Literatur

16. November 2012

Don Winslow: "Meine Wörter müssen Miete zahlen"

Don Winslow: „Ich möchte, dass meine Sätze und Kapitel muskulös und schlank sind.“  Foto: Suhrkamp-Verlag/Susanne Schleyer

Der amerikanische Schriftsteller Don Winslow über das uralte Genre der Kriminalliteratur und seinen Boom, über den Drogenkrieg und die Legalisierung von Marihuana sowie die Kunst der Verknappung

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Zur Person

Don Winslow, geboren 1953 in New York, wuchs auf Rhode Island auf in einer „Mafia-Schlafstadt“, wie er es in einem Interview formulierte. Er studierte afrikanische Geschichte und arbeitete dann unter anderem als Safari-Führer und als Privatdetektiv. Zur Familiengeschichte gehört, dass seine Großmutter Ende der 60er Jahre für einen Mafiaboss gearbeitet haben soll. Seit Mitte der 90er lebt Winslow nahe San Diego.

„Kings of Cool“, die Vorgeschichte zu „Zeit des Zorns“, ist kürzlich im Suhrkamp-Verlag erschienen (352 Seiten, 19,95 Euro). „Zeit des Zorns“ wurde von Oliver Stone unter dem Originaltitel „Savages“ verfilmt und ist im Oktober in die Kinos gekommen. Ebenfalls bei Suhrkamp: die große Drogenkriegs-Saga „Tage der Toten“, „Bobby Z“, „Frankie Machine“, „Pacific Paradise“, „Pacific Private“ und „Die Sprache des Feuers“.

Mr. Winslow, Sie haben sich einmal als „Entertainer“ bezeichnet, würden Sie das heute auch noch so formulieren?
Sicher. Mein Job ist es, gute Geschichten zu erzählen.

Aber ist eine gute Geschichte notwendigerweise unterhaltend?
Hm. Auf einer gewissen Ebene ja. Ich möchte, dass meine Leser sich meinen Charakteren verbunden fühlen, dem, was sie tun und was dies mit ihnen tut. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich ein Stückchen tiefer gehe, indem ich über Geschichte spreche, über Ökonomie, Gesellschaft, Kultur.

Das meine ich. Sie sollen auch sehr ausführlich recherchiert haben für hre Bücher, besonders die über den Drogenkrieg. Fünf Jahre für das erste.
Ich glaube nicht, dass Unterhaltung automatisch seicht sein muss. Oft unterschätzen wir unsere Leser. Ich glaube, Leser haben Freude daran, etwas über Geschichte zu lernen, den Dingen ein wenig auf den Grund zu gehen.

Warum haben Sie sich, als Sie relativ spät im Leben anfingen zu schreiben, für das Krimi-Genre entschieden?
Die Leute haben oft den falschen Eindruck: Weil ich Privatdetektiv war, denken sie, ich schreibe über meine Erfahrungen. Das stimmt nicht. Ich bin einfach ein großer Fan des Genres. Einiges davon wird sicher aus eigennützigen Motiven geschrieben, aber im Krimigenre findet sich ein Teil der derzeit besten Literatur. Ich habe das jahrelang gelesen. Und als ich beschloss, dass ich es ernsthaft mit dem Schreiben versuchen will, beschloss ich auch: Das ist es, was ich will.

Was kann das Genre, das die anderen vielleicht nicht können?
Kriminalliteratur konfrontiert uns per definitionem mit den Extremen menschlicher Natur. Die Menschen zeigen darin ihre besten und ihre schlechtesten Eigenschaften. Sie nimmt uns auch mit auf die Schattenseite der Gesellschaft. Das ist für mich die Definition von Noir-Literatur: Sie schaut, was unter den Dingen, was im Dunkeln liegt. Kriminalliteratur ist in der einzigartigen Position, das tun zu können. Aber ich möchte das Genre nicht so eng definieren, wie wir das jetzt tun. Vor einigen Monaten habe ich einen Vortrag gehalten vor aufstrebenden Krimiautoren, und habe gesagt: Sicher müssen wir uns Raymond Chandler ansehen, Arthur Conan Doyle, Dashiell Hammett, all diese Leute, aber ich finde, wir haben nicht nur das Recht, wir haben die Pflicht, Cervantes zu lesen, „Don Quixote“, „Lazarillo de Tormes“, den ersten Roman, der die Schattenseiten beschrieb, die Diebe, Huren, Zuhälter. Nehmen Sie Shakespeare – „Der Pate“ ist eine Nacherzählung von Shakespeares „Heinrich IV.“, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Dickens, Dostojewski, Zola. „Thérèse Raquin“ ist Literatur, aber es ist auch in jedem Detail ein Kriminalroman.

