Literatur

03. Januar 2010

Erinnerung an Albert Camus: Die vielen Wege der Einzelnen

 Von Arno Widmann
Wenn einen eine Sinnkrise einholt, greift man wieder zu Camus. Der Schriftsteller im Jahr 1947. Foto: Getty

Heute vor 50 Jahren starb Albert Camus. Mit "Der Mythos des Sisyphos" und "Der Fremde" wurde er zu einem der wichtigsten Intellektuellen der Nachkriegszeit. Von Arno Widmann

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Zur Sache

Albert Camus, geboren am 7. November 1913 in Mondovi, Algerien, gestorben am 4. Januar 1960 bei einem Autounfall. Bis 1941 lebt Camus überwiegend in Algier, erst dann geht er als Reporter der Zeitung "Paris-Soir" für einige Zeit nach Paris. 1942 wird er Mitglied der Widerstandsgruppe "Combat" und veröffentlicht den Roman "Der Fremde".

"Camus lebt!" ist das Motto der Internationalen Camus-Tage, die vom 15.-24. Januar in Wuppertal stattfinden. In Lesungen und Vorträgen soll es gleichermaßen um das Werk wie um das philosophische und politische Erbe von Albert Camus gehen. www.camus-lebt.de (fr)

Das Leben hat keinen Sinn. Es gibt keine Instanz, die ihm einen Sinn geben könnte. Es sei denn, wir tun es selbst. Kein kollektives Wir, sondern jeder Einzelne für sich. Damit überfordern wir uns. Also verzichten wir darauf, dem Leben insgesamt einen Sinn zu geben. Stattdessen suchen wir uns kleine Aufgaben. Die helfen uns über eine kurze Strecke. Aber in den Nächten oder öfter noch mitten in einer Konferenz überfällt uns die Einsicht, dass was wir tun, sinnlos ist. Das erschreckt uns. Manchmal erschüttert es uns. Und manchmal werden Krisen daraus. Lebensbedrohende. Wir wollen uns umbringen. Das sind die Augenblicke, da man wieder nach dem "Mythos von Sisyphos" greift, dem Buch aus dem Jahre 1942, das Buch eines Endzwanzigers. Als Schüler las ich es, als habe der längst verstorbene Autor es für mich geschrieben. Vor allem den ersten, unvergesslichen Satz: Es gibt nur ein wirklich ernsthaftes philosophisches Problem: den Selbstmord.

"Der Mythos von Sisyphos" ist kein Trostbuch. Da tätschelt uns niemand den Kopf so intensiv, dass unser Gehirn nachgibt. Camus glaubt, dass die Wahrheit dem Menschen nicht nur zumutbar, sondern sogar zuträglich ist. Er weiß freilich auch, dass die Wahrheit nichts ist, was man hübsch verpackt weitergeben kann. Man erfährt sie. Es gehört zu den Camus-Paradoxa, dass es ihm gelingt, seine Geschichten, seine Gedanken so darzustellen, dass der Leser wie der Zuschauer überwältigt ist von dem Eindruck: Hier sagt einer die Wahrheit. Aber wer lässt sich schon gerne überwältigen? Also gibt man sich skeptisch. Belächelt das Pathos von Einfachheit und Einsamkeit. Schließt sich lieber an. Irgendwo. Bis einen eine Sinnkrise einholt und man wieder zu Camus greift.

Man liest ein Nachwort, eine Einleitung und erfährt, dass der Vater des am 7. November 1913 als Kind südfranzösischer Einwanderer in Algerien geborene Albert Camus schon zu Beginn des Zweiten Weltkrieges stirbt, dass seine Mutter als Putzfrau und in einer Fabrik arbeitet, um die zwei Kinder zu ernähren. Camus studiert Philosophie - Husserl und Heidegger -, gründet eine Theatergruppe, leidet an Tuberkulose und beginnt zu schreiben. Ein Jahr lang ist er Mitglied der Kommunistischen Partei. Dann wird er ausgeschlossen. Seine Meldung als Kriegsfreiwilliger wird 1939 abgelehnt. 1942 erscheinen gleichzeitig sein erster Roman "L´etranger" (Der Fremde) und der Essay "Der Mythos von Sisyphos". Er arbeitet als Lektor in Paris im Verlag Gallimard. Gleichzeitig ist er Mitglied der Widerstandsgruppe Combat. Mit seinen Dramen, Essays und Romanen wird Camus nach dem Krieg zu einem der bekanntesten Intellektuellen Europas.

