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Fünf Sagen nach Graubündner Weise: Die Tochter des Gesanges

Brigitte Kronauer erlaubt uns einen Blick in ihre Schreibtischschublade: Fünf sagenhafte Geschichten hat die Büchnerpreisträgerin für die FR ausgesucht, die in die so besinnliche wie problematische Weihnachtszeit passen.

Die deutsche Schriftstellerin Brigitte Kronauer.
Die deutsche Schriftstellerin Brigitte Kronauer.
Foto: Andreas Arnold

1 - Die kleinen Gäste


  • Ein Mann aus dem Ruhrgebiet in Deutschland, wo es früher die kohlschwarzen Bergleute mit ihren Grubenlampen und ihrer Silikose gab, saß im Wartestübchen einer Bahnstation im Schanfigg. Saß dort am runden Tisch und sah auf die braunen Fußbodenkacheln und die Spitzendecke auf dem runden Tisch, trank einen Kaffee, den ihm die Kioskwirtin gebracht hatte und lachte mir ihr über einen etwas schütteren Clown namens Gottschalk im Fernsehen. Da ging die Tür auf und hereinkam ein schon recht gebrechliches, aber wohl noch immer treu verliebtes Pärchen, das wie in besonders teuren Erinnerungen vor sich hin lächelte. Die Wirtin berechnete ihnen den Wein, den sie munter tranken, nicht. Erst als die beiden gegangen waren, sagte sie vergnügt zu dem Deutschen: „Das waren die Pestleutchen. Früher richteten sie großes Unheil in der Gegend an, heute sind sie harmlos. Sie haben ihr Pulver verschossen.“ Der Mann aus dem Ruhrgebiet aber fuhr mit einem plötzlich aufgetretenen, widerlichen Ekzem an geheimer Körperstelle nach Hause und ist es bis heute nicht losgeworden!
  • 2 - Von der törichten Lebensmittelhändlerin

  • Eine Frau, die in der Nähe von Klosters einen kleinen Lebensmittelladen unterhielt, eine empfindliche Person, die oftmals ihrem dann tröstlich brummelnden Mann gegenüber klagte, daß man gegen all die Butter und Käse kaufenden Menschen wie gegen Wände rede, unternahm an einem Morgen kurz vor Weihnachten eine Wanderung in den Schnee. Das Licht des späten Mondes und der halb verhüllten Sonne gespensterte über die Flanken, die Landschaft wurde ihr, als sie so allein ausschritt, als wunderbarer Frostpalast gezeigt. Geisterhaft zart, wie nur bei großer Eisigkeit, warf man ihr einzelne Schneeflocken entgegen und streute einen glitzernden Funkenflug darein. Immer ging es hin und her, das Licht schweifte, wehte und schwankte über die Bergkuppen, sie sah den Himmel dicht aufliegen in wildem Blau, sah ihn schwinden und sich wölben. Die dreimal verzauberten Eistücher traten in Falten aus den Felsen und hingen starr herab.
  • Sie aber dachte plötzlich an die Spiegeleier, die sie sich zuhause braten würde, dachte immer inständiger daran.
  • Es wurde ihr nicht angekreidet...
  • Auf einmal entdeckte sie an ihrem Zeigefinger einen gespaltenen Nagel. Nun konnte sie sich mit nichts anderem mehr beschäftigen.
  • Auch das wurde ihr verziehen.
  • Aber als sie zuhause ihrem Ehemann erzählte, einen herrlichen Kitsch habe sie da draußen erlebt, da wurde ihr das nicht vergeben. Nie wieder im Leben offenbarte sich ihr die Schönheit dieses einen, gekränkten Morgens. So sehr sie auch, wenn sie eine Woche, ein Jahr mit Butter und Käse hinter sich gebracht hatte, danach Ausschau hielt: Es war umsonst.
  • 3 - Die Puppe auf der Alp

