Von draußen waren gedämpft immer wieder dieselben Worte zu hören, härter und fordernder, je weiter man in der Schlange nach vorn rückte, je näher man der Verbindung zu jenem unmöglichen Ereignis in Berlin kam, das, hatte man es an der Strippe, nur noch außergewöhnlich war, so, als helfe das Telefonkabel der Vorstellung beim entscheidenden Sprung aus dem Konjunktiv. Denn selbst, wer die Vorboten gesehen, wer das Ereignis jahrelang herbeigesehnt, es sich farbig ausgemalt hatte, wurde im Moment seines Eintreffens vielleicht gerade von der Stärke der eigenen Vorstellungskraft daran gehindert zu begreifen, was wirklich geschah.
Und hörte sich selbst atemlos und getrieben in den Telefonhörer rattern: "Fahrt rüber, Mensch! Die haben gesagt, nur bis Sonntag ist noch alles offen!" Als meine Mutter am Münzautomat endlich an der Reihe war, hatte mein Vater die Pässe und Zeugnisse und Studienbeurteilungen schon griffbereit auf den Wohnzimmertisch gelegt. So wie sie vor jeder Urlaubsreise nach Ungarn, Bulgarien oder in die Slowakei dort lagen, bevor mein Vater sie im Gepäck versteckte, um jederzeit gehen (wegrennen?) zu können, sollte sich die Gelegenheit bieten. Vierzig Jahre lang hatten meine Eltern auf dem Absprung gelebt, und auch jetzt, wo der Absprung möglich schien, war alles Nötige da, alles, was man brauchte, um woanders noch einmal anzufangen: die Impfausweise, das Adressbuch, die Geburtsurkunden der Kinder, nichts fehlte. Nur meine Mutter stand in den Dünen auf Usedom. Der Bus fuhr nicht mehr. Die wenigen Taxis waren unterwegs nach Berlin. Usedom war in diesem Moment weiter entfernt als der Westen. Sie stand dort im Ostseewind und rief in das Rauschen des Telefons: "Du glaubst doch nicht im Ernst, dass sie die Grenze offen lassen. Ihr müsst sofort los! Kümmert euch nicht um mich, ich komme schon irgendwie nach." (Gab es keinen Bahnanschluss? Gab es überhaupt Taxis?)
Die Situation mit den Papieren gab es nicht. Meine Eltern sagen, mein Vater habe nie Papiere für den Fall einer Flucht griffbereit gehabt. Das stimme nicht. So sei das nicht gewesen. Aber wieso erinnere ich mich daran? Ich erinnere mich auch, wie er die Papiere, nachdem sie ungültig geworden waren, noch ehe die Umschulungen, die Prüfungen und Klausuren berufserfahrener Menschen begannen, wieder in den Hefter im Schrank zurücklegte, und ich weiß; sie liegen heute dort noch immer.
Schreibe ich das, um überhaupt etwas erzählen zu können? Will ich, die in jenen Tagen über ein Handball-Spielfeld rannte, einen Sieg im Kopf, der so wichtig war wie alle Siege in diesem Alter, am Ende doch noch mein Geschichtsbewusstsein (mein Betroffensein von dieser Nacht?) unter Beweis stellen? Erinnern sich meine Eltern falsch? Aber was ist eine falsche Erinnerung?
Vielleicht ist es so: Das Flüchtige erlebter Momente fasst der Augenblick des Erinnerns zu einer Erzählung zusammen, die weniger von dem handelt, wie es war, als davon, wie es für mich war. Die Papiere meines Vaters geben der Zeit, die dem 9. November folgte, nachträglich die Tiefe und Dramatik, die sie tatsächlich gehabt haben mag, die für mich aber nur mithilfe einer solchen Ausschmückung wahrhaftig wird.
Also geht es auch darum, wie es für mich ist. Wie es heute ist.
Das, was im Luftraum unverbunden bleibt, losgelöst von Zeitstrahl und Eigentumsverhältnissen (wem gehört das, woran ich mich erinnere und warum sollte es eine Rolle spielen?) verortet mich, wenn ich es aufgreife, über das flüchtige Jetzt (ein andauerndes Gerenne?) hinaus in der Zeit.
Es wird zum Brennglas, unter dem sich ganz geläufig die eigene Biografie ergibt.
Und wer sagt denn, dass Ereignisse nicht erst im Nachhinein geschehen, dass ihre Wirkung sie nicht erst hervorbringt?
Antje Rávic Strubel, Jahrgang 1974, lebt als Schriftstellerin in Potsdam.