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Literatur

11. Mai 2015

Dostojewski "Das Krokodil": Weltverbesserer, verschluckt

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Ein Satiriker? Fjodor Dostojewski auf einem Gemälde von 1870.  Foto: imago stock&people

Der wunderschön gemachte Erzählungsband "Das Krokodil" soll belegen, dass der große Erzähler Fjodor Dostojewski auch ein großer Satiriker war. Das geht gerade mit dieser Vehemenz allerdings nicht recht auf.

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Dieses Gefühl des Widerspruchs verfliegt bis zur letzten Seite nicht. Der große Erzähler Dostojewski als großer Satiriker? Der Verlag Manesse will es uns glauben lassen. Mit viel Liebe zum Detail hat er ein Büchlein hergestellt, das man bei sich tragen möchte wie ein Luxusprodukt: „Das Krokodil“ ist gehüllt in Krokodilhaut, aus Kunststoff freilich. Das zarte Papier mit kleiner, aber sehr gut lesbarer Schrift ist in Fadenheftung gebunden.

Die fünf Erzählungen, die Fjodor Dostojewskis komische Seite belegen sollen, sind versehen mit sehr sinnvollen Fußnoten. Der Satiriker und Schriftsteller Eckhard Henscheid, der im vergangenen Herbst das Buch „Dostojewskis Gelächter“ veröffentlichte, versucht in einem Nachwort davon zu überzeugen, dass man den Russen als Humoristen sehen sollte. Und in einer editorischen Notiz teilt der Verlag mit, welche künstlerische Freiheit die Übersetzerin Christiane Pöhlmann sich nahm.

Also alles perfekt hergerichtet, um Dostojewskis Erzählungen als Satire zu präsentieren. Nur: Was, wenn der Witz nicht ankommt? Es kann natürlich am Leser liegen, daran, dass allein schon der Name Dostojewski vor allem Tragödien des Lebens erwarten lässt. Es kann aber auch sein, dass das Satire-Versprechen zu offensiv ist, hier mit zu viel Vehemenz die Neuentdeckung Dostojewskis verlangt wird.

In jeder der fünf Geschichten gibt es Passagen, über die man lachen kann. Aber hinter dem vermeintlichen Witz stehen doch die Dramen des Lebens. Gleich die Erzählung „Roman in neun Briefen“, in der sich zwei Bekannte schriftlich beharken, ist ein Zeugnis von Fehden, die auch in den sogenannten besseren Kreisen ausgetragen werden. Es geht um alte Liebschaften, kleine gemeine Anspielungen an die früheren Leben der Ehefrauen und um Geld. Das Lustigste an diesen Briefen sind noch die maßlos übertriebenen Anreden. „Mein liebenswertester, höchstverehrter Freund, bester Iwan Petrowitsch!“ Vielleicht müssten sie gehört und nicht gelesen werden. Die erste Erzählung zündet jedenfalls nicht.

Fjodor Dostojewski: Das Krokodil. Erzählungen. A. d. Russ. v. Christiane Pöhlmann. Manesse, München 2015. 448 Seiten, 24,95 Euro.

In den folgenden Geschichten „Das Krokodil“, „Eine peinliche Geschichte“ und „Die Sanftmütige“ gibt es eine Gemeinsamkeit. Dabei geht es um: einen von einem Krokodil verschluckten Weltverbesserer; einen Beamten, der die Trennung zwischen einfachem Volk und denen da oben durchbrechen will, aber eben nicht aus seiner Haut kann; und einem frisch verwitweten Ehemann, der den Suizid seiner jungen Frau mit seiner eigenen höheren Moral begründet (aber kein Fehlverhalten seinerseits in der Ehe sieht). Alle drei Hauptfiguren aber betrachten sich als ihren Mitmenschen ethisch überlegen. Und teilen das Dilemma, dass sie doch so sozialisiert sind wie ihre Mitmenschen und am Ende nicht groß anders handeln können.

Am klarsten wird das in der „Peinlichen Geschichte“. Sie überragt die anderen Erzählungen in dem Buch. Sie ist wahrlich eine Groteske. Ein Beamter läuft im nächtlichen St. Petersburg zufällig an einer Hochzeitsfeier vorbei und erfährt, dass da einer seiner Untergebenen heiratet. Nach kurzem Zögern stößt er zu der Feier. Mit einem Mal verstummen alle. In inneren Monologen kämpft der Beamte nun mit der Erwartung von Achtung und Anerkennung, er glaubt gar, durch seine Anwesenheit die Feiernden zu beglücken, zugleich will er selbst einer von diesen Feiernden sein.

Dostojewski schrieb die Geschichte 1861, als Zar Alexander II. herrschte und unter anderem die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Es waren Jahre der Reformen und politischen Diskussionen. Wie sehr die Veränderungen die Gesellschaft beschäftigten, wird hier sehr deutlich. Für die Erzählung gibt es verschiedene Titel im Deutschen, unter anderem „Eine unangenehme Geschichte“ oder eine „heikle“.

Die Adjektive, die die Erzählung charakterisieren sollen, kommen dem russischen Adjektiv aber nicht nahe. Das Original, „skwernyj anekdot“, meint eher „böse Anekdote“, etwas Gemeines, Unehrliches. Je nach Wortwahl im Titel ändert sich aber die Rolle des Protagonisten von eher passiv zu aktiv. Verursacht er unabsichtlich eine peinliche Situation? Oder trägt er die Verantwortung für die bösen Folgen seines Einmischens? Je nach Übersetzung kann aus der Erzählung eine Komödie oder ein Drama werden.

Als „nicht gerade ein Meisterwerk“ bezeichnet Henscheid die Erzählung „Ein kleiner Held“. Das ist sie vielleicht tatsächlich nicht, aber sie ist die intimste Erzählung in diesem Buch. Die Dostojewski-Forschung ist sich einig, dass der 27-jährige Autor Kindheitserinnerungen verarbeitet, während er in der Peter-und-Paul-Festung inhaftiert ist. Dostojewski zeichnet hier das idyllische Landleben einer gehobenen Schicht im Sommer.

Ein Fest schließt sich an das andere, und der Erzähler schildert teils kindlich, teils als alter, sich erinnernder Mann die ersten Liebesempfindungen eines Knaben. Diese Geschichte wärmt, aber sie ist frei von Witz. Es sei denn, der Witz liegt darin, dass ein inhaftierter Mann sich an seine Kindheit erinnert und so tut, als ließe er als Greis noch einmal sein Leben Revue passieren.

Es bleibt ein Rätsel, warum man Dostojewski als Satiriker sehen muss. Als ein überragender Menschenbeobachter, der die Groteske nutzt, um das Tragische erträglicher zu machen – so rum wird ein Schuh draus.

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