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Erinnerung an den November 1989: Da rennen sie

Zwanzig Jahre trennen mich vom Blick des Fotografen, der schon damals sah, was dieses Foto für mich heute zu einer der traurigsten Aufnahmen jener Tage macht und zu einer der wahrsten. Antje Rávic Strubel

Nur einer sieht zurück.    Ein blass besorgter Blick im blassen Nebelwetter.
Nur einer sieht zurück. Ein blass besorgter Blick im blassen Nebelwetter.
Foto: Harald Hauswald/OSTKREUZ

Kaum einer merkt, dass es regnet, kaum einer hat einen Schirm dabei (regnete es?).

Mit Stoffbeuteln, in Anoraks rennen sie um ihr Leben aus dem alten Leben weg.

Ich bin auch mitgerannt. Nicht auf diesem Foto, nicht unbedingt durch dieses Tor, nicht in der Nacht, als der erste blaue Trabi in den Westen kam (wieso blau?), nicht an jenem Tag, an dem der korpulente deutsche Kanzler sich wohlig in der Jahrhundertrolle räkelte. Ich bin aus Erleichterung gerannt, aus Abenteuerlust, ich rannte, weil endlich etwas zu geschehen schien, weil etwas losging, sich anbahnte, was die Bahn verließ, die vorgegeben schien für jedes Leben, ich rannte aus Neugier, Optimismus, Tatendrang.

Was ich damals empfand und was ich heute empfinde, lässt sich nicht immer in Einklang bringen. Zwanzig Jahre trennen mich vom Blick des Fotografen, der schon damals sah, was dieses Foto für mich heute zu einer der traurigsten Aufnahmen jener Tage macht und zu einer der wahrsten.

Da rennen sie.

Nur einer sieht zurück.

Ein blass besorgter Blick im blassen Nebelwetter. Aber der Körper rennt dem Blick schon weg, bleibt nicht stehen, hält nicht inne, gibt dem gedanklichen Impuls nicht nach, zurückzuschauen, durchzuatmen, sich zu fragen, wo renne ich hin und komme ich irgendwo an und warum renne ich so. Oder der Impuls, sich umzudrehen, gilt nur der Vergewisserung, dass da noch welche kommen, dass man nicht der Letzte ist, nicht hinterhängt, zurückbleibt, nicht dabei sein könnte, wenn die große Weltgeschichte einen momentelang umschließt, nicht Nachzügler ist beim Sturm auf dieses Tor; nein, eine Revolution sieht anders aus.

Eine Revolution haben die Laufenden nicht im Sinn. Wie leicht sich ihre Körper dieser Hast ergeben, wie sie dem Sog erliegen, wie sie schon alles aufgegeben haben, was sie geformt hat (es fehlt nicht viel, und sie werfen ihre Kleider ab), wie schlapp diese Getriebenheit sie bereits macht; statt aufrechter Standarte ein hängender Beutel aus Stoff.

Und was hier doch am meisten irritiert: die Welt hinter dem Tor sieht ganz genauso aus.

Regnete es tatsächlich? War es kalt? Hatte die Formulierung, mit der ein Kommandant den Befehl zum Öffnen der Grenzschalter gegeben hatte: "Wir fluten jetzt!" etwas mit dem Regen zu tun? War sie wirklich gefallen? Und woher weiß ich das? Ich erinnere mich nicht. An der Stelle, wo für andere das Unerhörte des 9. November ein Brennglas ist, unter dem sich ihr Leben so entzündet hat, dass selbst noch seine belanglosesten Zeugnisse unauslöschlich eingebrannt sind, ist mein Gedächtnis leer. Kein Mauerbröckchen, kein Bananenstückchen, kein Schnappschüsschen, kein Fläschchen billigen Westparfüms bezeugt mein Beteiligtsein oder bloß meine schiere Existenz in dieser entscheidenden Nacht. Wenn ich versuche, mich daran zu erinnern, ist es, als würde ich in die Sonne sehen: nur die Ränder sind sichtbar, das Zentrum des Lichts liegt im Dunkeln.

Diese Novembernacht feuert selbst wortkarge Freunde so in ihren Reden an, dass mein Schweigen am Ende überhört wird. Zwanzig Jahre habe ich mir auf diese Weise ein Gemeinschaftsgefühl erschlichen. Und heute, wo das Gemeinschaftsgefühl im Abklingen ist, nimmt auch der Wahrheitsgehalt des Erinnerten ab, und die Vorstellung, die ich mir mithilfe von Fotos, Fernsehbildern, des Internet und vom Hörensagen mache, dürfte sich von der der anderen (vom Ereignis selbst?) nicht mehr allzu stark unterscheiden.

Eine Unschärfe, die dem Erleben vielleicht am nächsten kommt: Der Versuch, zwischen dem Vorgestellten und dem immer schon Verstrichenen auf das zu stoßen, was geschieht, ist schwierig und endet im Luftraum der Erinnerung, in den jede vergehende Sekunde aufsteigt.

Eine Unschärfe, die das Erzählen ermöglicht.

Meine Erzählungen handeln davon, wie wir rannten.Am Nachmittag des 10. November, als meine FDJ-Bluse noch unbemerkt schon von Stunde zu Stunde an Symbolkraft verlor, rief meine Mutter bei uns zu Hause an. Mein Vater nahm den Hörer ab. Sie sprach laut und heftig, und ich konnte sie hören, obwohl es keine Freisprechanlage gab: "Ihr müsst rüberfahren, die machen die Mauer wieder zu!"

Meine Mutter hatte eine mehrwöchige Kur auf Usedom bekommen und war an diesem Morgen stundenlang durch die Dünen marschiert auf der Suche nach einem Telefon. Vor dem Telefonhäuschen, das sie schließlich fand, wartete eine Schlange von Menschen. Die Strände waren leer. Das Meer warf Sand ans Ufer und saugte ihn wieder ab. Das Dünengras wehte. Die Menschen in der Schlange sahen aneinander vorbei, gruben ihre Hände in die Manteltaschen, die Köpfe eingezogen, das Gesicht neutral; die verholzte Körpersprache der Vorsicht. Mit Betreten des Telefonhäuschens fiel das ab. Von draußen war zu sehen, wie drinnen die Körper sich aufmachten. Sie erhoben sich. Die Schultern, der Hals, die Arme füllten die Kleidung sicherer aus, hingen lockerer in den Gelenken, als Bewegung in die Gesichter kam und Ausdruck und Eigenarten hervortrieb. Sie gestikulierten, und dann liefen sie los. Sie liefen schon, sie rannten, noch während die Menschen dort im Glashaus waren.

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Autor:  Antje Rávic Strubel
Datum:  6 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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