Literatur

12. Oktober 2005

Die Theorie des mörderischen Wahns

Das Institut zur Erforschung der Judenfrage in Frankfurt am Main sollte die Hohe Schule der NSDAP begründen / Von Ernst Piper

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Alfred Rosenberg
Der Autor und das Buch

Alfred Rosenberg wird am 12. Januar 1893 als Sohn eines lettischen Kaufmanns und einer estnischen Mutter aus hugenottischem Geschlecht in Reval (heute: Tallinn/Estland) geboren.

1917 erreicht er nach dem Studium der Ingenieurwissenschaften und der Architektur an den Technischen Hochschulen Reval und Moskau ein Diplom.

1918 flieht er nach der russischen Revolution über Paris nach München.

1920 tritt er in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) en und schreibt antisemitische Hetzschriften "Die Spur der Juden im Wandel der Zeiten" und "Unmoral im Talmud".

1921 entwickelt er in seiner Schrift "Das Verbrechen der Freimaurer" seine Vorstellungen von einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung.

1923 wird er zum Hauptschriftleiter des NS-Parteiorgans "Völkischer Beobachter" als Nachfolger von Eckart, 9. November: Teilnahme am Hitler-Putsch.

1924 wird Rosenberg von dem im Gefängnis einsitzenden Hitler als sein Stellvertreter eingesetzt und gründet die "Großdeutsche Arbeitsgemeinschaft", eine Ersatzorganisation der verbotenen NSDAP.

1929 gründet er den "Kampfbund für deutsche Kultur".

1930 wird er als NSDAP-Abgeordneter für den Wahlkreis Hessen-Darmstadt in den Reichstag gewählt. Veröffentlichung seines Hauptwerkes "Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts", das nach Hitlers "Mein Kampf" zum wichtigsten Werk des Nationalsozialismus wird.

1933 bis 1945 leitet er das Außenpolitische Amt der NSDAP.

1934 bis 1945 ist er "Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP". ab 1939 lässt Rosenberg läßt für das "Institut zur Erforschung der Judenfrage" jüdische Bibliotheken und Archive plündern und leitet den Raub von Kunstschätzen aus den besetzten Gebieten.

1941 bis 1945 ist er als "Reichsminister für die besetzten Ostgebiete" mitverantwortlich für die Politik der Ghettoisierung und Ermordung der Juden.

16. Oktober 1946: Vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal der Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig befunden und zum Tode verurteilt, wird Alfred Rosenberg in Nürnberg hingerichtet. ber

Der Autor Ernst Piper, Jahrgang 1952, ist seit 2003 Leiter der Abteilung für Holocaust-Studien am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Zuvor arbeitete er viele Jahre im Verlagsgeschäft. Der dokumentierte Text ist ein vom Autor bearbeiteter Auszug aus dem Buch "Alfred Rosenberg". Der Band enthält die von der Universität Potsdam angenommene Habilitationsschrift Pipers. ber

Das Buch Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München: Blessing Verlag 2005. 832 S., 26 Euro. ISBN 3-8966-714-80

Im Januar 1940 erhielt der Chefideologe Alfred Rosenberg von Adolf Hitler den Auftrag, eine Hohe Schule der NSDAP zu errichten. Eine nationalsozialistische Eliteuniversität sollte entstehen. Als erste Einrichtung dieser Parteihochschule wurde am 26. März 1941 in Frankfurt das Institut zur Erforschung der Judenfrage eröffnet. Man wählte dafür den Bürgersaal im Römer. Ursprünglich hatte Rosenberg folgende Idee gehabt: "Die Tagung ist so gedacht, dass im Römersaal die Eröffnung der Bibliothek verkündet wird, wobei mir das Palais Rothschild zu treuen Händen des Institutes mit übergeben wird. Diese symbolische Geste soll bedeuten, dass von Frankfurt a. Main aus die Macht der Rothschilds ausgegangen ist und hier in einem symbolischen Akt ihr Ende findet." Dieser symbolische Akt hätte dem Reichsleiter gewiss gefallen, grundsätzlich wäre er auch möglich gewesen. Maximilian von Goldschmidt-Rothschild hatte sich 1938 gezwungen gesehen, das Rothschild-Palais in der Bockenheimer Landstraße 10, das Rosenberg wohl meinte, weit unter Wert an die Stadt zu verkaufen, aber die Räume wurden an Wohnungssuchende vermietet und das Institut musste sich mit Räumen in der Bockenheimer Landstraße 68-70 begnügen.

