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Literatur

13. Dezember 2012

EUphorie: Europa als Herkulesaufgabe

 Von Christian Thomas
Die EU-Fahne schlägt Wellen im Wind: Leggewie sieht die Zukunft Europas in einer Mittelmeerunion. Foto: dapd

Claus Leggewie überschreitet in seinem Europabuch Grenzen - und erweitert die EU um eine Mittelmeerunion.

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Claus Leggewie überschreitet in seinem Europabuch Grenzen - und erweitert die EU um eine Mittelmeerunion.

Claus Leggewie überschreitet in seinem Europabuch Grenzen. Bereits auf den Buchinnenklappen erweitert der Politologe und Kulturwissenschaftler die EU um eine Mittelmeerunion von Mauretanien, über Marokko, Nordafrika, Israel, Syrien bis in die Türkei. Auch zwei plakativ gezeichnete Bildwerke begründen Leggewies EU-Expansionskurs, von dem er sich wahrhaftig eine Grenzüberschreitung verspricht („eine echte Transformation zur Nachhaltigkeit“) wie ja auch zugleich eine bemerkenswerte Grenzziehung: „fairen Handel, sozialverträglichen Umweltschutz und ein intelligentes Konzept lokaler und überregionaler Mobilität“.

Europa, durch den Mythos geboren, steht erneut vor einer Herkulesaufgabe. Denn welche Integrationsleistung erscheint angesichts der Tagespolitik, den Nachrichten aus Ägypten oder Syrien, Israel oder Griechenland unrealistischer, ja vermessener als Leggewies Optimismus: „Wie die Mittelmeerunion Europa wiederbeleben kann“, verheißt der Untertitel seines Buchs „Zukunft im Süden“. Für seinen Mythos, und in ihm sieht er (wie alle großen Mythenforscher) eine welterklärende und handlungsanleitende Denkform, ruft er historische Belege ebenso auf wie Prognosen, statistisches Material oder Horrorszenarien.

EUphorie

EUphorie - die Serie mit Neuerscheinungen zum Thema Europa. Weitere Beiträge aus der "kleinen EU-Handbibliothek" finden Sie in unserer Themenliste.

Da der Nationalstaat allenfalls „trügerische Sicheiten“ liefere, spekuliert Leggewies „realutopischer Entwurf“ zuallererst auf eine Energieunion. Dazu bedürfe es einer „gründlichen Revision der ökonomischen Arbeitsteilung“, ganz abgesehen von der Überwindung neoliberaler Spardiktate oder neokeynesianischer Wachstumsdoktrinen.

Doch warum ausgerechnet die Hoffnung auf die Peripherie? Wegen ihrer (historisch ausgebildeten) Netzwerkstrukturen. Wegen ihrer Stadtstaatengeschichte, mit ihren eng verschränkten Handelsbeziehungen und ihrer Ideenimport- und -exportbilanz. Ohne die Meditéranné zu idealisieren, deren Missentwicklungen so wenig wie deren missliche Gegenwart, macht er im Mittelmeerraum eine riesige Ressource aus. Einen Bewegungsspielraum, geprägt von der Mobilität unterschiedlicher Mentalitäten. Der Mittelmeerraum bringt einen gewaltigen Erfahrungsschatz ein, war er doch „die Arena einer ersten Globalisierung“.

Nun sind Nordafrika, die Türkei oder die Levante schon häufiger Europa zugeschlagen worden – etwa in den postkolonialen Träumen von Geostrategen. Leggewie hat gewiss keinerlei Interesse an einem Remake eurozentrisch-imperialen Phantastereien, ganz im Gegenteil: Mit seiner Utopie des Gabentauschs plädiert er abschließend für eine generöse „Schuldvergebung“ anstelle knallhart kalkulierter Rückzahlungsgeschäfte. Im Gabentausch sieht er einen grenzüberschreitenden Gesellschaftsvertrag. Einen, der nicht allein wirtschaftliche und rechtliche Beziehungen regelt, sondern zwischen Nord und Süd, Arm und Reich, Schuldnern und Gläubigern, moralische Maßstäbe sucht. Hier, spätestens, transzendiert Leggewie Transformationen der schlechterdings ökonomischen Art.

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