  • Eine Frau in Maladers wurde alt. Sie hatte immer gedacht, zwischen den Dingen würden leere Zwischenräume sein, und hatte darauf vertraut und gebaut. Jetzt spürte sie, wie alles in Wahrheit angefüllt war mit Botschaften, verbunden durch Wellen, Schwingung, Strömungen. Es verwirrte ihr den Kopf. Mann und Kindern sagte sie besser nichts davon.
  • Gab es einen Schaden an den Hausmauern, an der Dachrinne, fühlte sie es neuerdings als Schmerz in den Zähnen, in den Haarspitzen, im Herzen. Am schlimmsten suchte sie aber ein anderes Gefühl heim, nämlich das, der Küchenstuhl, auf dem sie eben noch gesessen hatte, wäre, sobald sie draußen stand, nicht mehr vorhanden und der Mensch, der ihr eben noch beim Holzhacken geholfen hatte, wäre, sobald er außer Sicht geriet, nicht mehr lebendig, es vielleicht auch nie gewesen. Andererseits empfand sie das Tote mächtig in seiner Wirklichkeit. An all dem erkannte sie: Es ist soweit. Ich werde alt.
  • Früher galt sie als eine sogenannte Interessante. Sie war eines Tages aufgetaucht und hatte den Männern den Sinn verdreht. Nur gut, daß jemand sie schnell heiratete und daß pünktlich die Kinder kamen, jedes Jahr gebar sie dem Mann eins, ohne Widerspruch, insgesamt siebenmal. Dafür quälte er sie nicht mit Fragen und beschützte sie gut.
  • Was hätte sie ihm auch über ihre Herkunft erzählen sollen? Sie erinnerte sich nicht mehr daran. Ihr erschien die Vergangenheit wie ausgelöscht. Ganz dunkel dämmerte ihr: Es war auch besser so!
  • Eines Tages, als sie über ihr Altwerden und die Merkmale grübelte, über das Rascheln und Knistern, über das Knacken und eigentümliche Verholzen in ihrem Körper und das Rucken in den Gelenken, hörte sie in der Kirche, als der Priester auf sich warten ließ, wie eine noch viel ältere Frau als sie selbst, vielleicht nur zum Zeitvertreib, flüsternd behauptete, oben auf der Alp habe im Sommer einmal ein Senner gehaust, dort mit seinen zwei Gehilfen aus Langeweile Stroh in einen Sack gefüllt und aus dem Balg eine Puppe geformt. Dieser Puppe schmierten sie Milch ums Maul und nahmen sie mit in ihr Bett, weil sie keine Frau da oben hatten. Als der Senn schließlich in seinem Übermut auf die Idee kam, das Geschöpf zu taufen und also Wasser über sie goß und dazu die heiligen Worte sprach, riß die Puppe die Augen auf und befahl den Gehilfen, sogleich mit den Tieren die Alp zu verlassen und sich erst unten umzudrehen. Sie gehorchten schreckensbleich und wandten sich erst unten um, wisperte die Greisin und schielte geduckt nach allen Seiten: Da hätten sie gesehen, wie die Puppe die blutige Haut des Senners auf dem Hüttendach zum Trocknen aufspannte.
  • Die Frau erkannte voller Entsetzen ihr altes Verbrechen. Sie sah ihm ins Auge. Niemand wußte etwas davon, kein Mensch würde sich rächen an ihr, aber ihr war nun die furchtbare Untat aufgeladen. Wie sollte sie sich davon befreien? Keine Sorge! Sie wurde davon erlöst. Wegen ihres geduldigen Lebens als Ehefrau wurde sie gerettet. Überall in ihrem Leib spürte sie die Verwandlung, nun noch viel stärker als in den letzten Monaten und Wochen.
  • Es ging schnell, jetzt, als sie wußte, worauf es hinauslaufen würde. Sie verkroch sich in einer Ecke der Scheune. Das Fleisch schwand ihr unter der runzligen Haut und von den Knochen. Die Knochen wurden dürr und splitterten. Als der Mann hinzukam, schlitzte er ahnungslos den dort liegenden, zerschlissenen Sack auf und verstreute das Stroh im Stall. Obwohl er und Männer des Dorfes überall nach der Frau suchten, fanden sie keine Spur von ihr, nur viel später in der Scheune den Ring.
  • 4 - Der Berg

