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Literatur

07. Juli 2014

Eiríkur Örn Norddahl: Böse: Der teuflisch schöne Rechtsradikale

 Von Katharina Granzin
In Reykjavik findet ein junges Paar zusammen, mit dem sich Autor Norddahl tief ins Herz der europäischen Geschichte begibt.  Foto: rtr

Der isländische Schriftsteller Eiríkur Örn Norddahl schließt in seinem Roman „Böse“ die Liebe kurz mit der Geschichte des Rassismus in Europa. Diese europäische Perspektive nimmt der Roman ein, indem er ein junges isländisches Paar in den Mittelpunkt stellt, das aufgrund unterschiedlicher familiärer Hintergründe schwierige Phasen der Entfremdung durchlebt.

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Der Isländer Eiríkur Örn Norddahl ist ein äußerst vielseitiger Autor und ursprünglich experimenteller Lyriker. In Island bekam er für seinen Roman „Böse“ 2012 den wichtigsten Literaturpreis des Landes. In Deutschland kennen ihn bisher nur wenige, darunter jene Menschen, die vor ein paar Jahren beim Zebra Poetry Film Festival in Berlin seinen Kurzfilm „Höpöhöpö böks“ sahen, der eigentlich ein animiertes Gedicht ist (auch auf dem Youtube-Kanal des Künstlers mit deutschen Untertiteln zu sehen).

„Höpöhöpö böks“ enthält als einzigen Vokal das „Ö“ und steht somit in enger formaler Verwandtschaft zu Jandls „ottos mops“, von dem es sich aber inhaltlich schon insofern stark unterscheidet, als Norddahls ziemlich dadaistischer Text einen Haufen sexueller Anzüglichkeiten enthält.

Das Buch

Eiríkur Örn Norddahl: Böse. Roman. Aus dem Isländischen von Betty Wahl und Tina Flecken. Tropen Verlag, Stuttgart 2014. 658 S., 24,95 Euro.

Leseprobe

Dass Norddahls Roman in deutscher Übersetzung ebenfalls das „Ö“ so betont vor sich her trägt, ist Zufall, aber dadurch fast umso schöner. „Böse“ (Originaltitel: „Illska“) ist, sehr kurz gesagt, der Versuch, mit einem Roman das Böse im Menschen zu erfassen, zu erschreiben, oder vielleicht auch: in Frage zu stellen. Und auch noch: das Böse mit dem Phänomen sexueller Anziehungskraft kurzzuschließen. Extremster Ausdruck des Bösen ist aus europäischer Perspektive der Holocaust, bzw. der durchgeplante Massenmord der deutschen Faschisten an Juden, Sinti und Roma, Behinderten und Andersdenkenden.

Diese europäische Perspektive nimmt der Roman ein, indem er ein junges isländisches Paar in den Mittelpunkt stellt, das auch aufgrund unterschiedlicher familiärer Hintergründe schwierige Phasen der Entfremdung durchlebt. Ómar und Agnes, er Philologiestudent, sie mit ihrer Masterarbeit in Geschichte beschäftigt, finden in einer kalten Winternacht in Reykjavík erstmals zusammen und werden erst nach weiteren zufälligen Begegnungen ein Paar. Während Ómars Hauptproblem in einer gewissen Antriebslosigkeit besteht, ist Agnes eine Besessene: besessen von ihrer Masterarbeit, in der sie sich mit dem Holocaust in Litauen beschäftigt und Verbindungslinien zu den aktuellen rassistischen Bewegungen und Parteien in Europa sucht.

Agnes selbst, die als Kind litauischer Eltern in Island geboren wurde, hat unter ihren Vorfahren sowohl Holocaust-Opfer als auch -Täter und kämpft mit allerlei Identitätsproblemen. Ihre Beziehung zu Ómar ist einem ständigen Auf und Ab unterworfen; Phasen der Nähe wechseln mit Phasen der Gleichgültigkeit, wenn beide in ihre eigenen Probleme eingesponnen sind.

Bei ihren Recherchen begegnet Agnes dem teuflisch gutaussehenden Rechtsradikalen Arnór. Regelmäßige Gespräche münden in eine Art gegenseitige Vertrautheit und schließlich in eine heimliche sexuelle Beziehung. Als Ómar das Verhältnis entdeckt, ist seine Reaktion extrem.

Downloads

Ómar ist die Romanfigur, deren Sichtweise die Erzählung am meisten dominiert, Agnes wiederum die Person, deren Entscheidungen die Handlung am meisten vorantreiben. Zeitweise wird auch aus der Perspektive des Nazis Arnór erzählt, und schließlich sogar noch aus jener des Babys, das Agnes bekommt, ohne zu wissen, wer der Vater ist. Darüber hinaus gibt es auktorial gehaltene Passagen und solche, die in objektivem, gleichsam wissenschaftlichem Duktus Fakten referieren. Und in einem besonders an die Nieren gehenden Kapitel, das davon handelt, wie im Litauen der vierziger Jahre jüdische Litauer von nichtjüdischen Kollaborateuren ermordet wurden, wechselt die Erzählperspektive zwischen den Opfern.

Das alles ist so komplex, wie es klingt. Der Autor bannt es aber in einen formalen Rahmen, der es ihm ermöglicht, die Materialfülle erstaunlich gut zu kanalisieren. Kapitelweise montiert Norddahl zwei verschiedene Erzählperspektiven, zwei Zeit- bzw. Sachstränge gegeneinander, gefolgt von je zwei weiteren Strängen im folgenden Kapitel. Die Vielstimmigkeit des Romans entwickelt sich somit nicht synchron, sondern diachron.

Formale Diachronizität

Das ist zum einen leichter zu rezipieren, also leserfreundlich. Zum anderen spiegelt sich in dieser formalen Diachronizität aber auch ein – vielleicht sogar der – Grundgedanke beziehungsweise Grundkonflikt des Romans: die langanhaltenden Nachwirkungen vergangener Ereignisse auf Gegenwart und Zukunft der Nachgeborenen.

Das Wundersame an diesem Roman ist, dass das, was in der versuchten Nacherzählung nach einem überaus ernsthaften inhaltlichen Anliegen klingt – und so ernst ist es sicher auch gemeint –, gleichzeitig in einem sehr coolen, fast ein wenig dahinplaudernden Konversationston dargebracht wird. Und dass am Ende der mehr als 600 Seiten die doch so komplexe Story auf ein „Kriegen sie sich oder nicht?“ hinauszulaufen scheint.

Aber dieser glatte Duktus täuscht. Denn auch wenn manches auf den ersten Blick inhaltlich banal wirkt, so gehört doch gerade dieser Eindruck unauflöslich mit zum Thema. Die Banalität des Bösen bleibt eine schwierige Wahrheit. Genauso bleibt das Glück in der Banalität des Alltags schwierig zu erkennen. Die Literatur kann, das hat Eiríkur Örn Norddahl mit diesem Roman gezeigt, vielleicht ein bisschen dazu beitragen, dass wir beides irgendwann einmal begreifen.

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