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Literatur

24. März 2014

Dorothee Elmiger Schlafgänger: Grenzerfahrung

 Von 
Ist das auszuhalten? Schweizer Protest in Bettwil, Aargau, 2011.  Foto: imago stock&people

Was der Mensch alles aushält: Dorothee Elmigers neuer Roman heißt „Schlafgänger“. Als Schlafgänger wurden im 19. Jahrhundert in der Schweiz die Mittellosen Menschen bezeichnet. Dennoch bezieht sich das auf die gegenwärtige Zeit.

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Was aber wäre, wenn Menschen es nicht mehr aushalten würden, was mit anderen Menschen geschieht? Die Figur, die „der Logistiker“ heißt, liest Zeitung, „als wäre alles Mögliche tatsächlich und vor meinen Augen geschehen oder als wäre ich in ungeheurem Tempo durch die Welt gegangen und hätte alles mitangesehen“. Die Figur, die „der Journalist“ heißt, kommt nicht von der Geschichte los, dass Asylbewerber sich ihre Fingerkuppen abreiben, damit sie nicht über ihre Fingerabdrücke identifiziert werden können.

Er habe das nicht einmal mit einem einzigen Finger geschafft, sagt der Journalist. Die Figur, die „A. L. Erika“ heißt, muss an die Körper denken, von denen man höre, dass „sie nachts durch dunkle Flüsse schwämmen, dass sie sich durch die Wüsten schafften, auch jetzt, in diesem Moment, in dem wir da saßen, dass sie in ihren Taschen zweihundert Tabletten trügen, caja con 200 tabletas, gegen den schmerzenden Körper auf der endlosen Wanderung“.

„Schlafgänger“ heißt das neue Buch der 1985 geborenen Schweizer Autorin Dorothee Elmiger. Schlafgänger, lernt man, waren in den bald überquellenden Städten des 19. Jahrhunderts jene Mittellosen, die bloß ein Bett auf Stundenbasis mieten konnten. Auch im Schlaf, heißt es, blieb ihre Existenz damit unsicher und potenziell ruhelos. Obwohl aber von „Schlafgängern“ die Rede sei, betonen die Figuren in „Schlafgänger“, gehe es um die „gegenwärtige Zeit“. Denn einerseits ist dieser Roman ein Rätsel – wer spricht da, wo, warum, und wo geht es hin? –, andererseits wird Klartext geredet.

Schweizer Umgang mit Asylsuchenden

Der Leiter eines Durchgangsheims wird mit den Worten zitiert: „Ein Teil der Betreuungsaufgaben besteht in der Erhaltung der Rückkehrfähigkeit der Asylsuchenden …“ Der Anwohner eines eigens umzäunten Asylbewerberheims wird mit den Worten zitiert: „Das betrifft mich insofern, dass 15 Meter von meinem Grundstück entfernt eine 1,80 Meter hohe Wand ist, meine Wege sind eingeschränkt.“ Ein Bekannter des Journalisten wird mit den Worten zitiert, „mit dem Grenzübertritt schienen einige Personen grundsätzliche Rechte zu verwirken … die Frage stelle sich, wie lange man solche Zustände mittragen wolle und sei es nur durch die eigene Anwesenheit im Land“.

Wer also spricht da, wo, warum, und wo geht es hin? Eine Handvoll Menschen, es sind Schweizer aus unterschiedlichen Berufen, Menschen, die viel oder gelegentlich reisen, aber mit gültigem Schweizer Reisepass (und sie bekommen einen Schreck, wenn sie ihn einmal zu Hause haben liegen lassen, wie wir), die sich an einem unbekannten Ort, es gibt einen Raum, es gibt einen Tisch, über verschiedene Dinge unterhalten. Eher: Wie in einer Selbsthilfegruppe abwechselnd erzählen.

Es geht um den Umgang der Schweiz (wir wissen: nicht nur der Schweiz) mit Asylsuchenden, es geht um Grenzen, um das Fallen, um das Schlafen, um den Körper, Themen, die der Leser bald als zwingend zusammengehörig empfinden wird. Ein Netz aus tatsächlichen und manchmal vielleicht nicht ganz so tatsächlichen literarischen und historischen Quellen bietet den Sprechenden eine Art Diskussionsgrundlage: etwa der dem Fallen ganz verfallene Videokünstler Jan Bas Ader (der 1975 im Atlantik verschwand), der vom gefährdeten Körper ganz besessene Maler Géricault (der die Schiffbrüchigen der Medusa malte).

Das Atmosphärische der Gespräche sollte man nicht unterschätzen. Ohnehin ist Elmiger keine Theoretikerin. Ihr Plan könnte vielmehr darin bestehen, nicht nur von etwas zu erzählen, sondern das Erzählte in der literarischen Form selbst entstehen zu lassen. Ihr Debüt 2010 hieß „Einladung an die Waghalsigen“. Nach einem Welten- oder zumindest Flächenbrand machten sich damals zwei überlebende Mädchen auf, aus den kulturellen Überresten wieder etwas aufzubauen. Elmiger gelang es dabei, das war das wirklich Erstaunliche an diesem schmalen Buch, diese Neuschaffung einer Welt und Umgebung mittels Sprache im Buch selbst vorzuführen.

Zart und schlank

Auf andere, nicht minder eindrucksvolle (und waghalsige) Weise schafft sie in ihrem neuen Buch eine Welt, in der sich nicht nur die Figuren nicht abgrenzen können und wollen, sondern in der diese Grenzenlosigkeit auch demonstriert wird. Die Desorientierung des Lesers, wie diese Gespräche zwischen diesen Figuren überhaupt möglich sind, besteht genau in einer Entfernung sämtlicher Grenzen. Jede Figur kann jederzeit hinausgehen oder wieder hereinkommen, ein Monolog kann an den anderen anknüpfen. Keiner hindert einen anderen. Eine utopische Situation, völlig unmöglich natürlich.

Im schlaflosen und verzweifelnden Logistiker – einem klinischen Fall, und es spricht wenig dagegen, anzunehmen, dass er es ist, der sich einer Zeitungsmeldung zufolge aus unbekannten Gründen von einem Dach gefallen ist – greift Elmiger am Rande auch noch die Notwendigkeit von Abgrenzung auf. Die Depressiven, denen genau das nicht mehr gelingt, haben zwar völlig recht. Aber es ist nicht auszuhalten.

„Schlafgänger“ kommt zart und schlank daher und trumpft nicht auf mit den schlimmsten Geschichten der Welt. Aber es ist ein harter Brocken.

Dorothee Elmiger: Schlafgänger.
Roman. Dumont Buchverlag,
Köln 2014. 141 Seiten, 18 Euro.

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