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Literatur

11. Juli 2014

Eva Horn: Zukunft als Katastrophe: Natürlich kann sich der Mensch vernichten

 Von Ruth Fühner
Szene aus Spielbergs "Minority Report". Der Film thematisiert die Suche nach der Sicherheit - und den damit verbundenen Verlust der eigenen bürgerlichen Existenz.  Foto: imago

Die Germanistin Eva Horn schreibt mit oft überraschenden Analysen über die "Zukunft als Katastrophe". Uns Menschen attestiert sie "blinde Reflexivität".

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Selbst wenn es so scheinen könnte: Die Angst vor einer dystopischen Zukunft brauchte den Auftrieb nicht, den ihr die offizielle Todeserklärung der Utopien um 1989 verlieh. Vielmehr, so die Germanistin Eva Horn, ist die Beschwörung der Apokalypse als schriller Dauerton seit der Schwarzen Romantik zu vernehmen, zuerst mustergültig formuliert in Lord Byrons düsterem Einspruch gegen den Optimismus der Aufklärung.

Im 20. Jahrhundert entwickelten sich daraus verschiedene Erzählmuster: Von den konkreten Beschwörungen des Atomtods bis zum diffusen Gefühl, die gegenwärtigen Entwicklungen (Klimawandel, Umweltvergiftung, unglückliche Kettenreaktionen der Großtechnologie – um nur ein paar Beispiele zu nennen) bewegten sich hin zu einem Kipp-Punkt, einem Absturz ins Desaster, das niemand und alle vorausgesehen haben werden.

Prinzipiell ist Zukunft das nicht Fassbare, das, was anders sein wird als die Gegenwart. Das Bedrohungsgefühl bedarf daher, um fassbar zu werden, des Szenarios bzw. der Fiktion. Sie erst verleihen dem untergründig Rumorenden eine Form, die aber zugleich immer verräterisch ist: Weil sie Auskunft gibt über die Beschränktheit des Blicks.

Dieser Beschränktheit unterliegen wissenschaftliche Szenarien ebenso wie literarische oder filmische Fiktionen. Das macht Eva Horn in ihrem überaus materialreichen Buch an Michael Crichtons Thriller „State of Fear“ gleich doppelt deutlich. Mit seiner schäumenden Kritik an der These vom menschengemachten Klimawandel zielt Crichton präzise auf die Schwachpunkte der wissenschaftlichen Szenarien: Dass sie nämlich unvermeidlich Modelle sind, Hypothesen. Nur dass dieser fiktive Zug die Realität der zugrunde liegenden Gefahr keineswegs infrage stellt.

Horn, 1965 in Frankfurt geboren, derzeit mit einer Professur in Wien, lässt keinen Zweifel daran, dass der Mensch fähig und - spätestens seit der Erfindung der Atombombe – in der Lage ist, seine Lebenswelt zu vernichten. Doch die Strategien der Sicherheit und Prävention unterliegen, wie sie in oft überraschenden Analysen zeigt, Dilemmata diverser Art. Biopolitische Szenarien etwa schaffen durch die Erzeugung von Kriterien für lebenswertes Leben selbst jene angeblich tragischen, „alternativlosen“ Entscheidungssituationen, die sie danach beklagen.

Wirklich tragisch aber ist das Sicherheitsdenken in einem anderen Sinn. Nicht nur bringt die ständige Hochrüstung etwa von Atommeilern eine Komplexität hervor, die die Risiken vergrößert, statt sie zu minimieren – ein Mechanismus, den Kafkas Erzählung „Der Bau“ vorwegnimmt. Es ist auch unmöglich, nicht (vor-)sorgend zu handeln, im Wissen, dass das Desaster an einer anderen Stelle eintreten wird als da, wo man es erwartet.

Eva Horn: Zukunft als Katastrophe. S. Fischer Wissenschaft, Frankfurt a. M. 2014. 480 Seiten, 24,99 Euro.

An Steven Spielbergs Film „Minority Report“ geht Horn dieses Dilemma beispielhaft durch. Der Warner vor der kommenden Katastrophe, der auf der Suche nach Sicherheit seine eigene bürgerliche Existenz vernichtet – sieht er die Wahrheit voraus? Oder ist er ein Paranoiker? Der Filmschluss scheint Ersteres nahezulegen – aber vielleicht ist auch der Zuschauer, der das glaubt, schon selbst vom Verfolgungswahn infiziert.

Jedes wissenschaftliche oder künstlerische Zukunftsszenario also ist eine Konstruktion – nur: Ein Jenseits der Konstruktion gibt es nicht und kann es nicht geben. „Blinde Reflexivität“ attestiert uns Horn. Wir haben immer schon gewusst, dass die Katastrophe eintreten wird – aber wir haben keine Ahnung, was hier und jetzt zu tun wäre.

Was kann dabei die Rolle der Fiktion sein? Aufrütteln? Aber wozu, wenn Alarmismus zur vorgeblichen Verhinderung der Katastrophe katastrophale Opfer verlangt? Oder sorgt Fiktion im Gegenteil bloß für ästhetische Beruhigung? Die Katastrophe trifft – in der Kunst ebenso wie im richtigen Leben – noch immer zuverlässig die anderen?

Eva Horn schlägt ein Drittes vor. Film oder Literatur gelinge, was die verstreuten Zeichen in unserer Umwelt, die Statistiken der Wissenschaft nicht leisten können: Zukunft als Gegenwart darstellen. Sie allein schlössen die entscheidende Lücke zwischen unserem Wissen um die Gefahr und unserem mangelnden Glauben an sie. Ein ehrenwerter Gedanke, der nur eine Frage ausblendet: Welche Konsequenz jenseits von Kino- oder Lesesessel sollte das haben? Wäre da am Ende doch Rettung in Sicht? Da müsste man schon an die Einführung einer Weltregierung glauben. Die aber hat nicht zufällig nur einen ganz kurzen Auftritt in diesem aufklärenden, aber keineswegs optimistisch stimmenden Buch.

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