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Literatur

22. August 2006

Ethische Türverriegelungen

 Von ANDREAS BRENNER

Über das Inmitten und Dazwischen der Menschen: Eine Lektüre des bedeutenden japanischen Philosophen Watsuji Tetsuro birgt für den westlichen Leser so manche Überraschung

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Von Jahr zu Jahr beobachtet Europa mit zunehmendem Staunen den mächtigen wirtschaftlichen Aufstieg Asiens. Hierzulande treffen die Kennzahlen der großen japanischen, chinesischen und indischen Industrieunternehmen auf größtes Interesse. Die kulturellen Leistungen aus dem asiatischen Raum fanden dagegen bislang kaum Beachtung. Erst allmählich ändert sich dieses Missverhältnis.

Nachdenken übers Wetter

Auch in diesem Zusammenhang ist die Übersetzung von Watsuji Tetsuros Ethik zu sehen. Mit ihr wird das Werk des bedeutenden japanischen Philosophen um eine Arbeit mehr ins Deutsche übertragen, wobei jedoch die bereits vor Jahren im selben Verlag vorgelegte Arbeit Fudo schon seit Jahren nicht mehr im Handel ist. So ist der Zugang auf den "ganzen" Tetsuro immer noch schwer und damit die Sicht auf einen Philosophen weiterhin verdeckt, der es wie kaum ein zweiter vermochte, über das Wetter zu philosophieren - so in seiner Klimaphilosophie Fudo, die, so heißt es im Untertitel, "den Zusammenhang zwischen Klima und Kultur" untersucht.

Nun also folgt die Ethik, die im Original noch ein Jahr vor Fudo, nämlich 1934 erschienen ist. Es ist dies das Jahr, in dem der 1889 geborene Tetsuro seine Professur in Kyoto aufgibt und an der "Kaiserlichen Universität Tokio" den "Lehrstuhl für Ethik" übernimmt. Die schmale Schrift kann in diesem Zusammenhang als Programmtext der modernen japanischen Ethik verstanden werden.

Das Buch überrascht dabei sowohl in seiner Ausarbeitung der Ethik "als Wissenschaft vom Menschen", wie es im Untertitel heißt. Sie beeindruckt aber auch in der vorbereitenden Konstruktion der dafür nötigen Begrifflichkeit. Denn die für eine Ethik wichtigen Begriffe wie "Mensch", "Gemeinschaft" oder "Sittlichkeit" erweisen sich im Japan der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alles andere als eindeutig. Diese Mehrdeutigkeit, mit der sich Tetsuro in seiner akribischen philologischen Arbeit auseinander setzt und sich dabei zu den chinesischen Ursprüngen der japanischen Begriffe zurücktastet, erinnert aus der Ferne an die Begriffs-Schmiedearbeit, der sich die Deutsche Philosophie im 18. Jahrhundert widmete.

Im Japanischen lag die Sache, wie Tetsuro vorführt, indes noch verwickelter. Denn das Japanische hat neben der Schrift auch viele Begriffe aus dem Chinesischen entlehnt. Tetsuro geht daher, um seinen - japanischen - Lesern das Verständnis der Ethik nahe zu bringen, auf die chinesische Originalbedeutung der Worte zurück. Bereits das Wort "Ethik" offenbart dabei die halbe ethische Theorie: Im Chinesischen bedeutet "Ethik" nämlich ursprünglich "Kameraden" und bezeichnet dann dasjenige, was unter "Kameraden" üblich ist. Dieses Verhältnis wird durch eine weitere Nuance des Chinesischen in zwei räumliche Beziehungen gedehnt, nämlich die des "Inmitten" und die des "Dazwischen".

Geht man also von dem Begriff der "Kameraden" aus, und das sind in erster Linie Menschen, die in einer gewissen Nähe zueinander stehen, dann lassen sich alle weiteren Beziehungen durch die beiden Raumrelationen sortieren, wie Tetsuro an verschiedenen Beispielen vorführt. So erweisen sich die Beziehungen von "Gatte und Gattin", von "Vater und Sohn", von "Herrscher und Untertan" oder von "älterem und jüngerem Bruder" sowohl inmitten der Gemeinschaft der Menschen angesiedelt als auch durch ein Dazwischen charakterisiert.

Letzteres stellt die Unterschiede innerhalb der benannten Paarbeziehungen fest. Und diese Unterschiede, die Momente also, die im Dazwischen liegen, geben der festen Ordnung dieser Beziehungen Sinn. Wem diese Ordnung antiquiert vorkommt, dem gibt Tetsuro durchaus recht, wenn er erklärt, dass man in diesem starren Ordnungsdenken die gesellschaftliche Struktur des alten China wiedererkenne. Dies sollte einen jedoch nicht verleiten, diese Vorstellung als überholt anzusehen, warnt Tetsuro. Denn Ethik, welche, wie wir gesehen haben, die Ordnung der Menschen darstellt, ist die "Existenzgrundlage der Gemeinschaft".

Spätestens hier mag der westliche Leser den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Einzelnen monieren. Dafür gibt es indes dann keinen Grund, wenn man sich mit der chinesisch-japanischen Einsicht vertraut macht, dass es die Gemeinschaft ist, die der Ursprung der Individualität ist. Ein gleiches gilt übrigens für den Begriff "Mensch". Das lateinische homo kann, wie Tetsuro betont, nicht mit dem japanischen "ningen" übersetzt werden. Zwar meint auch "ningen" Mensch, dies jedoch nicht im Gegensatz zur Gemeinschaft, sondern in Bezug und Abhängigkeit von ihr. Auch dies erkennt man wiederum an den räumlichen Verhältnissen des Inmitten und Dazwischen. Außerhalb solcher Bezüge kann kein Mensch sein.

Hinter der papiernen Wand

Inwiefern kann man diese Kennzeichnung von Ordnungsverhältnissen aber als Ethik bezeichnen? Tetsuro, der ein ausgezeichneter Kenner sowohl der antiken wie der neuzeitlichen europäischen Philosophie war und 1927 Heidegger kennenlernte, betrachtet die Ethik vor allem als eine Methode, die die Bezüge zwischen den Menschen verständlich macht. Dementsprechend gibt es keine Grenzen, vor denen ethische Theorie Halt zu machen hat. Und so kann Tatsuro beispielsweise auch die traditionelle Architektur seines Landes ethisch erklären. Die papierbezogenen Schiebetüren bringen das Verhältnis von Inmitten und Dazwischen zum Ausdruck: Der Mensch, der sich hinter einer solchen Türe zum Schlafen legt, ist mitten drin in der Gemeinschaft - und liegt dennoch in einem Zwischenraum durch die Ordnung dieser Gemeinschaft sicher geschützt.

Sucht man nun nach Gemeinsamkeiten zwischen Watsuji Tetsuros Ethik und derjenigen des Abendlandes, so wird man diese vor allem in der Antike, und dort bei Aristoteles finden, aber auch im 20. Jahrhundert, dort bei der Phänomenologie. Dennoch sollten westliche Leser sich vor allem auf den Reiz der mangelnden Gemeinsamkeiten und der schlichten Unvereinbarkeiten einlassen.

Die Frage, wer denn jetzt recht habe, erscheint dann so kurios, wie die Behauptung, das eine der jeweils gegensätzlichen Himmelsrichtungen wohl falsch sein müsse.

Watsuji Tetsuro: "Ethik als Wissenschaft vom Menschen". Aus dem Japanischen von Hans Martin Krämer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 168 Seiten, 39,90 Euro.

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