In Ergänzung zu seinem gemeinsam mit Diana Schulle verfassten Buch über „Die ,Judendeportationen’ aus dem Deutschen Reich von 1941–1945“ legt Alfred Gottwald, Leiter der Abteilung Eisenbahnwesen im deutschen Technikmuseum Berlin, jetzt eine präzise Schilderung und nüchterne Bilanz der judenfeindlichen Aktivitäten der Deutschen Reichsbahn in der Zeit von 1933 bis zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges vor.
Am Beispiel der Reichsbahn als einem überschaubaren Sektor des nationalsozialistischen Staatsapparats vermittelt der Verfasser ein eindrucksvolles Bild der konkreten Auswirkungen der Judenpolitik des Dritten Reiches und weist nach, dass es keinen Sektor innerhalb des Reichsbahn-Apparats gab, der sich nicht bereitwillig in die überwiegend auf gesetzlichem Wege vollzogene Judenverfolgung einfügte.
Die Darstellung behandelt die Führungsstruktur des Eisenbahnsektors nach der Machtergreifung, die Umschichtung des Führungspersonals, die Auswirkungen der Judengesetzgebung auf die Reichsbahn und deren Beteiligung an der Arisierung einschließlich der antijüdischen Maßnahmen in den 1938 annektierten Gebieten. Sie wendet sich dann der Beihilfe der Reichsbahn bei der jüdischen Emigration und bei der Enteignung und Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben zu und schildert abschließend die Zusammenarbeit der Reichsbahn mit Polizei und SS vor 1939, wobei sich eine wachsende Bereitschaft der Bahnführung zeigt, der SS im Hinblick auf die Durchführung von Gefangenen- und Konzentrationslagerhäftlingstransporten großzügig entgegenzukommen und sie beim Aufbau der ersten Konzentrationslager aktiv zu unterstützen.
An die ungewöhnlich präzise, quellengesättigte und umfassende Darstellung dieses Komplexes schließt sich eine detaillierte Analyse der Führungs- und Personalstruktur der Bahn, der Rolle des Reichsbahnvorstands unter dem Vorsitz von Julius Dorpmüller, der personellen Umgestaltung des Beamtenkörpers und der Belegschaft, des wachsenden personellen Einfluss der NSDAP an. Die Funktion des bei der Reichbahn gebildeten Führerstabs der NSDAP wird minuziös geschildert, desgleichen die Abwehr von Eingriffen der NS-Betriebszellenorganisation und der SA in das Organisationsgefüge, wobei der Einfluss Hitlers hervortritt, der entgegen dem Druck der NS-Fachschaft Reichsbahn Angriffe auf Dorpmüller abwehrte.
Trotz des verstärkten Antisemitismus blieb die personelle Struktur der Bahn bis 1935 überwiegend erhalten, bis es dann aufgrund der Judengesetzgebung auf allen Ebenen zum Ausscheiden fast aller jüdischen Mitarbeiter kam, damit einer Personengruppe von circa 4000 Bahnbediensteten und Arbeitern. Zugleich waren das Reichsverkehrsministerium und die Reichsbahn an der wirtschaftlichen Ausschaltung der Juden aktiv beteiligt. Gottwaldt spricht von einem „sich ständig verschärfenden Ausgrenzungsprozess“, der die Bediensteten auch im Bereich der persönlichen Lebensführung antisemitischen Vorschriften unterwarf und wachsender antisemitischer Indoktrination aussetzte.
Neben die antijüdische Personalpolitik traten antijüdische Maßnahmen beim Beförderungsrecht und die dann auch auf Österreich und die Tschechoslowakei ausgedehnten Arisierungsmaßnahmen. Die Regimetreue der Gefolgschaft bekundete sich schließlich bei der Forcierung der jüdischen Emigration und der logistischen Unterstützung der entstehenden Konzentrationslager. So wäre die Verhaftung und angestrebte Ausweisung von bis zu 60.000 polnischen Juden, die Ende Oktober 1938 erfolgte, ohne die Mitwirkung der Reichsbahn unmöglich gewesen. Ebenso stellte die Reichsbahn bereitwillig die erforderlichen Transportmittel zur Verfügung, um die von der SS anlässlich der Reichskristallnacht verhafteten 20.000 jüdischen Bürger mit mindestens 20 Transporten in die vorbereiteten Konzentrationslager zu bringen. Von einer bloß passiven Mitwirkung kann nicht die Rede sein.
Gerade am Beispiel der Reichsbahn mit ihrer vergleichsweise übersichtlichen Verwaltungsgliederung erschreckt die Effizienz und Bereitwilligkeit der Bahn, die Verfolgungsschritte des NS-Regimes bis ins Detail zu exekutieren. In Absetzung von Klaus Hildebrandt, der der Reichsbahn ein „Mindestmaß an Verfahrenssicherheit“ bescheinigt hat, hebt Gottwaldt die „Einordnung der Deutschen Reichsbahn in die Judenpolitik des Dritten Reiches“ hervor.
Und in der Tat ist die Mitschuld der Reichsbahn und ihres Führungspersonals gerade im Blick auf die Details erdrückend.
Alfred Gottwaldt: Die Reichsbahn und die Juden 1933 – 1939. Antisemitismus bei der Eisenbahn in der Vorkriegszeit. Marixverlag 2011, 445 S., 20 Euro.