"Nein, so nicht, nochmal von vorn.“ Wenn ein Roman mit diesem Satz beginnt und endet, also einen Kreis beschließt, lohnt es sich, diesen Satz genauer zu betrachten. „Nein, so nicht, nochmal von vorn.“ Zu Beginn, wenn noch nichts erzählt ist, bremst er ein Schweigen, fordert einen Neuanfang. Am Ende von Emmanuelle Paganos Roman „Bübische Hände“, nachdem dunkle Erinnerungen Gestalt angenommen haben, erwächst der Satz aus der Unschuld einer Zehnjährigen und entfaltet eine ganz neue Dimension – obwohl er in einem scheinbar so harmlosen Zusammenhang fällt: „Nein, so nicht, nochmal von vorn“, das sagte dieses Mädchen früher zur Großmutter, wenn diese beim Erzählen des Lieblingsmärchens ein Detail vergaß.
Dass in diesem Märchen ausgerechnet ein Einhorn die Hauptrolle spielt, welches in einem Wald trinken geht, mag all jene Leser alarmieren, die hinter jedem steil hochragenden Ding einen Phallus und in jedem Gestrüpp das weibliche Geschlecht wittern. Und tatsächlich wühlt sich die südfranzösische Schriftstellerin, die in ihrem letzten Roman „Die Haarschublade“ unter anderem obsessives Verlangen nach Haar ins Licht rückte, in allerlei körperliche Befindlichkeiten. Der Gedanke scheint also nicht abwegig, dass auch diese Zehnjährige nun als Opfer eines Übergriffs zu sehen ist, wie er schon dreißig Jahre zuvor auf dem Pausenhof der Provinzschule unter Billigung der Erwachsenen stattgefunden hat: „Bübische Hände“, die täglich über einen längeren Zeitraum ein Mädchen befingerten. Ausgesprochen wird das aber nie. Pagano umschleicht das Thema Missbrauch vielmehr auf Umwegen aus vier verschiedenen Perspektiven und hält alle Lesarten offen.
Heute schweigt das Opfer wie das Dorf
Die erste Frau, depressive „Herrin eines leeren, blitzblanken Hauses“, plagt ein Insekt, das sich in ihrem Ohr eingenistet hat. Gefangen in einer patriarchalischen, kinderlosen Ehe, soll sie sich mit Klatsch und Kleidern begnügen – und würde doch viel lieber mit ihrer Haushälterin tauschen, die ihre Fantasien wenigstens in einem Heft niederschreibt. Wie real deren lyrisch verdichtete Gewaltszenarien sind, erweist sich im zweiten Monolog einer alten Lehrerin, von der wir erfahren, dass just diese Haushälterin vor dreißig Jahren jenes in die Ecke gedrängte Mädchen war. Heute schweigt das Opfer wie das Dorf. Zärtlich sogar pflegt sie die gealterte Lehrerin, die damals untätig blieb.
Die dritte Erzählerin ist die Mutter eines der beteiligten Jungen, und die vierte Erzählerin ist deren Enkelin, jene verträumte Zehnjährige, die Fabelwesen und schmerzliche Erfahrungen einer frühen Operation zu einer halb realen, halb märchenhaften Welt vermischt. Hier gelingt es Pagano am besten vorzuführen, wie frühkindliche, unerklärbare Eindrücke die Sprache durchdringen und magische Gegenwelten erzeugen.
Das schmerzhafte Eindringen, begehrliche Wiederholen, der Verlust eines roten Fadens, der Wiederbeginn sind motivische und rhetorische Grundbewegungen dieses Romans und seiner vier Sprecherinnen. Das macht es zwar nicht unbedingt leicht, ihnen allen zu folgen, zieht aber immer wieder punktuell in den Text hinein. Das jahrelange Schweigen über die Vorfälle hat sich in Syntax und Tonfall der Reden geschlichen. Rechtfertigung, Verwunderung, Scham und Abschweifung fördern die Bruchstücke einer düsteren Dorf-Vergangenheit zutage, geben aber auch Gelegenheit, über alles mögliche zu reden – von der Kastanienplantage bis zum Alltag im Pflegeheim. Nur widerstrebend fügt sich dabei für Außenstehende alles zu einem verstörenden Bild. Verwirrung gestiftet zu haben, nimmt Pagano nicht nur in Kauf; es ist ihr vermutlich das oberste Gebot.
Ellipsenförmige Erzählbewegung
Das scheint angemessen, schließlich geht es um Tabus und die Erzeugung einer ellipsenförmigen Erzählbewegung, in deren Zentrum verschiedene Traumata stehen. Pagano balanciert ihren Text aus: Einerseits darf er keinen Voyeurismus bedienen; andererseits hat er von Dissoziation zu handeln – erforscht er doch seelische wie körperliche Verwundungen, die längst eine Schicht bedeckt. Darauf wird hier reagiert.
Diesen kalten Abspaltungsvorgang verdichtet Pagano nun zu einer empfindlich aufgeladenen Bildwelt: Wir lesen von Kastanien mit milchiger Frucht, „wie eine verbotene Mandel, die keine Hand jemals schälen wird“; von den Spinnfäden der Seidenraupen, die in dieser Gegend gezüchtet werden und in der Textur dieser Prosa verführen oder ekeln. Von Regelfluss, Blut und Säften aller Art ist in einer nicht aufdringlichen, eher verstörend teilnahmslosen Weise die Rede. Täter- und Opferperspektiven sind nicht klar unterscheidbar, vielmehr changierende Kategorien. „Bübische Hände“ ist ein sinnlicher, manchmal etwas überladener Text zum Thema Übergriffe, der genau deshalb und mit Recht Abwehr erzeugt.
An der Sprache liegt es also nicht, dass Paganos dritter auf Deutsch vorliegender Roman (von fünf) dennoch nicht durchweg überzeugt. Er schwächelt vielmehr in der sinnvollen Verkittung seiner vier Einzelteile. Sie stehen zu isoliert oder doppeln nur. Manche der Frauen unterscheiden sich im Tonfall nur unmerklich und entfalten so wenig Plastizität. Und so verflüchtigt sich leider doch immer wieder das Interesse an ihren Erinnerungen und Wahrnehmungen.