Den Schwebezustand der Prosa, der die Figuren vor dem Panorama der Wüste in eine kristalline Transparenz versetzt, hat Frank Heibert in einen Ton von schier nicht geheurer Lakonie überführt, die Sätze schwingen aus, in Ellipsen, in Synkopen, sie sind durch das Vortasten der erlebten Rede rhythmisiert, die Gedanken rücken nicht vor in einem kontinuierlichen Fluss, vielmehr wie in Zeitlupe. Was sie bezeichnen, ist in ein seltsames Licht gestellt, wie verdämmernd, ein Beckett-Licht: "Ein Augenblick, ein Gedanke, da und wieder fort, jeder von uns, irgendwo auf einer Straße, und das umfasst alles."
Kondensieren heißt ja nicht nur komprimieren, sondern, gerade in dieser Novelle, verdampfen, das gilt auch für die dazustoßende Tochter, für die sich Finley interessiert, die Finley sexuell fasziniert, nachträglich, da wird sie bereits vermisst, um, so heißt es, "in Luft überzugehen" .
Anspannung, Ungewissheit. Zum Suspense zählt, was mit Jessie geschieht. Zum Suspense zählt die Rückkehr an den Ort der Verwirrung, ins MoMA, mit seiner Installation des Hitchcock-Schockers, Sequenz für Sequenz, als Rahmenhandlung in diesem Roman, gewissermaßen als A und O.
Auch "Der Omega-Punkt" lässt nicht locker, das DeLillo-Thema, die Beschaffenheit der Zeit, ist auch hier beherrschend, dominierend wie etwa in "Sieben Sekunden", der Rekonstruktion des Kennedy-Attentats, oder in "Unterwelt", für dessen Anfangskapitel ein Baseball über die Distanz von über hundert Seiten auf eine Flugbahn geschickt wurde, von einem allwissenden Autor nicht aus den Augen gelassen. Jetzt ist es der Kamerablick, von Stoizismus könnte man sprechen, und was Finley, der Filmemacher, schildert, bebildert eine ontologische Weltentfremdung. Noch einmal Frank Heibert, der aus dem amerikanischen Englisch übersetzt hat - und den dummdeutschen Amerikanismus verweigert: "Was ergibt schon Sinn? Vermisste Menschen ergeben nie Sinn".
Diese Sinnlosigkeit macht hilflos. Und DeLillos Roman unternimmt alles, auf dass sich seine Leser in dieser Ratlosigkeit verirren.
Don DeLillo: Der Omega-Punkt. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert. Köln 2010, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 112 S., 16,95 Euro.