Albert Camus widerstand dem Verrat der Intellektuellen, paktierte nicht - wie Sartre - mit den Kommunisten. Camus war der Verteidiger der Freiheit des Einzelnen. Er sprach gegen die Revolution und für die Revolte. Der Einzelne, für dessen Freiheit Camus sich einsetzte, war der Einzelne in der Gemeinschaft. Camus maß die Gemeinschaft daran, wie viel Freiheit sie den Einzelnen - nicht einigen wenigen, sondern allen - ermöglichte. Die heute wieder in die Debatte geworfene Vorstellung, der Sozialstaat sei zu ersetzen durch freudig gebende Reiche, erschien ihm als eines Denkers unwürdig. Eine Träumerei nannte er sie. Camus war kein Träumer. Er war Realist und er liebte die Wahrheit. Er wusste, dass wer sagt, der Wettbewerb soll entscheiden - nicht nur, ob eine Firma, sondern ob der Einzelne überlebt -, dazu sagen muss, dass er bereit ist, für dieses Prinzip über die Leichen derer zu gehen, die im Wettbewerb scheitern.

Jeder ist ein Einzelner

Wer heute Camus wieder liest, der sieht, dass es schon immer eine Alternative gab, einen dritten Weg. Das sind die vielen Wege der Einzelnen. Wie nur noch manche seltenen Gläubige wusste der ungläubige Camus, dass jeder von uns ein Einzelner ist. In Wahrheit nimmt uns niemand die wichtigen Entscheidungen ab. Die Täter mögen sich vor einem Gericht mit dem Befehlsnotstand herausreden. In Wahrheit haben sie abgewogen: Die eigene Karriere, das eigene Leben gegen das der anderen. Sie wissen das. Sie haben oft noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Der Andere, der dran glauben muss, sagen sie, hat es - aus den einen oder anderen Gründen - nicht anders verdient. Die Zynischsten erklären mit einem Achselzucken, sie selbst seien halt die besser Angepassten.

Der Zynismus, das lehrt niemand besser als Camus, ist die Flucht des Realisten vor der Wahrheit. Nicht der Wahrheit über die Lage - die begreift kaum jemand besser als der Zyniker -, sondern die über sich selbst. Der Zyniker hat die Situation durchschaut und beugt sich ihr. Er weiß sich als Einzelner, und darum streckt er die Waffen. Pascals Wette ist nicht die Idee eines Gläubigen, sie ist der Partywitz eines Zynikers. Zu glauben, weil es absurd ist, ist der Versuch, die Einsicht des Einzelnen in sich zu erdrücken, um gesellschaftlich überleben zu können. Der Zyniker ist der Selbstmörder, der am Leben bleiben will.

Camus kennt die Lage, wie Zyniker und Selbstmörder es tun. Er weiß wie sie: Sie ist aussichtslos. Aber er bringt sich nicht um. Weder sich noch seinen Verstand. Das Leben mag keinen Sinn haben. Aber der Kampf gegen die Todesstrafe hat einen. So paradox geht es zu in der wirklichen Welt, die eine der Einzelnen ist. In der Nachfolge von Karl Marx - wohl schon bei ihm - wurde aus der Einsicht, dass wir nur in Gesellschaft Einzelne werden können, der Schluss gezogen, der Gesellschaft den Vorrang zu geben.

Die wichtige Abweichung vom Programm

Gegen diesen Fehlschluss hat Camus angeschrieben. Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Der Sohn französischer Einwanderer schreibt einen Roman über den Fremden und wird eine der wichtigsten Stimmen im Kampf gegen den französischen Kolonialismus in Algerien. Beides. Der Einzelne ist mehr als das Produkt seiner Gene und gesellschaftlichen Verhältnisse. Er ist unberechenbar, zufällig, sinnlos. Und gerade darum ist er nicht - wie unsere Traditionen uns seit Jahrtausenden weiszumachen versuchen - wert- und bedeutungslos. Sondern gerade darum ist er wichtig, schützens- und hegenswert. Es ist die Abweichung vom Programm, aus der das Neue entsteht. Nicht die Weisheit, sondern das Nicht-Wissen produziert Wissen.

Die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung der Frau begannen an den Teetischen von Damen der besseren Londoner Gesellschaft. Für Völkermord haben wir ein Wort, weil ein polnischer Jude sich für den an den Armeniern interessierte, noch bevor seine Familie dem der Nazis zum Opfer fiel. Es sind die Einzelnen, denen die Gesellschaften zu danken haben. Nicht umgekehrt. Das kann man lernen von Albert Camus, und ebenso gut kann man lernen von ihm, dass wer immer den Vorrang der Gesellschaft einklagt, seinen eigenen, den seiner Clique im Auge hat. Gesellschaft ist der Ort, an dem die vielen Einzelnen um ihren Platz kämpfen. In diesem Kampf entscheidet es sich, ob wir nicht nur Einzelne sind, sondern es auch - ohne Zyniker oder Selbstmörder zu werden - sein dürfen.

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