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Literatur

21. Dezember 2012

EU Phorie: Die Kanzlerin als Königin

 Von Christian Thomas
Ulrich Beck hat ein Buch zu Europa geschrieben. Foto: dpa

Der Soziologe Ulrich Beck hat ein Buch über Europa geschrieben, das sich wie ein Anti-Angela-Merkel-Manifest liest.

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Europa hat Parteigänger hervorgebracht, die auch tapfer sein mussten. Denn so groß die Friedensgeschichte seit 1945, Europas Krisengeschichte ist seitdem nicht abgerissen, das Risiko ein Standortfaktor geblieben. Auch Ulrich Beck zählt zu den beherzten Europaaktivisten, ja, wenn man sein Buch „Das deutsche Europa“ liest, drängt sich der Eindruck eines Europapatrioten auf.

Beck ist das längst nicht mehr allein. Unsere EU-Handbibliothek, die Neuerscheinungen der letzten neun Monate berücksichtigt hat, wurde zum Stelldichein einer intensiven und expansiven EUphorie. Zur Expansion zählt, dass sie allen bisherigen Patriotismus nachgerade grenzenlos erweitert, auf europäisches Format.

Seine Diagnose bezieht der heute 68-jährige Soziologe, der derzeit in Harvard und an der London School of Economics lehrt, aus seinem Bestseller der „Risikogesellschaft“; er greift, um den Standbymodus der Ungewissheit zu beschreiben, auf Carl Schmitt ebenso selbstverständlich zurück wie auf den anarchisch-anachronistischen Snobismus eines Nietzsche. In Anlehnung an Zygmunt Bauman spricht Beck vom „flüchtigen Zustand Europas“, er besetzt alte Begriffe und prägt solche wie „Nationalstaatsorthodoxe“, auf dass der Europaoptimismus an Boden gewinne.

„Merkiavellismus“

Den Konstruktionsfehler eines geeinten Europa sieht er in einer einseitig ökonomischen Begründung, mit der, ob nun in den 1950er Jahren oder zuletzt, bei der Einführung des Euro, die politische und rechtliche Legitimation auf der Strecke blieb. Becks EU-Buch ist ein vehementes Dementi der These, wonach die Krise der EU eine Schuldenkrise sei. Becks Interesse gilt vor allem einer Wertekrise – einer alles andere als ökonomischen Wertschöpfungskrise. Vielmehr spekuliert er bei dem, nun ja, kulturellen Kapital Europas auf Weltoffenheit und Toleranz. Fatal sei die Fixierung auf eine reine Fiskalunion, europäisches Risikomanagement habe die Interessen einer demokratisch legitimierten Gesellschaftsordnung zu gewährleisten.

Ulrich Becks EU-Büchlein ist schließlich ein Anti-Angela-Merkel-Manifest. Er sieht in der gewählten Kanzlerin die „ungekrönte Königin“ Europas. Und damit will er nicht nur eine Metapher ins Spiel bringen. Der Leser darf das als eine Refeudalisierung einer Europapolitik auffassen, zumal er den Begriff des „Merkiavellismus“ aufbringt. Thomas Mann, auf den sich Beck gleich zu Beginn bezieht, wird mit seiner Unterscheidung von einem „deutschen Europa“ und einem „europäischen Deutschland“ zum Kronzeugen eines europäischen Gesellschaftsvertrags, bestehend aus vier Elementen: dem Prinzip der Fairness; dem Prinzip des Ausgleichs; dem Prinzip der Versöhnung; dem Prinzip der Verhinderung von Ausbeutung.

Angela Merkel orientiert sich an diesem Katechismus nur sehr unzureichend. Aber wie denn auch? Wo doch Becks Büchlein die Kanzlerin als ungekrönte Königin Europas durchschaut – und der Leser in ihr wahrlich eine regierende Anachronistin.

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