Literatur

15. August 2007

Echt ein Ekelbegriff?

 Von STEFFEN RICHTER

Blicke auf die deutsche Szene: Ein anregendes "Text + Kritik"-Heft über Migrationsliteratur

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Der Deutsche Buchpreis, heißt es, kürt den besten deutschsprachigen Roman des Jahres. Unter den sechs Titeln, die es im letzten Oktober auf die Shortlist schafften, befanden sich auch "Wie der Soldat das Grammofon repariert" von Saša Stanišic und "Der Weltensammler" von Ilja Trojanow. Stanišic ist in Bosnien-Herzegowina geboren, Trojanow in Bulgarien. Hat man zudem die Klagenfurter Erfolge von Terézia Mora oder Feridun Zaimoglu vor Augen, wird klar: Ein beachtlicher Teil der besten deutschsprachigen Autoren ist nicht in Deutschland geboren - und kaum einer wundert sich.

Was vor dreißig Jahren noch abschätzig Gastarbeiterliteratur hieß, hat einen rasanten Wandel durchgemacht. Heute spricht man meist von Migrationsliteratur oder Literatur von Migranten. Auch das ist nicht unumstritten, soll doch jede thematische oder biographische Festlegung vermieden werden. Der Sonderband der Zeitschrift "Text + Kritik" tut jedenfalls gut daran, sich im Titel weise für das parataktische "Literatur und Migration" zu entscheiden. Terminologische Fragen werden in den fast dreißig Beiträgen des opulenten und vielgestaltigen Bandes natürlich trotzdem diskutiert - neben Detailanalysen am Einzelfall und historischen sowie theoretischen Dimensionen des Phänomens.

Dass Migrationsliteratur die deutsche Literatur bereichert und der Erfahrungshintergrund der Migration eine andere Literatur entstehen lässt, sind Gemeinplätze. Sie findet man in den Texten der Literaturwissenschaftler, Verlagslektoren und Schriftsteller ebenso selten wie frohgemuten Jubel über alles gute Fremde, das dem schlechten Eigenen Glanz verleiht. Gesten des guten Willens wären angesichts der jüngsten Entwicklungen und des neuen Selbstverständnisses von deutschen Autoren türkischer, bulgarischer oder rumänischer Herkunft auch verfehlt. Stattdessen gibt es etliche bedenkenswerte Anregungen. Martin Hielscher, Belletristik-Lektor im Verlag C.H. Beck, erklärt den Erfolg der Zaimoglu, Trojanow oder Dinev mit der - nicht ganz neuen - These von der deutschen Erzählschwäche der 80er und 90er Jahre. Mit einer ungebrochenen, zum Teil oralen Erzähltradition im Hintergrund sei Migrationsliteratur in diese Lücke gestoßen, "weil sie sich, ohne ästhetisch naiv zu sein, genau jene Schranken nicht auferlegte, die die Literatur aus dem deutschsprachigen Raum lange paralysierten". Grund für die deutsche Selbstbeschränkung sei letztlich der nationalsozialistische Zivilisationsbruch, der "das Erzählen der Geschichte im genealogischen Zusammenhang - der heute hoch im Kurs stehende Familienroman - erst nach gebührender Aufarbeitung möglich mache.

Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, dass mit Emine Sevgi Özdamars "Mutterzunge" (1988) und dem Ingeborg-Bachmann-Preis drei Jahre darauf eine neue Ära der Migrationsliteratur eingeläutet worden sei. Anstatt "Leid und Identitätskrise" zu verhandeln, sortiert Özkan Ezli die Phasen deutsch-türkischer Migrationserzählungen: Die Auseinandersetzung sickerte nun in die "verfremdete Sprache" selbst ein (etwa bei Özdamar), um in allerjüngsten Produktionen einer dritten Phase (wie Zaimoglus "Leyla" oder Selim Özdogans "Die Tochter des Schmieds") einem "ethnografischen Blick" Platz zu machen, der zu konventionellen erzählerischen Mitteln zurückkehrt, um die Migrationsgeschichte der Elterngeneration nachzuvollziehen. Das klingt überzeugend, legt allerdings nah, dass die ästhetisch attraktivsten Bücher schon hinter uns liegen könnten.

Einzeluntersuchungen beschäftigen sich mit sich Hybridität bei Zafer Senocak (Michael Hofmann), dem Wanderermotiv bei Terézia Mora (Klaus Siblewski) oder Yoko Tawadas Poetik der Migration (Hansjörg Bay). Warum die "Markendandys" Kracht und Stuckrad-Barre mit der "minoritären Literatur" eines Kaminer oder Zaimoglu nicht über denselben popkulturellen Kamm geschoren werden können, ist aufschlussreich (Thomas Ernst). Und dass W.G. Sebald in "Austerlitz" die verlorene Fähigkeit wiedergewinnt, sich zu verirren - und folglich heimzukehren - eröffnet Möglichkeiten zur neuen, auch kritischen Sebald-Lektüre (John Zilcosky). Zudem sind Senocak, Tawada, Said und Anna Mitgutsch mit literarischen Texten vertreten und Feridun Zaimoglu erklärt im Interview, dass er mit Migrationsliteratur ("echt ein Ekelbegriff!") schon lange nichts mehr zu tun haben will.

Wovon man gern mehr bekommen hätte, sind historische Tiefenbohrungen; weil sie den Blick aufs Gegenwärtige schärfen und die Tragweite der Migrationsproblematik erst recht begreiflich machen. Christof Hamann verfolgt bei Wilhelm Raabe, wie die Literatur des 19. Jahrhunderts mit ihren Protagonisten in Bewegung gerät und das auch bleibt: "leichtbeweglich". Und Ute Gerhard geht dem Nomadentum als Phänomen der modernen Massengesellschaft am Beginn des 20. Jahrhunderts nach, um bei Thomas Mann, Kafka und Joseph Roth den Konnex von Grenzziehung, Hygiene, Nationalismus und Rassismus zu beleuchten.

Die Erfahrungen beim Grenzübertritt, die Angst vor Ausweisung oder Probleme des Schreibens in der Fremde sind freilich nur die habe Wahrheit der Migration. Was heute zwischen türkischer und deutscher Kultur zu erleben ist, schreibt Leslie A. Adelson, sei weniger der Kontakt zwischen zwei Kulturen als vielmehr "etwas, das innerhalb der deutschen Kultur stattfindet, nämlich zwischen der deutschen Vergangenheit und der deutschen Gegenwart". Die entscheidende Frage lautet, wie deutsche Kultur sich künftig denken will. Und das ist auch eine Angelegenheit der "Sesshaften". Denn deren Ort und Identität sind weit weniger stabil und unverrückbar, als man oft wahrhaben will.

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