Bis vor einigen Jahren hat in der Literatur ja der schlechte Ton zum guten Ton gehört. Aber der Schriftsteller, der seine eigenen Texte nur ungern oder unschön vorträgt: Vielleicht ist das doch ein etwas veraltetes Bild. Inzwischen ist das doch etwas anders, wenn man an Autoren wie Max Goldt oder Harry Rowohlt denkt. Vielleicht ist das Teil der größeren Entwicklung, dass es in der deutschsprachigen Literatur nicht mehr als vollkommen verwerflich gilt, wenn ein Text die Leser unterhält. Meine eigenen Texte eignen sich gut zum Vorlesen, weil sie an die Sprechsprache angelehnt sind und die Texte sich dadurch nicht so gegen das Vorgelesenwerden wehren.
Der Erzähler in meinen Romanen ist ja ein etwas brachialer Rabauke, der die Leser sehr direkt attackiert mit Floskeln wie "ob du es glaubst oder nicht" oder "pass auf, was ich dir sage". Also das Gegenteil eines übersensiblen Tonfalls. Im Idealfall haben die Zuhörer nach der Lesung das Gefühl, dass ihnen die Frisur ein bisschen verrutscht ist, sie sich dafür aber nicht gelangweilt haben. Meine Horrorvorstellung ist, dass irgendwer da unten auf die Uhr schaut und die Minuten zählt, bis er heimgehen darf.
Wolf Haas, 49, ist mit seinem Roman "Der Brenner und der liebe Gott" (Hoffmann & Campe) zurzeit auf Lesereise: am 16.3. in Köln, am 17.3. in Frankfurt am Main.
Früher hat es mich wahnsinnig geärgert, wenn mich ein übereifriger Fotograf beim Vorlesen angeblitzt hat. Das ist, weil man ja in die Dunkelheit hineinschaut, wirklich sehr störend. Und sofort hab ich mich verlesen, weil ich nur noch über den Deppen nachdachte. Aber ich bin dann dazu übergegangen, die Unholde kurz zum Mittelpunkt meiner Lesung zu machen und hab es genossen, wie sie in ihren Sesseln versunken sind. Inzwischen freu ich mich schon immer darauf.