Damit sagen Sie auch: Kriminalromane sind Literatur, sind Kunst?
Sicher. Leute fragen mich manchmal: Leben Sie als Krimiautor nicht im Ghetto? Dann sage ich: Ja, aber ich mag meine Nachbarschaft. Ich fordere jeden Autor heraus, so gut zu schreiben wie Raymond Chandler.

Ich habe gerade irgendwo den Satz gelesen: Der augenblickliche Zeitgeist stehe auf der Seite des Kriminalromans. Stimmen Sie zu?
Ja, Kriminalromane handeln von Stimmung, von der jeweils aktuellen gesellschaftlichen Stimmung. Das tun zwar nicht nur Kriminalromane, aber sie sind dafür in besonderem Maße geeignet. Andererseits gibt es Zeitgeist-Klischees, für die Kriminalromane empfänglich sind.

Warum boomt das Genre so dermaßen?
Ich glaube, es ist die Zeit. Wenn die Zeiten ökonomisch schwierig sind, lesen die Leute mehr Kriminalliteratur.

Aber hat der Boom nicht schon deutlich vor der jetzigen Banken- und Staatsschuldenkrise begonnen?
Ich weiß nicht, vielleicht gilt das ja für den skandinavischen Boom. Aber das Genre wurde einst in der Wirtschaftskrise geboren, und ich glaube, wenn die Zeiten hart sind, wenden sich die Leute mehr diesen Themen zu. Auf der einen Seite ist es Wunscherfüllung, wirklichkeitsfremd, man wünscht sich, seine Probleme wie im Roman lösen zu können – und sei es als Mafiapate. Auf der anderen Seite schreiben inzwischen bessere Autoren in diesem Genre, das Niveau steigt zunehmend. Auch deswegen bekommt es mehr Beachtung.

Aber es gibt auch immer mehr Schund.
Ja, es gibt eine Menge Schund. Aber ohne aggressiv klingen zu wollen, auch in der so genannten Literatur gibt es viel Mist. Maßloses, das unlesbar ist.

Warum glauben Sie, dass bessere, interessantere Autoren sich dem Krimigenre zuwenden?
Die Themen sind attraktiv. Sie können praktisch über alles schreiben. Ich mache zum Beispiel keine Whodunnits, keine Puzzles, dafür bin ich nicht schlau genug (lacht). Es interessiert mich auch nicht. Aber im Krimigenre kann ich über mexikanische Drogenkartelle schreiben. Ich kann darüber schreiben, wie amerikanische Politiker verwickelt sind. Ich kann über einen alten Mafiakerl schreiben oder über Surfer in San Diego. Ich kann über Menschenhandel schreiben. Aber ich glaube auch, dass die Leser von Kriminalromanen nicht unbedingt Leser politischer Magazine sind. Aber es kann sein, dass sie zu einem Krimi greifen und dabei was lernen, etwa: Mein Gott, es gibt in Amerika Menschenhandel! Manchmal haben wir die Chance, Themen an den Leser zu bringen. Immer noch sprechen mich Menschen auf ein Buch an, das ich vor Jahren über die mexikanischen Drogenkartelle schrieb (dt. „Tage der Toten“, d. Red.), weil sie schockiert sind.

Dieses Buch wollte ich lesen und gleichzeitig nicht lesen, weil es so viel Grausamkeit schildert, so viel Blutvergießen.
Ich wollte es schreiben und nicht schreiben. Als ich es beendet hatte, war ich fertig, kaputt. Aber ich glaube, ich kann nicht stark schreiben, wenn ich nicht stark fühle. Schreiben ist auch eine physische Aktivität. Aber um auf das Thema Entertainment zurückzukommen: Ich möchte, dass die Geschichte dennoch immer voranschreitet, dass der Leser umblättern will. Es ist ein Kennzeichen großer Bücher, zum Beispiel Tolstois „Anna Karenina“, dass der Leser mit den Charakteren fühlt und wissen will, wie es mit ihnen weitergeht. Ich interessiere mich nicht so sehr dafür, was Kriminelle für Verbrechen begehen, sondern was die Verbrechen aus den Kriminellen machen.

