kalaydo.de Anzeigen

Erzählungen von Daniyal Mueenuddin: Aber von Liebe kann nie die Rede sein

"Andere Räume, andere Träume": In Daniyal Mueenuddins geht es um das Leben innerhalb selbstgeschaffener Begrenzungen der menschlichen Existenz. Er porträtiert dabei gleichermaßen Herren und Diener. Von Katharina Granzin

Daniyal Meenuddins Erzählungsband Andere Räume, andere Träume ist soeben auf deutsch erschienen.
Daniyal Meenuddins Erzählungsband "Andere Räume, andere Träume" ist soeben auf deutsch erschienen.
Foto: Daniyal Meenuddin

Multiple Identitäten sind bei pakistanischen Autoren nichts Besonderes. Wer auf Englisch schreibt, lebt in Großbritannien oder den USA und ist Weltbürger mit pakistanischen Wurzeln. Auch Daniyal Mueenuddin arbeitete in New York als Anwalt. Doch das ist erst einmal vorbei. Als einziger seiner auf Englisch schreibenden Kollegen und Kolleginnen lebt er derzeit wieder in Pakistan - als Bauer auf seiner eigenen Farm.

Unwillkürlich assoziiert man ein Bild des Autors im karierten Hemd, den Strohhut in den Nacken geschoben, im Schweiße seines Angesichts über einen Acker gebeugt. Doch natürlich würde niemand aus der pakistanischen Oberschicht jemals auf so physische, hemdsärmelige Art "Bauer" sein, wie man spätestens bei der Lektüre von Mueenuddins Buch einsieht. Die Farmen, die in "Andere Räume, andere Träume" vorkommen, sind keine Bauernhöfe, sondern riesige Latifundien. In dieser Welt, die nur Herren und Knechte, oben und unten kennt, ist auch die Kluft zwischen Stadt und Land riesig.

Das Buch

Daniyal Mueenuddin: Andere Räume, andere Träume. Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 290 S., 19,90 Euro.

Die Erzählung "Lily" thematisiert unter anderem, was es bedeutet, "Farmer" zu sein. Ein junges Paar, das sich aus der "Stadt", der Partyszene der High Society, kennt, zieht auf die abgelegenen Ländereien des Mannes. Der junge Ehemann ist bemüht, seiner doppelten Rolle als oberster Landwirt - in der er als behutsamer Modernisierer auftritt - sowie als oberste patriarchalische Instanz im traditionellen dörflichen Kosmos gerecht zu werden. Seine Frau dagegen ist nicht imstande, ihrer eingeübten Rolle als Lebedame zu entkommen. Das Land bleibt ihr fern, sie verlässt das eingezäunte Gelände um das Gutshaus nie. Ein Versuch, ihr altes Leben wieder aufzunehmen und Partyfreunde aus der Stadt einzuladen, endet im Ehekrach.

Mueenuddins Erzählungen handeln, wie auch ihr Titel anklingen lässt, vom Leben innerhalb von Wänden und Mauern, von selbstgeschaffenen Begrenzungen der menschlichen Existenz. Der Natur bleibt der Part der bedrohlichen Wildnis. "Lily" endet damit, dass die Protagonistin im Zorn auf die nächtliche Obstplantage hinausgeht und sich, selbstzerstörerisch, einer giftigen Schlange in den Weg stellt. Doch die Natur nimmt die ihr zugedachte Rolle nicht an.

Sämtliche Erzählungen sind durch einen Faden verbunden, der sich, so lose er zunächst scheint, zu einem Dickicht von Beziehungen und Abhängigkeiten schlingt. In dessen ungefährem Zentrum steht der Patriarch und Feudalherr alten Schlages, K. K. Harouni. Alle Protagonisten, obwohl sie meist nichts voneinander wissen (und obwohl alle Texte unabhängig voneinander funktionieren), sind irgendwie mit dem Harouni-Clan verwandt oder bekannt. Damit gelingt dem Autor ein eindrucksvoller vertikaler Schnitt durch die Gesellschaft, denn er porträtiert nicht nur die Herren-, sondern auch die Dienerklasse. Und manchmal, wie in der titelgebenden Erzählung, sind die Grenzen dazwischen nicht gar so eindeutig zu definieren.

K. K. Harouni selbst tritt in dieser Geschichte auf, die aus der Sicht einer jungen Frau erzählt wird. Husna, Mitglied einer verarmten, einst angesehenen Familie, wird Gesellschafterin der alten Begum Harouni, lässt sich aber vom Patriarchen zur Mätresse machen. In ihm weckt das Erinnerungen an frühere Affären. In ihr erwacht beim ersten sexuellen Akt wütende Verzweiflung, sich verkauft zu haben: "Sie hatte erwartet, dass dies so einfach sein würde wie das Unterzeichnen eines Schecks, ein Bezahlvorgang. Statt dessen erwachte für einen Augenblick das romantische Mädchen in ihr, das einen anderen Mann gewählt hätte."

Die Harouni-Husna-Affäre kann als paradigmatisch für fast alle Mann-Frau-Beziehungen in diesem Erzählungsband gesehen werden. So etwas wie Glück oder auch nur Gemeinsamkeit stellt sich höchstens vorübergehend ein, von Liebe ist nie die Rede. Frauen gehen intime Beziehungen zu Männern ein, die ihnen sozialen oder ökonomischen Schutz verschaffen können, und begeben sich damit in völlige Abhängigkeit. Männern ist die Rolle des launischen Gönners so eingeschrieben, dass sie selbst in scheinbar gleichberechtigten Beziehungen unwillkürlich in sie zurückfallen können - wie eine kleine Szene zeigt, in der ein junger Pakistaner in Paris sich weigert, seiner amerikanischen Freundin Süßigkeiten zu kaufen. Das alles ist traurig, lächerlich und von furchtbarer Unausweichlichkeit.

Was schließlich bleibt, wenn ein Mensch stirbt, zeigt das letzte Bild der letzten Erzählung: eine Blechhütte, leergeräumt und geplündert von den Lebenden. "Die Tür zu der kleinen Hütte stand offen, Wind und Wetter schrubbten sie sauber." Auf seltsame Art ist er tröstlich, dieser letzte Satz. Er setzt die Natur wieder in ihr Recht gegen alle von Menschen geschaffenen Mauern.

Autor:  Katharina Granzin
Datum:  28 | 5 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.