  • Ein ehemals frommer Mann aus Bergün, etwas oberhalb wohnhaft, der wie viele seinen Glauben an Gott verloren hatte, da er sich ihm nirgendwo zeigte, freute sich jeden Morgen an einem Berg, Piz Ela, der dicht vor dem Fenster seines Schlafzimmers auf ihn wartete. Leuchtend in Schnee und Eis, finster nach Sonnenuntergang, schwebend vor Morgengrauen unter dem verbleichenden Vollmond stand er da in Macht und Zartheit, dicht vor seinen Augen, immer derselbe und zu jeder Stunde wechselnd. Da sagte er sich, und es war an einem Donnerstag: Warum sollte ich nicht in ihm einfach Gott sehen, Gott wie das Wort „Gott“, als Bild, abgekürzt?
  • Aber es funktionierte dann doch nicht.

  • 5 - Die Tochter des Gesanges

  • In Tschiertschen, nicht weit der uralten Stadt Chur, lebte eine schöne junge Frau, die den Leuten aber letzten Endes nicht geheuer war. Die Männer freuten sich, wenn sie durchs Dorf ging und ereiferten sich, weil sie keinen von ihnen für ein Stündchen erhören wollte. Sie zu heiraten, hätte sich niemand zugetraut. „Sie kann mehr als recht“, flüsterten die Frauen, und schließlich sagten sie es immer lauter, und am Ende wußten alle sicher, daß es sich um eine Hexe handelte. Sie versammelten sich im Gemeindesaal, beschlossen Schreckliches und stürmten los zu der Frau, die natürlich meergrüne Augen und Sommersprossen hatte. Schon sahen sie das Zucken und Flackern und Flammen vor sich als etwas Köstliches und Süßes.
  • Man weiß nicht, um was es sich handelte, aber irgend etwas zwang sie, als sie vor dem Haus der Frau anlangten, leise zu sein, sich anzuschleichen für ihre Mordtat, nach der sie verlangten, Männer wie Frauen. Vielleicht verführte sie der sanfte Schein aus den Fenstern des Häuschens?
  • Erstaunlicherweise war die Haustür nicht verschlossen, nur angelehnt, als würden sie erwartet. Aus dem Inneren aber drang eine alte Musik, so herrlich, wie sie noch nie von ihnen gehört worden war, vielleicht aus dem Radio? Sie rührten sich nicht, sie drängten sich heran und lauschten den himmlischen Klängen. Da begriffen sie, daß keine Hexe eine solche Schönheit ertragen würde. Wie gut war die Welt doch in Wirklichkeit! Einer von ihnen, der einige Semester in der Hauptstadt studiert hatte, sagte: „Es ist die Cäcilienode, ich täusche mich nicht, die Cäcilienode, ganz gewiß!“ Sie standen still und horchten. Dann gingen sie, ohne weitere Verständigung, nach Hause, jeder für sich, wo er hin mußte.Am nächsten Tag zeigte sich, daß die Frau aus der Gegend verschwunden war. Sie kehrte nie wieder zurück. Die Leute von Tschiertschen aber dankten ihrem Gott, daß er sie davor bewahrt hatte, ein großes Verbrechen zu begehen.

  • Brigitte Kronauer erlaubt uns einen Blick in ihre Schreibtischschublade: Fünf sagenhafte Geschichten hat sie für die FR ausgesucht, die in die so besinnliche wie problematische Weihnachtszeit passen. Dass „Die Tochter des Gesanges“ in einen größeren Zusammenhang gehören könnte, darf Kronauer-Leser zu diesem Zeitpunkt lediglich neugierig machen.

  • Die Büchnerpreisträgerin von 2005 wird am 29. Dezember 70 Jahre alt. Im Herbst ist in ihrem Hausverlag Klett-Cotta der Band „Favoriten. Aufsätze zur Literatur“ erschienen, 200 S., 19,95 Euro. Reclam hat die Erzählungszyklen „Die Tricks der Diva“ und „Die Kleider der Frauen“ neu herausgebracht, 260 S., 9,95 Euro.
Autor:  Brigitte Kronauer
Datum:  8 | 12 | 2010
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