Aus gegebenem Anlass dokumentieren wir untenstehend einen Offenen Brief an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG:
Sehr geehrter Herr Dr. Grube,
kürzlich ließen Ihnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der "Zeit" Verbesserungsvorschläge für die Deutsche Bahn AG zukommen, der Sie vorstehen. Ich möchte dem Nachdruck verleihen, indem ich Ihnen ein Beispiel gebe von den Folgen der Missstände in Ihrem Unternehmen für die kulturellen Leistungen in unserem Land. Sie wissen vielleicht: Manche Bücher sind so trist, öd und ungastlich wie Bahnhofshallen. Und wie auf dem Bahnsteig ärgert man sich, so viel Zeit in ihnen verbringen zu müssen. Wartend. Auf den verspäteten Zug.
Das löst Missmut aus, zum Beispiel bei Alina Schmidt. Die Situation ist: Frau Schmidt wartet am Ost-Berliner Bahnhof auf ihre ältere Schwester Irma aus dem Nordkaukasus. Seit zehn Jahren haben sich die beiden nicht gesehen. Vielleicht erinnern Sie sich auch so gern an die kleine Alina in Eleonora Hummels Debütroman "Die Fische von Berlin" (2005), die ihrem Großvater Löcher in den Bauch fragte. Hummel erzählte damals, den Charme von Alinas Kinderblick nutzend, zwei Geschichten: die vom Schicksal deutschstämmiger Familien im Sowjetreich der 30er, 40er Jahre und die vom Kind, das mit einem Rucksack voller Schweigen und dem Warten auf die Reise gen Westen aufwächst, dahin, wo endlich alle sind wie sie. Dafür bekam die russlanddeutsche Autorin den Adelbert-von-Chamisso-Preis.
Sie werden - Geschäftsmann, der Sie sind - zustimmen: die Geschichte der Aussiedler-Familie schreit nach Fortsetzung, da die Schmidts am Ende des ersten Romans mit Ausnahme von Irma in die DDR übersiedeln. Welche Chance für den Folge-Roman "Die Venus im Fenster"! Nicht nur die DDR als den Westen eines aus dem Osten kommenden Teenagers zu erzählen, auch die Wiederbegegnung der Schwestern nach der Weltrevolution von 1989 birgt literarischen Zündstoff.
Zündstoff - den könnte die Bahn auch gebrauchen, werden viele Ihrer Kunden sagen. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn Hummel bekommt den Anschluss nicht. Der Grund: Irmas Zug hat 60 Minuten Verspätung. Dieser aus dem Leben gegriffene Einfall verführt die Autorin zu einer ermüdenden Konstruktion von Rückblenden, unterbrochen und angestoßen von Bahnhofsansichten. Alina am Bistrotisch: die unerfreuliche Dresdner Jugend. Alina mit schnorrender Punkerin: die Geschichte der Großmutter. Alina vor dem Schreibwarenladen, hinter dem Kiosk und gleich dreimal in der Bahnhofstoilette im Wechsel mit Erinnerungen an eine versuchte Republikflucht, den gescheiterten Neustart als Berliner Künstlerin und Irmas russische Ehe-Tragödie. Treppe rauf, Treppe runter, Gegenwart, Vergangenheit ... Am Ende hat man sich zwei Drittel des Buchs mit Alina die Beine in den Bauch gestanden, um die Wiederbegegnung mit dem Satz "Irma ließ sich von meinem verkrampften Lächeln nicht abhalten und umarmte mich kräftig" verpuffen zu sehen. Niemals wäre dies möglich gewesen, hätte Frau Hummel nicht Stunde um Stunde auf Ihre Züge warten müssen.
Mit freundlichen Grüßen,
Insa Wilke
Eleonora Hummel: Die Venus im
Fenster. Roman. Steidl-Verlag,
Göttingen 2009,
224 Seiten,
18 Euro.