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Literatur

02. Februar 2016

Erika Tophoven „Godot hinter Gittern“: Der Gefangene Godots

 Von 
Samuel Beckett, Adressat eines schwärmerischen Briefes des Sträflings Karl Franz Lembke.  Foto: afp

„Godot hinter Gittern“: Erika Tophovens gut recherchiertes und ganz unerwartetes Buch über den fabelhaften Hochstapler Lembke.

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Im Jahre 1954 verfasst ein 50-jähriger Sträfling namens Karl Franz Lembke einen herzerweichenden Brief. Er schreibt darin von seiner Begeisterung für ein Theaterstück, seine Zeilen sind in flüssigem Französisch geschrieben und an den Autor höchstpersönlich adressiert.

Seit er den „Godot“ gelesen habe, schwärmt der Mann, sei er „nicht mehr der Gefangene des Strafvollzugs“, sondern „der Gefangene Ihres Werks, ja mehr noch: von Godot!“. Als er den Brief abschickt, hat er das Skandal-Stück des Autors Samuel Beckett schon längst ins Deutsche übertragen und es mit Mitgefangenen in der Anstaltskirche auf die Bühne gebracht – nur kurz nach der offiziellen Uraufführung in Berlin.

Wie wird ein Gefangener zum ausgefeilten Übersetzer und Regisseur? Wie kommt es, dass sich ein Sträfling mit einem vertrackten literarischen Text beschäftigt? Diese unglaubliche und verworrene Geschichte erzählt Erika Tophoven in „Godot hinter Gittern“. Die Beckett-Spezialistin, Frau des berühmten, 1989 gestorbenen Beckett-Übersetzers Elmar Tophoven, die selbst vierzig Jahre lang als Übersetzerin tätig war, hat dafür eine akribische Spurensuche quer durch Archive und Gerichtsakten unternommen und eine Vielzahl von Schauplätzen abgeklappert.

Doch vieles bleibt zwielichtig an Lembkes Existenz, einem Labyrinth zwischen Hochstapelei und Hochbegabung. Sein Lebenslauf entpuppt sich als faszinierend-schauriges Dickicht aus Ortswechseln, Beziehungsabbrüchen, Lügen und Zufällen. Geboren 1903 auf der Nordsee-Insel Wangerooge als Sohn eines Gefängniswärters und einer Hausfrau wächst Lembke in Eutin auf, wo er als hochbegabter Schüler mit 17 Abitur macht. Schon wenig später vagabundiert er, wie Tophoven rekonstruiert, arbeits- und wohnungslos durch das Land. Schwerin, Frankfurt, Köln, Kiel und Essen, immer wieder sitzt er kleinere Haftstrafen ab, immer wieder lautet die Anklage: Betrug, Urkundenfälschung, Diebstahl.

Namen wechselt er wie Wäsche

In den Dreißigern lebt Lembke unter falschem Namen in Paris, gibt vor, einen Doktor an der Sorbonne gemacht zu haben, korrespondiert mit Ministern und will später vor Gericht Hotelier und Kellner, dann wieder Schriftsteller und Journalist gewesen sein. In dieser Zeit wird er – vielleicht Tophovens überraschendster Fund – zum tatsächlichen Buchautor Dr. Peter Martin, der auf Französisch 256 Seiten über die Zustände in deutschen Konzentrationslagern verfasst. Auch dieses Dokument ist nach Tophovens Recherche in seiner Glaubwürdigkeit schwer einzuschätzen.

Nach Kriegsende rast Lembke dann regelrecht durch die Republik, wechselt Namen, Orte und Identitäten wie andere Menschen Unterwäsche. Redegewandt und mit Fachwissen in Medizin und Politik ausgestattet, begeistert er schnell Zufallsbekanntschaften in Zügen, Kneipen und Bahnhofshallen, bis er sie ausnimmt wie Weihnachtsgänse. Die Masche ist immer die gleiche: Er macht Versprechen, die er nicht hält und handelt mit Waren, die er nicht besitzt. Er weiß, wovon die Menschen im Nachkriegsdeutschland träumen: Status, Aufstieg, heile Welt, VW, Nescafé und Toblerone.

Das Buch

Erika Tophoven: Godot hinter Gittern. Verbrecher Verlag, Berlin 2015. 144 Seiten, 21 Euro.

Tophoven schildert all dies in einem nüchternen, aber auch neugierigen Ton und montiert ihren Bericht mit Fotos und Dokumenten aus diesem Leben, das die meisten seiner Spuren in Archiven der Gerichte und Polizeistationen hinterlassen haben dürfte. Gerade unter diesem realistischen Blick wird der widersprüchliche Hochstapler Lembke irgendwann selbst zum Prototyp einer Beckett’schen Bühnenfigur.

Gleichzeitig entsteht ein eindringliches Porträt der Nachkriegsära. Könnte Lembkes Abgebrühtheit auch die seiner Zeit gewesen sein? Was ist wahr, was erfunden? In diesen Fragen spiegeln sich auch vermeintliche Ahnungslosigkeit und reale Konfusion einer Epoche zwischen den Lügen des Nationalsozialismus und dem blindem Optimismus des Wirtschaftswunders. Und gerade der Autor Beckett fing diesen Stimmungscocktail aus Schockstarre und Fortschrittswillen wie kein anderer in „Warten auf Godot“ literarisch ein: „Wladimir: Also? Wir gehen? Estragon: Gehen wir! Sie gehen nicht von der Stelle. “

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