Seiten:  1 2
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