Eines haben wir in der Schule gelernt - und wenn nicht in der Schule, dann aus den Essays des Evolutionstheoretikers Stephen Jay Gould: Die Evolution plant nicht. Sie setzt bloß beliebige genetische Mutationen in die Welt. Was überlebt, das überlebt; was nichts taugt, wird ausselektiert. Mit der Versuchung, die zufällige Entwicklung mit Begriffen wie "Anpassung" teleologisch zu überhöhen, hat der Darwinismus von Anbeginn an gekämpft - doch sollte jeder anständige Wissenschaftler versuchen, ihr zu widerstehen. Streng genommen, wurde Gould nicht müde zu betonen, gibt es nicht einmal Fortschritt. Die Evolution bewegt sich mal hierhin mal dorthin, doch eines tut sie nicht: Sie schreitet nicht voran.
Mit seinem Buch "Jenseits des Zufalls" will der britische Paläobiologe Simon Conway Morris dieses Darwinsche und Gouldsche Postulat nun ins Wanken bringen - nicht als erster natürlich. Doch besitzt Morris nichts von der biologistischen Plumpheit eines Richard Dawkins oder, umgekehrt, der Borniertheit der Kreationisten. Sein Buch versprüht einiges von dem enthusiastischen Charme des großen Vorbilds Stephen Jay Gould selbst, der von Morris mehrmals als theoretischer Antipode angegeben wird.
Morris nämlich ist sehr wohl der Ansicht, dass es eine Art gerichteter Entwicklung gegeben habe, dass man mithin von einem evolutionären Fortschritt sprechen könne. Schließlich folgert er sogar, dass ein Wesen wie der Mensch geradezu zwangsläufig entstehen musste; wenn wir - die Nachfahren der Affen - die Rolle des intelligenten, sprachfähigen Großsäugers nicht eingenommen hätten, hätte es eine andere Spezies getan.
Als Beweismaterial dient Morris das, was man Konvergenzen nennt: das Entstehen ähnlicher Merkmale auf unterschiedlichen Pfaden. Berühmtestes Beispiel dafür ist wohl das Auge: Die Möglichkeit, sich Lichtwellen zum Erkennen der Außenwelt, also zum Sehen zunutze zu machen, wurde evolutionär mehrmals "erfunden". Und nicht nur das: Auch eine bestimmte Form des Auges - beispielsweise das Komplex- oder Facettenauge der Gliederfüßler - entwickelte sich innerhalb der Evolution mehrmals, unabhängig voneinander bei verschiedenen Spezies.
Es gibt etliche weitere Beispiele aus dem Bereich der Sinnesorgane, aber auch der Vermehrung und sogar des Verhaltens. Morris zufolge liegt dies daran, dass es für bestimmte technische Herausforderungen schlicht so etwas wie die beste Lösung gibt. Auf der anderen Seite stehen bekanntermaßen "Lösungen", die biologisch unmöglich sind: Das zweifellos großartige Rad zum Beispiel ist ohne einen entsprechenden Untergrund zur Fortbewegung nicht geeignet. Also begnügte sich die Natur mit Flossen, Beinen oder Flügeln.
Um den Leser von der Allgegenwart der Konvergenz zu überzeugen, schleppt Morris ihn auf unzählige Exkursionen über Stock und Stein, durch das Reich der Säuger und Bakterien, der Käfer und der Fische, kurz, man begegnet auf diesen 300 Seiten Text so ungefähr allem, was im übertragenen Sinne Lebensatem hat. Es ist eine höchst beeindruckende Reise! Und doch: Trotz größter Sympathie für den enthusiastischen Exkursionsleiter wird man am Ende unter Umständen feststellen müssen, dass Morris Teile seiner Argumentation etwas im dunklen Feld der Suggestion belassen hat - unabsichtlich vermutlich. Um eine Täuschung oder das absichtliche Schuldigbleiben eines Arguments handelt es sich sicherlich nicht.
Simon Conway Morris selbst scheint nicht aufzufallen, dass es ein Unterschied ist, ob man einerseits sagt, dass aus einer scheinbar endlosen Zahl von Möglichkeiten nur wenige in Frage kommen. Oder ob man andererseits behauptet, dass die Entwicklung dorthin gedrängt habe.
Was aber, könnte man dagegen einwenden, wenn diese Entwicklung gar nicht erst in Gang gekommen wäre? Zur Verdeutlichung: Es stimmt, dass es nur eine begrenzte Anzahl von Pässen über die Alpen gibt; wenn jemand in Richtung Süden unterwegs ist, wird er's merken. Aber zu sagen, dass jemand, den man in der Norddeutschen Tiefebene aussetzt, diese Pässe finden muss, wäre falsch - vielleicht zieht es den Wanderer ja weiter nach Norden.
Um aus der Evidenz der Konvergenz einen Beweis für die Gerichtetheit der Evolution zu schmieden, bedürfte es einer weiteren Kraft, die das Leben in diese Richtung "zöge". Wohlweislich hütet sich Morris, solch eine Kraft direkt zu behaupten. Die zahlreichen Beispiele der Konvergenz allein vertragen sich nämlich immer noch mit dem Prinzip zufälliger Mutation und nachträglicher Selektion, wie es der strenge Darwinismus postuliert. Doch gerade das Prinzip des Zufalls ist es ja, das Morris attackieren will.
Im Laufe der Argumentation deutet Morris immer wieder, wenn auch zurückhaltend an, dass er letztlich für eine neuerliche Metaphysik der Evolution plädieren möchte. Im letzten Kapitel geht es gar - aber wiederum ganz unaufdringlich, britisch dezent - um Gott; das ist nur recht und billig: Wer von einer gerichteten Evolution spricht, darf auch Gott ins Gespräch bringen. Wobei Morris natürlich nicht an den evolutionären Prinzipien selbst zweifelt, sondern eben nur an deren völliger Planlosigkeit.
Doch die Existenz einer Entwicklungsrichtung zu beweisen, gelingt ihm nicht. Sein Mäandern zwischen Zufall und Selektion einerseits, Gerichtetheit und Adaption andererseits bleibt für den Leser aber immer außerordentlich anregend und ist vielleicht sogar ein Hinweis auf den Ursprung - und damit die Lösung? - des zugrunde liegenden Problems.
Vielleicht, denkt man, zumal wenn man sich diesem evolutionstheoretischen Buch aus einem philosophischen Blickwinkel nähert, ist die Antwort auf die Frage nach einer Entwicklungsrichtung nicht im Material selbst zu finden. Sondern vielleicht gibt uns der menschliche Verstand mit seinem Entweder-Oder bestimmte Denkmöglichkeiten gleichsam apriorisch vor: entweder Zufall oder Intention. Etwas Drittes können wir schwer denken. Von ihm zu erzählen, wäre Aufgabe einer ganz anderen, nämlich nicht empirischen, sondern erkenntnistheoretischen Geschichte.
Simon Conway Morris: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. A. d. Engl. v. S. Schneckenburger. bup, 367 S., 44,90 Euro.