Comics als Literatur: Was heutzutage fast selbstverständlich ist, war Ende der 1970er Jahre kaum vorstellbar. Doch dann veröffentlichte Will Eisner „Ein Vertrag mit Gott“, einen Comic im Buch-Format, der aber nichts enthielt, was bis dahin mit Comics identifiziert wurde: Keine maskierten Superhelden, die durch die Luft fliegen, keine sprechenden Enten und keine Drogenexzesse mit Sexorgien. Stattdessen Alltag zwischen den Mietskasernen einer großen Stadt, Anekdotisches und kleine Geschichten von einfachen Menschen. Bei Carlsen ist dieser Band nun mit zwei weiteren Graphic Novels – „Lebenskraft“ und „Dropsie Avenue“ – als Auftakt einer längst fälligen Werksausgabe von Will Eisner erschienen.
Jüdische Identität
Die titelgebende Erzählung „Ein Vertrag mit Gott“ ist eine jüdische Geschichte. Der junge Frimme Hersh wird von seiner Gemeinde in Russland Ende des 19. Jahrhunderts ausgewählt, um angesichts der antisemitischen Pogrome in die USA auszuwandern. Auf dem Weg setzt er einen Vertrag mit Gott auf, der diesen dazu verpflichten soll, die gerechten Taten Hershs gerecht zu vergelten. Doch – wie könnte es anders sein? – Gott hält sich nicht an den Vertrag, eine von Hersh großgezogene Waise stirbt und der gottesfürchtige Mann ändert sein Leben. Er rasiert sich, macht Verträge, die auf Lüge basieren, und wird so zum Immobilien-Tycoon. Nach vielen ausgesprochen erfolgreichen Jahren bittet er die Rabbiner der Gemeinde einen neuen Vertrag mit Gott aufzusetzen. Diese beraten ausführlich und stimmen schließlich zu, aber Frimme Hershs Freude währt nicht lang – er stirbt mit dem Vertrag in Händen an einem Herzinfarkt.
Als „Ein Vertrag mit Gott“ 1978 erschien, war Eisner gerade sechzig geworden, vierzig Jahre hatte er sein Geld erfolgreich mit dem Zeichnen der Massenware verdient. Wie in vielen seiner späteren Graphic Novels berichtet er nun von dem sozialen Kontext und den Bedingungen, unter denen diese neue Bilderindustrie entstand. Der alte Vertrag, der die jüdischen Zeichner an ihre Tradition und damit auch an das Bilderverbot band, – so ließe sich diese erste Erzählung deuten, mit der Eisner sein umfangreiches Spätwerk beginnt – wurde aufgelöst und durch die vielen neuen, der gesellschaftlichen Situation entsprechenden Verträge ersetzt. Doch die Sehnsucht nach einem unverbrüchlichen Vertrag mit Gott, einer Bindung, die über das Alltägliche hinausgeht, blieb ebenso bestehen wie notwendig unerfüllt. Eisners Schluss aus diesem Dilemma ist die Produktion von Comics, die genau diese Frage in vielen Bildern reflektieren und als Erinnerungsarbeit davon erzählen, was in den Geschichten der Superhelden sublimiert, wo nicht verdrängt war: die Situation jüdischer Identität in den dreißiger Jahren, die Armut nach der Weltwirtschaftskrise, der Alltag in den Wohnblöcken New Yorks.
Damit setzt Eisner den Ton der folgenden Bildromane – auch ästhetisch. Selten treiben mehr als drei Bilder auf einer Seite die Handlung voran. Keine Seitenzahlen dringen in das Geschehen ein und mahnen mit ihrem kontinuierlichen Takt das Vergehen der Zeit an. Dadurch wird das Einzelbild aufgewertet und bekommt die Zeichnung eine im Comic bis dahin kaum gekannte Dignität, die durch das fehlende Schwarz – der einfarbige Druck ist in einem dunklen Braun gehalten – noch verstärkt wird.
Eisner revidiert so das Bild von Gotham City und entwickelt einen neuen Realismus: In „Dropsie Avenue“ wird die Straße zum Protagonisten, die von der steten Auf- und Abwertung ihrer Gebäude und Grundstücke erzählt. In diesem Panorama des New Yorker 20. Jahrhunderts auf Straßenhöhe wimmelt es von all den Klischees, mit denen sich die Einwanderer begegneten. Zugleich erweist sich, wie persönliche Erfahrungen und private Beziehungen alle Stereotypien überwinden können. Eine solche Geschichte kann nur in einem Comic erzählt werden, der die Zeichnung seiner Figuren aufgrund ihrer Wiederholung von Bild zu Bild typisieren muss. Eisners bleibendes Verdienst ist es, die literarische Macht dieses Motivs erkannt und so variantenreich erzählt zu haben – und so ganz nebenher Comics in Literatur zu vewandeln.
Will Eisner: Ein Vertrag mit Gott. Mietshausgeschichten, CarlsenVerlag, Hamburg 2010, 528 Seiten, 36 Euro
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