Immer wieder im Werk Don DeLillos ist die Zeit dazu da, sich erhaben zu zeigen. Auch jetzt hat der 73-jährige Amerikaner sie wieder zum Helden seines Werks gemacht, sie ist überhaupt der Protagonist, durch nichts zu beeindrucken. In der Zeit verloren zu sein, ist für das menschliche Bewusstsein von schrecklicher Virulenz, und die Allgegenwart dieses Verlorenseins ergreift auch Richard Elster.
Im New Yorker MoMA beunruhigt den 73-Jährigen ein Video von Hitchcocks "Psycho". Verstört steht die Figur aus dem am Montag erscheinendem Roman "Der Omega-Punkt" vor einer Installation, die das "große Grauen des alten Horrorfilms" auf 24 Stunden verlangsamt, Sequenz für Sequenz. Entschleunigung als Tortur.
Da entbehrt es nicht der Ironie, dass DeLillos Roman weltweit gleichzeitig erscheinen sollte, als ginge es darum, das globale Geheimnis der "Zeit-Raum-Kompression" zu veranschaulichen. Eine Romanpremiere (nein, keine neue Mondlandung oder die Grablegung eines blutjungen Popstars!) sollte die weltumfassende Raumschrumpfung sinnfällig machen. Dass es dann doch nicht zur Gleichzeitigkeit kam, jedenfalls nicht wirklich, nur simuliert, liegt daran, dass DeLillos Werk in den USA bereits Anfang Februar erschienen ist. Das ist nun ein Umstand, der die Uhr für die deutsche DeLillo-Gemeinde ticken ließ, um nur ja keine Zeit zu verlieren, auch wenn ihr mit dem US-Erscheinungstag am 2. Februar seitdem Lesezeit im Überfluss eingeräumt wurde.
Oder wurde einmal mehr deren Hinfälligkeit sinnfällig, wie es an einer Stelle des kurzen Romans heißt? Es geht um nichts weniger als den Eingriff in die Zeit, wenn man so will in die Vergänglichkeit aller Existenz. Daher wird der Leser mit nichts anderem als dem Versuch einer Entschleunigung als Lebensweise konfrontiert, als der Filmemacher Jim Finley mit Elster einen ehemaligen Kriegsberater der US-Regierung vor die Kamera setzen möchte.
Zum Deal des Dokumentaristen, der an einem Film über den Komiker Jerry Lewis gescheitert ist, gehört: ununterbrochen Nahaufnahme, keine Schnitte, keine Stimme aus dem Off, ein durchgehender Take, dessen Länge der Befragte bestimmt. Auskunft über den Ausnahmezustand, das Gesicht als Seele - in einer Laborsituation.
"Spiritueller Rückzug"
Was aus der Perspektive Finleys erzählt wird, lässt den Leser teilhaben an einem Dahindämmern in einem Haus in der Wüste, die keinen Fixpunkt kennt, nur Ferne. Anfangs nennt Elster es einen "spirituellen Rückzug", mit dem er sich Raum und Zeit aussetzt, im "vollen Bewusstsein der Urwelt".
Nur nicht rühren, die Monotonie als probates Mittel gegen das Gefühl des jähen Einbruchs von Zeitlichkeit. Es herrscht so etwas wie ein Stillhalteabkommen, um sich der Seinsverlorenheit nicht ständig bewusst zu sein, um sich der "meditativen Panik" nur ja nicht aussetzen. Dies ist eine Seite eines Charakters, denn zur Regression gehört auch, dass Elster ein Stillhalteabkommen mit seiner Rolle als Aggressor geschlossen hat, als Ratgeber in einem Krieg, einem Raketen- und Wüstenkrieg.
Elsters ontologisches Unwohlbefinden mag die Eliten des Pentagon als eitle No-Brainer attackieren. Der Gedanke, dass er seine Ferne-Sehnsucht bereits einmal in einem ferngesteuerten Krieg auslebte, der seine Ziele punktgenau in den Endlosigkeiten der Wüste aufspürte, drängt sich ihm nicht auf. Wenn man so will, geht es um den blinden Fleck eines Augenmenschen wie Finley, dem keine Einzelheit auf dem Gesicht Elsters entgeht. Aber Finley ist ein gefühlstaubes Augentier.
Einmal mehr und bar jeder Ironie gelingen DeLillo zum Verhältnis von Realität und Fiktion, von Wirklichkeit und Konstruktion Sätze von gnadenloser Lakonie: "Es gab eine Zeit, da existierte keine Landkarte von der Wirklichkeit, die wir erschaffen wollten."
Die Konstruktion der Wirklichkeit als Schöpfung durch den Krieg, und wenn sich der Mann, bei Gelegenheit, weil ihm der Dokumentarfilmer dann doch die Zunge löst, an seine intellektuelle Hochrüstung erinnert, zynisch, abgefuckt, findet der Leser schließlich Sentenzen, die an historische Figuren à la Donald Rumsfeld erinnern: "Wir müssen uns die Zukunft zurückholen."
"Erhabene Verwandlung von Geist und Seele"
Elster, ein Sprachrohr der Gewissenlosigkeit, erhofft sich in der Abgeschiedenheit der Wüste die Loslösung von Raum und Zeit, mit ihr die Offenbarung eines höheren Bewusstseins, einer spirituellen Komplexität, wie er sie, und darauf hebt er ausdrücklich ab, beim französischen Jesuiten und Philosophen Pierre Teilhard de Chardin glaubt ausfindig machen zu können.
Jedenfalls scheint dem Aussteiger dafür dessen Gedanke vom "Omega Point" wie geschaffen, als Richtung und Ziel der Evolution, als eine "erhabene Verwandlung von Geist und Seele", als Abschied aus dem Dasein. Wie immer man diesen Gedanken des ehemaligen Irakstrategen Elster auffassen mag, ob philosophisch begründet oder esoterisch bemüht, und DeLillo gibt dem Leser dazu keinerlei Hinweise - es geht Elster, einem Metaphysiker der Auslöschung, um den Wunsch nach einem Dasein als Stein.
DeLillos Kurz-Roman, erneut eine sehr ausgeklügelte Konstruktion, eine möglicherweise auch überkonstruierte Novelle, ist eine Reflexion über das langsame Ableben, verstörend sind für den Lesenden nicht zu fassende Figuren, drei Menschen, losgelöst von allen Bindungen, driftend.