Am 26. März 1941 versammelte man sich um zehn Uhr vormittags zur feierlichen Institutseröffnung im Frankfurter Römer, lauschte den Begrüßungsansprachen des Gauleiters und des Oberbürgermeisters Friedrich Krebs sowie der Ouvertüre zu Beethovens "Coriolan". Dann sprach Alfred Rosenberg über "Nationalsozialismus und Wissenschaft". Wilhelm Grau, der Direktor der neuen Einrichtung, hielt den Hauptvortrag über "Die geschichtlichen Lösungsversuche der Judenfrage". Er begann mit der Feststellung, dass die Judenfrage ihren "erbitterten Charakter" daher habe, dass die Juden allem Nichtjüdischen "mit einer abgrundtiefen Feindschaft" gegenüberstehen. Grau machte einen Streifzug durch die letzten 2000 Jahre und wollte dabei drei verschiedene Formen der Reaktion auf die jüdische Minderheit bei den nichtjüdischen Gemeinschaften erkennen: die "Aufsaugung", also die Assimilation, die aber zum Scheitern verurteilt sei, die "Abschließung", also Ghettoisierung, und schließlich die "Aussiedlung". Diesen Weg sei Europa oft gegangen, er sei der einzig mögliche. Grau schloss mit der Feststellung: "Das 20. Jahrhundert, das an seinem Beginn den Juden auf dem Höhepunkt seiner Macht gesehen hat, wird am Ende Israel nicht mehr sehen, weil es aus Europa verschwunden sein wird." Dem Vortrag folgten "Führerehrung" und Gesang, dann ging man zum Mittagessen in den Frankfurter Hof, wo es auch einen Empfang für die in- und die ausländischen Ehrengäste gab. Der slowakische Innenminister war gekommen, ein Staatssekretär aus Ungarn, Abgesandte aus Italien und Bulgarien. Wirklich prominent war nur der Norweger Quisling. Insgesamt keine allzu illustre Runde. Auch die inländischen Ehrengäste, immerhin 300 an der Zahl, stammten eher aus der zweiten, wenn nicht dritten Reihe, denn die Großen des Reiches empfingen zur selben Stunde den japanischen Außenminister in Berlin. So musste man sich in Frankfurt mit "verantwortlichen Männern aller Reichsdienststellen und der Gliederungen der Bewegung" begnügen. Besser vertreten war die Welt der Wissenschaft mit einer Reihe von Hochschulrektoren sowie den bedeutenden Anthropologen Eugen Fischer und Otmar von Verschuer. Auch Hans F.K. Günther, der "alte Vorkämpfer des Rassegedankens", war anwesend.

Am 27. März begann die Arbeitstagung. Der Publizist Giselher Wirsing, der nach dem Krieg viele Jahre Chefredakteur der Wochenzeitung Christ und Welt war, sprach über die Judenfrage im Vorderen Orient, danach Klaus Schickert über Südosteuropa. Am Nachmittag folgten die brisanteren Referate, über eine "europäische Gesamtlösung der Judenfrage", wobei Peter-Heinz Seraphim die wirtschaftlichen Aspekte beleuchtete und Walter Groß, der Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, über die "rassenpolitischen Voraussetzungen" sprach. Damit war gemeint, dass die "Aussiedlung" der Juden in kein europäisches Land möglich sei, da die Juden für alle Völker Europas "im gleichen Maße rassefremd" seien. Auch Seraphim diskutierte die Alternativen Dissimilation, Ghettoisierung und Auswanderung aus Europa und hielt in der Konsequenz "eine geschlossene Auswanderungsaktion der Juden aus Europa" für unumgänglich. Alle diese Äußerungen, über die in der Presse breit berichtet wurde, waren geeignet, die Bevölkerung auf die Deportationen, die im Herbst dann auch in Deutschland einsetzten, einzustimmen.

Am 28. März kamen schließlich die ausländischen Gäste zu Wort. Sie stellten sich - wer hätte es gedacht - "geschlossen" hinter die Forderung nach einer europäischen Lösung und hofften, dass sich "auch für ihre Nationen weitreichende Möglichkeiten einer befriedigenden Klärung des jüdischen Problems in Europa ergeben". Höhepunkt und Abschuss der Tagung sollte Alfred Rosenbergs großer Vortrag "Die Judenfrage als Weltproblem" sein, doch der Reichsleiter war inzwischen nach Berlin abgereist. Rosenberg musste seine Rede deshalb dort halten. Sie wurde von allen deutschen Rundfunksendern übertragen und konnte so auch in Frankfurt gehört werden. Die Rede erschien in leicht gekürzter Form im Völkischen Beobachter, natürlich im Weltkampf, der Zeitschrift des Instituts, und wenig später auch als eigenständige Veröffentlichung, war also auf weiteste Verbreitung angelegt.

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