Literatur

14. März 2013

Erzählungen: Elegantes Gerangel

 Von Sabine Rohlf
Johanna Adorján: Meine 500 besten Freunde. Stories. Luchterhand, München 2013. 250 S., 18,99 Euro. 

Johanna Adorjáns 500 beste Freunde aus der Berliner Kulturszene

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Da können nicht nur Praktikantinnen neidisch werden: Johanna Adorján, FAZ-Journalistin und damit sowieso karrieretechnisch vorne, verwandelte ihre Familiengeschichte in einen überaus erfolgreichen Belletristik-Erstling. „Eine exklusive Liebe“ erzählt von NS-Verfolgung, Sozialismus, Exil und Freitod, wurde quer durch die Feuilletons bejubelt und in 16 Sprachen übersetzt. Während sich andere Autoren mit dem zweiten Buch quälen, scheint die in Kopenhagen geborene Wahl-Berlinerin ihres gerade aus einem ihrer eleganten Ärmel geschüttelt zu haben. Nach den schwergewichtigen Themen ihres Debüts widmet sie sich diesmal einer satten, sicheren Welt.

Das Buch heißt „Meine 500 besten Freunde“ und schildert Begebenheiten in teuren Lokalen und angesagten Bars, in Hotel-Suiten, Redaktionen, Yoga-Studios und Galerien. Laut Verlag sind es „Erzählungen aus dem neuen Berlin“, und zwar über Kulturschaffende aus einem mitteledlen bis sehr erfolgreichen Segment. Adorján könnte eine ihrer Figuren sein, allerdings keine von den vielen, die um Status um Anerkennung rangeln, sondern eine von den wenigen anderen. Sicherlich hat sie schon an einem „Tisch in der Mitte“ des Borchardt gegessen – wie die Erzählerin der so betitelten Geschichte, die genau weiß, wer wo sitzen muss, um wer zu sein.

Obwohl es also vorwiegend um Menschen geht, die viel über ihre Außenwirkung nachdenken, sind die 13 Erzählungen eine mehr als angenehme Lektüre. Das liegt zum einen daran, dass Adorján schreiben kann, was von einer Frau ihrer Profession ja zu erwarten ist. Zum anderen sind ihre Geschichten nicht nur unterhaltsam, sondern scharfsinnig und von stilsicherem Humor. Das alles zusammen gibt es hierzulande zwischen zwei Buchdeckeln nicht oft.

Wer bei ihr gelesen hat, wie ein alternder Redakteur eine Gala durchleidet und die begehrte „Edelfeder“ doch nicht verliehen bekommt, mag ihn hinterher nicht, aber denkt über ihn nach. Ihre Erzählung über den Jung-Regisseur, der einen Ex-Ufa-Star umgarnt, ist eine Studie in Opportunismus, aber noch mehr eine über die Kommunikation mit sehr alten Menschen. Und ihre Seiten über eine Yoga-Lehrerin, deren innere Stimme unablässig gröbste Beleidigungen ausstößt, wird alle inspirieren, die je unter teurer Anleitung den Sonnengruß übten. Hier und da deutet sich auch größeres Unglück an – drogenvernebelte Gewalt oder ein fahrlässiger Umgang mit der Nazivergangenheit – was daraus folgen könnte, müssen wir selbst überlegen.

Adorján seziert Schwächen, Eitelkeiten und Dilemmata und bringt sie mit leichter Hand auf den Punkt. Sie ist zuweilen sehr lustig, aber nie hämisch, ihre Texte glitzern von beiläufig eingestreuten Pointen. Das passt zum Erzählten, immerhin wären alle ihre Figuren gern eloquent. Störend sind allein die überraschenden bzw. irgendwann nicht mehr überraschenden Wendungen am Ende jeder Geschichte. Sie machen die „Stories“ zu ähnlich – und das gilt auch für ihre Klatschpresse-tauglichen Settings. Die machen auch nur eine Weile Spaß. Adorjáns Art, über Menschen zu schreiben, trägt von ganz allein. Sie könnte genauso kurzweilig, hintergründig und präzise über durchschnittliche Leute und Situationen erzählen. Fragt sich nur, ob sie Lust dazu hat.

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