Es gibt eine Politsatire, über die lacht heute noch halb Österreich. Sie reicht zurück in die Sommerfrische des Jahrs 2006; das Land stand kurz vor wichtigen Wahlen. Unter der Überschrift "Halbmond statt Gipfelkreuz" schickte da eine Wiener Künstlergruppe ein Schreiben an den österreichischen Alpenverein. Dessen Inhalt: Omar Al-Rawi, Integrationsbeauftragter der islamischen Glaubensgemeinschaft, bitte den Verein, die österreichischen Gipfelkreuze durch Halbmonde ersetzen zu lassen. Die traditionellen Kreuze seien als "Herrschaftszeichen des Christentums" zu verstehen und somit eine Beleidigung des Islams. Obwohl der Brief samt Absender offensichtlich gefälscht war, kam niemand in Wien auf die Idee, seine Echtheit zu überprüfen. Peter Westenthaler vom rechtspopulistischen "Bündnis Zukunft Österreich" sah in ihm einen Beweis für die Überfremdung Österreichs. Als sich darauf die Künstlergruppe mit dem bezeichnenden Namen "Haben wir denn keine andere Sorgen" als Absender outete, stand Westenthaler wie ein begossener Pudel da.
Wie ein begossener Pudel müsste sich auch der deutsche Journalist und selbst erkorene Experte für islamischen Terrorismus, Udo Ulfkotte, fühlen. Der nämlich wertet den Brief heute noch als Beleg für die schleichende Islamisierung des Abendlands. In seinem Buch Heiliger Krieg in Europa führt er das Kreuz mit dem Gipfelkreuz neben weiteren Exempeln als eindeutigen Beweis dafür an, dass sich unter der Ägide der ägyptischen Muslimbruderschaft das christliche Antlitz Europas nach und nach in ein muslimisches verwandle.
Udo Ulfkotte: Heiliger Krieg in Europa. Wie die radikale Muslimbruderschaft unsere Gesellschaft bedroht. Eichborn Verlag, Frankfurt 2007, 304 Seiten, 19,90 Euro.
Efraim Karsh: Imperialismus im Namen Allahs. Von Muhammad bis Osama bin Laden. Deutsche Verlags- Anstalt, München 2007, 400 Seiten, 24,95 Euro.
Vollkommen aberwitzig indes wird Ulfkottes Einschätzung, wenn man sich daran erinnert, dass derselbe Autor vor nicht allzu langer Zeit ein Buch über die Lügen der Journalisten publiziert hat - mithin gewissenhafte Recherche für den einstigen Redakteur der FAZ kein Fremdwort sein sollte. Da drängt sich der Verdacht auf, hier gehe einer mit überzogenen und falschen Behauptungen zielsicher auf Dummenfang. Die Halbmonde über Europas Gipfeln sind in diesem Buch wahrlich nicht der einzige Fall von journalistischem Schlendrian. Ob Jugendkriminalität unter Migranten, Gammelfleisch in Dönerbuden oder islamische Parallelgesellschaften: Aus Andeutungen, Zeitungsnotizen und oft nicht mehr zugänglichen Internetmeldungen schnürt der Autor ein Panikpaket zusammen.
Neu ist das nicht. Bereits in seinen umstrittenen Büchern Der Krieg in unseren Städten und Propheten des Terrors hat Ulfkotte Meinungsjournalismus zu Gruselstückchen auffrisiert. Stets handeln seine Mutmaßungen und Beispiele von einer dem Untergang geweihten westlichen Kultur, die sich in einem "schleichenden Toleranzprozess" dem Islam geöffnet habe.
Nun hat man sich seit Oriana Fallaci oder Necla Kelek an die kleinen Fouls und Regelwidrigkeiten im Umgang mit dem Islam gewöhnt. Unredlich ist es indes, wenn Ulfkotte unentwegt Begriffe wie Islam und Islamismus oder Umma und Kalifat durcheinanderwirbelt. Dies betreibt der selbst ernannte Aufklärer nämlich derart subtil, dass auch aufmerksame Leser es irgendwann nicht mehr so genau nehmen wollen. Es ist eine Sache, etwa ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Zulassung des Schächtens als Aushöhlung des Rechtsstaats darzustellen - und somit zu verschweigen, dass das Gericht lediglich dem Gleichheitsgrundsatz gegenüber dem Judentum Geltung verschafft hat. Etwas anderes ist es indes, Millionen rechtschaffener religiöser wie säkularer Muslime in Europa unter Generalverdacht zu stellen. Letztlich erweist Ulfkotte den militanten Dschihadisten damit einen Dienst. Nichts nämlich kann diesen lieber sein, als in der großen Masse unterzugehen.
Imperiale Ansprüche
Dabei könnte es anders gehen. Dass man bedenkliche Traditionen innerhalb der islamischen Welt zur Sprache bringen kann, ohne zugleich paranoide Ressentiments zu bedienen, beweist der aus Israel stammende und an der Londoner Universität lehrende Historiker Efraim Karsh. Karsh, wie Ulfkotte eher dem konservativen Lager zuzuordnen, ist in der Vergangenheit häufig durch scharfe Kritik an den israelischen "neuen Historikern" in Erscheinung getreten.
Nun hat er unter dem Titel Imperialismus im Namen Allahs ein Buch vorgelegt, das auf gut 400 Seiten eine Chronik des Islams unter besonderer Berücksichtigung seiner imperialen Ansprüche sein will. Von der ersten muslimischen Gemeinde, der Umma in Medina, bis hin zu den Terroranschlägen des 11. September 2001 legt Karsh ein dem Islam innewohnendes imperiales Streben frei: "Der Krieg Osama bin Ladens und anderer Islamisten richtet sich nicht gegen Amerika als solches, sondern stellt vielmehr die jüngste Manifestation des mehr als tausendjährigen Jihad für ein islamisches Reich dar", so Karshs Fazit aus Betrachtungen der Ummayyaden-Dynastien, der Seldschukensultane oder des Osmanischen Reichs. Die muslimische Welt sei daher nicht primär Opfer der kriegerischen imperialen Bestrebungen des Westens, vielmehr seien die eigenen imperialen Träume hauptverantwortlich für die prekäre Lage im Nahen Osten.
Dass sich Dschihadisten wie bin Laden in der Tat in der Nachfolge Saladins und ihre eigentliche Mission in der Wiedererrichtung eines islamischen Kalifats sehen, haben nicht zuletzt sie selber in Verlautbarungen bestätigt. Unzweifelhaft ist ebenso, dass dieser vormoderne Impuls in der islamischen Welt eher zu Zerstörung und Elend denn zu Fortschritt geführt hat.
Ob man deshalb jedoch den Westen ganz aus der Verantwortung für die missliche Lage in der islamischen Welt ziehen kann, ist zweifelhaft. Mehr als 300 Jahre ist es her, dass ein islamisches Imperium vor Wien stand. Dass eine von so manchem Ideologen als Imperium erträumte Weltmacht im irakischen Wüstensand feststeckte, das ist indes nicht mal Vergangenheit.