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Experimentelle Lyrik: Der Herr der Herde

Die Zeit in ihrer Gänze mit den Mitteln der Poesie zu erfassen: Das versucht Oswald Egger in seinem Großwerk "Die ganze Zeit". Morgen erhält er dafür den ersten Oskar-Pastior-Preis. Von Katrin Hillgruber

Auch dem Gstanzerl nicht abgeneigt: der Südtiroler  Egger.
Auch dem Gstanzerl nicht abgeneigt: der Südtiroler Egger.
Foto: r. Haid/dpa

Ein vielstimmiges Gemurmel erhob sich im September 2000 bei Oswald Eggers Lesung in Jemens Hauptstadt Sanaa. Instinktiv hatten die Araber den Dichter erkannt, denn: Wer einmal die Rede des Südtiroler Lyrikers Oswald Egger vernommen hat, ahnt, was das einmal war und wieder sein kann: der urtümliche Gesang der Natur und der Dinge.

Aufgabe des Künstlers sei es, das Geheimnis zu vergrößern, sagte der Maler Francis Bacon. Er hätte damit Oswald Egger meinen können, wenn dieser dichtet: "Ein Lenzen mit Firnrinde auf / dieser reif-vereisten / Moosweide. / Ich säe / Basiliskenkraut / in Kurven / und viele Furchen". Dieser bäuerliche Tätigkeitsbericht durchzieht auch das soeben erschienene Buch "Die ganze Zeit". Tirolische Flurnamen, süd- oder oberdeutsche Phänomene wie "Wucht-Gumpen" werden von Zeitangaben jäh unterbrochen und strukturiert. Es ist immer wieder ein Erlebnis, den Autor selbst lesen zu hören, zu hören, wie er scheinbar zufällig einsetzt, wie er Pausen setzt und das soeben Gesagte mal selbstironisch, mal sprichworthaft nachflackern lässt: "Ich habe ein / Streifenfell / vergoldet, mit / Knöpfchen besetzt".

Das Buch

Oswald Egger: Die ganze Zeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 742 Seiten, 44,80 Euro.

Es verwundert nicht, dass der 1963 in Lana geborene Oswald Egger sein Studium an der Universität Wien mit einer Arbeit über die Poetik des Hermetischen abschloss. Lange Jahre leitete er die renommierten Kulturtage in Lana und gab die Zeitschrift Der Prokurist heraus. Er lebt mit seiner Familie seit 2002 in Wien und auf der Museumsinsel Hombroich bei Neuss, einer Einladung des inzwischen verstorbenen Lyrikers Thomas Kling folgend. Mit ihm verband ihn neben dem Glauben an die Magie der Worte die Liebe zur Südtiroler Landschaft, zum Gelände des spätmittelalterlichen ungestümen Troubadours Oswald von Wolkenstein - Kling verfasste den Monolog "wolkenstein.mobilisierun´". Seinen heutigen Nachfolger auf Hombroich nannte er mit schalkhafter Wertschätzung "das ,Ungeheuer Horaz mit italienischem Pass". In dem schmalen, wie stets bei Egger höchst gehaltvollen Band "-broich. Homotopien eines Gedichts" (Edition Korrespondenzen) beobachtete er 81 Tage lang das rheinumflossene "Ungelände". Ort- und heimatlos hingegen soll nun das Ich in "Die ganze Zeit" sein.

"Mein Leben war eine Feuer-Lilie, die auf Heu blüht": Eine Feuerlilie betritt als erste das Feld von 742 Seiten. Feuerrot ist auch das Buch, das in einer Auflage von 2500 Exemplaren erscheint, mit einem labyrinthischen grünen Fadenmuster auf dem Leineneinband: Poesie, die trotz ihrer 1200 Gramm wunderbar in der Hand liegt. Sie verheißt ein echtes Abenteuer, wenn man sich auf sie einlässt.

Für sein ungeheures Vorhaben, die Zeit in ihrer Gänze mit den Mitteln der Poesie zu erfassen, beziehungsweise sich diesem Desiderat zu stellen, hat sich Egger des Geleitschutzes zweier prominenter Stewards oder Platzanweiser versichert: Ein Ausschnitt aus den "Confessiones", den "Bekenntnissen" des Augustinus führt in das Werk ein. Egger übersetzte selbst die Passagen aus dem Lateinischen neu, in denen Augustinus die Zeit als menschliches Bewusstseinsphänomen definierte. Gut siebenhundert Seiten später weist der spätantike römische Philosoph Boëthius den Weg wieder hinaus. "Wenn wir deshalb den Dingen treffende Namen beilegen wollen", schrieb Boëthius, "so wollen wir sagen, dass Gott ewig, die Welt aber dauernd ist."

