"Wir erleben ein Massaker in diesem Land der Utopien", schrieb der chinesische Autor Liao Yiwu im Juni 1989 über die blutige Niederschlagung der Studentendemonstrationen auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens. "Der Regierungschef braucht sich nur zu erkälten, und schon müssen die Massen mit ihm niesen."
Weil die Kommunistische Partei findet, dass vier Jahre Haft und Folter für diese Zeilen noch nicht Strafe genug waren und Liao bis heute mit Veröffentlichungs- und Ausreiseverbot belegt ist, hat der Autor nur Bundeskanzlerin Angela Merkel gebeten, sich für seine Teilnahme am Kölner Literaturfest lit.Cologne im März einzusetzen.
"Sie sind deutsche Kanzlerin und wissen aus eigener Erfahrung, was Diktatur bedeutet", schreibt der 50-Jährige in einem offenen Brief, den sein deutscher Verlag, der S. Fischer Verlag, in Übersetzung an das Bundeskanzlerin geschickt hat. "Lassen Sie nicht zu, dass die Literatur erneut von der Macht gedemütigt wird." Er wolle in Deutschland "nur die Wahrheit sagen", und habe nicht vor, politisches Asyl zu beantragen, sondern werde nach China zurückkehren.
In einem Gespräch mit dieser Zeitung erklärte Liao gestern, dass er nichts unversucht lassen werde, um nach Köln reisen zu können. "Ich habe von Kanzlerin Merkel zwar noch keine Antwort erhalten, aber die deutsche Botschaft hat mir mitgeteilt, dass meine Reise offizielle Unterstützung hat", sagte Liao. "Man hat mir gesagt, dass mein Visum abholbereit ist."
Er wolle deshalb in den nächsten Tagen das deutsche Konsulat in seiner Heimatstadt Chengdu aufsuchen. Ende Februar plane er dann von Peking abzufliegen. "Wenn die chinesischen Behörden mich stoppen wollen, müssen sie mich am Flughafen festnehmen - vor den Augen der ganzen Welt", sagte Liao.
Vergangene Woche habe die örtliche Polizei ihm mitgeteilt, dass er nicht ausreisen könne und deshalb auf weitere Bemühungen verzichten solle. Bereits im vergangenen Oktober hatte Chinas Regierung Liaos Teilnahme an der
Frankfurter Buchmesse verhindert, wo China Ehrengastland war. Mit der Zensur hatten sich die Pekinger Propagandabehörden allerdings ein Eigentor geschossen: Der Skandal verhalf Liaos hervorragendem Reportageband "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" auf die deutschen Bestsellerlisten. Das Buch basiert auf mehr als 300 Interviews mit Verlierern der Wirtschaftsreformen, darunter Toilettenputzern, Prostituierten und ehemalige politischen Häftlingen.
Unser Literatur-Magazin zur Buchmesse gibt’s jetzt auch als multimediale App fürs iPad - mit Videos, Hör- und Leseproben.