Sie haben dafür einen sehr knappen, Stil gewählt. Warum?
Es gibt einen Spruch aus der Kampfkunst: Wie schnitzt man einen Tiger? Antwort: Man nimmt einen Block Holz und schneidet alles weg, was kein Tiger ist. Ich möchte, dass meine Sätze und Kapitel muskulös und schlank sind – meistens. Manchmal möchte ich auch was Lyrisches schreiben. Aber ich möchte nicht fünf Wörter benutzen, wenn es vier auch tun. Ich möchte Menschen nicht mit Beschreibungen von Dingen langweilen, bei denen jeder weiß, wie sie aussehen. Zwei Typen steigen in ein Auto – ist es da interessant, was das für ein Auto ist? Es könnte was über den Charakter, die Zeit, das Milieu aussagen, aber in der Regel nicht. Ich mag es sparsam und schlank, ich mag auch freien Raum. Ein, zwei Wörter, die von leerem Raum umgeben sind, wie auf einem Gemälde. Ich lese laut, das gibt einem ein Gefühl dafür, was in dem Satz zu nichts nutze ist. Meine Wörter müssen Miete zahlen. Wenn sie das nicht tun, müssen sie raus. Das klingt jetzt verrückt, aber ich trete auch manchmal in wortwörtlichem Sinn zurück, so dass ich die Form der Wörter sehen, sie aber nicht lesen kann. Und dann stelle ich mir die Frage: Sieht es nach dem aus, was ich beabsichtige? Wenn ich zum Beispiel in einer Action-Szene den Leser nicht loslassen will, sollte es dicht aussehen. Sonst muss ich es umarbeiten. Ich weiß, das klingt anmaßend, aber manchmal will ich zwölf Leerzeichen vor einem Wort, nicht zehn und auch nicht vierzehn.

Aber wie ist es, wenn man daraus ein Drehbuch machen soll? Sie waren Ko-Autor beim Drehbuch der Oliver-Stone-Verfilmung von „Savages“, der Roman heißt auf Deutsch „Zeit des Zorns“.
Das war hart. Denn was auf der Seite gut ist, ist nicht unbedingt gut im Film. Das sind wirklich zwei Paar Schuhe.

In „Zeit des Zorns“ und dem gerade erschienenen „Kings of Cool“ geht es um Drogenhandel und -krieg. Was brachte Sie eigentlich auf das Thema?
Meine Frau und ich, wir leben an der mexikanischen Grenze, wir fahren fürs Wochenende rüber, haben Freunde in Mexiko. Eines Tages habe ich die Zeitung aufgeschlagen, da war die Geschichte von 19 niedergemetzelten Frauen und Kindern. Das hat mich nicht losgelassen. Wie kann etwas so ausarten? Ich habe für mich selbst all diese philosophischen Werke gelesen über das Böse und was es ist. Erst dann habe ich angefangen, über den Drogenhandel zu recherchieren. Das Thema entpuppte sich als sehr viel komplexer, als ich es mir je hätte träumen lassen. Und es ist eine Geschichte, die die Menschen nicht kennen, sie sollten es aber. Der Drogenhandel macht geschätzte – niemand weiß es genau – zehn Prozent der mexikanischen Wirtschaftsleistung aus, ohne ihn könnte das Land kollabieren. Es gibt in der Geschichte der Menschheit etliche Substanzen, die eine enorme sozioökonomische Bedeutung erlangt haben, Gold, Öl, jetzt Drogen.

Sind Sie für eine Legalisierung?
Absolut. Das ist die einzige Antwort. Amerika führt den so genannten „Krieg gegen Drogen“ jetzt seit 40 Jahren – und hat die Dinge nur schlimmer gemacht. Es hat praktisch die südamerikanischen und mexikanischen Kartelle erst erschaffen. Ich finde, nach vierzig Jahren muss man seinen Ansatz radikal überdenken. Man sollte sicherlich Marihuana legalisieren.

Glauben Sie, das wird je geschehen?
Ja, innerhalb der nächsten fünf, sechs Jahre.

Haben Sie denn bei der Recherche von Ihren Erfahrungen als Detektiv profitiert?
Ich verwende die Geschichten nicht, das wäre ein Bruch der Vertraulichkeit, aber ich verwende die Techniken. Als Detektiv lernt man das Beobachten und Befragen, man lernt, den Überblick zu behalten über große Mengen an Dokumenten und rauszufinden, was relevant ist. Und man lernt Skeptizismus, denn in dem Job glaubt man nach einer Weile, dass jeder jederzeit lügt.

Werden Sie die Grenzen des Genres weiter auszudehnen versuchen?
Sicher. Ich habe mir schon öfter Platz geschaffen in Bezug auf das, was man angeblich darf oder nicht darf als Kriminalroman- oder Thrillerautor. Denn ich habe noch nicht gehört, dass ein Moses mit zehn Geboten für Kriminalliteratur vom Berg gestiegen ist. Wenn das je geschehen sollte, werde ich mich daran halten. Es geht mir auf die Nerven, in eine Schublade gesteckt zu werden, nach dem Motto: Wenn der Held auf Seite 1 nicht in Gefahr gerät, ist es kein Thriller. Vielleicht bin ich zu faul, aber ich halte mich nicht an sowas. Man sollte doch Spaß haben. Und ich bin jeden Morgen froh, wenn ich arbeiten gehe.

Das Gespräch führte Sylvia Staude.

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