In diesem Kontext fragt sich das schillernde, mäandernde Ich: Was tue ich die ganze Zeit, die ich als Ganzes ja nicht erkennen kann. Was für ein Ich spricht in diesem Konvolut, in diesem lyrischen Roman? Es ist mal tierisch, mal pflanzlich und in dieser Unbestimmtheit beinahe göttlich. Für den Autor "treten diese Ichs wie artesische Brunnen allenthalben aus den Landschaften hervor. Sie haben etwas von Stimmen, die selber nicht mehr sprechen können. Es könnten auch kleine Grabsprüche sein. Das andere ist, dass sie wie Schritt auf Schritt aus der Erde hervortreten als kurzzeitige Redeform."

Der Feuerlilie folgen unzählige, unzählbare Naturphänomene: ein sich zerfleischendes und über seine Zerfleischung nachdenkendes Tier, flankiert von Kürbissen, Flug-Schiefern, Vogelschellen, Zypressen. In einem mittleren Textbalken wird über die verrinnende Zeit nachgedacht, umrahmt von fettgedruckten Vierzeilern, die der Südtiroler als Gstanzerl oder Schnaderhüpferl verstanden wissen möchte: Kokette Zwischenreden, ironische Kommentare, Spruchweisheiten. Als drittes Element kommen Zeichnungen des Autors hinzu: Kringel, Fadenenden, Knoten, Gewächse. Das alles ergibt eine unverwechselbare Wiese der Phänomene und Begrifflichkeiten, die "Herde der Rede", wie ein Poem Eggers heißt, das wiederum auf "Poemandern Schlaf (Der Rede Dreh)" und den Komplementärband "Die Erde der Rede" von 1993 reflektiert. "Poemander" heißt das geheimnisvolle Werk der Sagengestalt des Hermes Trismegistos, auf den neben der "hermetischen" Dichtung okkulte Geheimlehren zurückzuführen sind. Beständig der Rede Herr zu werden: Auf diese Formel lässt sich Eggers poetisches Bemühen bringen.

Seit seinem zweiten Buch bei Suhrkamp, dem von der Stiftung Buchkunst prämiierten "Nichts, das ist" (2001), arbeitet er mit der Setzerin Nina Knapitsch zusammen. Die Gestaltung der Seiten ist für ihn ein eigener poetischer Akt. Über seine Texte sagt er: "Es gibt sozusagen keinen Faden, den man verlieren kann. Das ist dieses offene, dieses modulare Prinzip - deswegen braucht es eine rigide Form, für die man sich entscheidet, um diese dann nicht nur auszufüllen, sondern - Oskar Pastior hätte gesagt: austricksen zu können. Es wird das Buch als Objekt gedacht. Erst ist das Format da, zeitgleich Schriftgröße, Zeilenabstand, Satzspiegel. Und dann wird das Gefäß, das so entschiedene, gefüllt."

Morgen Abend erhält Oswald Egger im Berliner Roten Rathaus den mit 40.000 Euro dotierten Oskar-Pastior-Preis für experimentelle Lyrik. Einen passenderen ersten Kandidaten hätte die gleichnamige Stiftung kaum finden können: "Mit Spielwitz und Risikofreude macht er noch die entlegensten Vokabularien und Wortschätze zum Material seiner mathematisch-poetischen Versuchsanordnungen und treibt so die Traditionen experimentellen Schreibens voran", lautet die Begründung. Nach zahlreichen Würdigungen wie dem Lyrikpreis Meran, dem Christian-Wagner- oder dem Peter-Huchel-Preis hat diese Auszeichnung im Geiste seines rumäniendeutschen Mentors eine besondere Bewandtnis für Egger: "Oskar Pastior ist einer der Eltern, die man haben kann als Autor meiner Generation und folgender." Die Tatsache, dass er der erste Preisträger ist, der diesen "Un-Blumen"-Strauß empfängt, um eines seiner Lieblingsworte abzuwandeln, empfindet Oswald Egger als "direkte Anrede, die auch bei mir so angekommen ist, mit einer sehr emphatischen Wucht. Es ist eine sehr angenehme Aufforderung, die sich zur Aufgabe erweitert."

Autor:  Katrin Hillgruber
Datum:  27 | 5 | 2010
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